Bild: Hian Oliveira/ Unsplash
Ein Experte erklärt, wie man am besten mit Menschen mit psychischen Erkrankungen umgeht.

Als mein Handy klingelte, atmete ich erleichtert auf. Seit Wochen hatte ich nichts von meiner Freundin gehört, heute wollte sie mich anrufen und alles erklären. Als ich mit einem fröhlichen "Hallo" ans Telefon ging, hörte ich sie schluchzen. Was sie mir dann erzählte, machte mich erst mal sprachlos.

Triggerwarnung

In den folgenden Absätzen geht es um häusliche Gewalt und psychische Erkrankungen. Falls du in so einer Situtation bist und Hilfe brauchst, kannst du dich an die kostenlose Nummer der Telefonseelsorge wenden: 0800/111 0 111, 0800/111 0 222 oder 116 123.

Ihr Freund misshandle und schlage sie, sagte sie. Seit Monaten habe sie ihre blauen Flecken abdecken müssen. 

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass nicht alles davon stimmt. Dass der Anruf an sich der Hilferuf war und nicht, was sie mir währenddessen erzählte. Später wurde klar, dass sie nicht absichtlich Geschichten erfindet, sondern eine Krankheit sie dazu bringt: Meine Freundin hat eine Borderline-Störung. 

In Deutschland erkrankt jeder Vierte einmal in seinem Leben an einer psychischen Krankheit (Der Nervenarzt). Nicht nur die Betroffenen leiden darunter, sondern auch Freunde und Familie. Menschen, die dem Kranken nahestehen, erleben oft eine Skala von Gefühlen, die von Verständnis über Verzweiflung bis zu Frustration und Wut reichen kann. 

Wie geht man mit diesen Gefühlen um? Und wie kann man helfen, ohne dabei die eigenen Grenzen oder die des anderen zu überschreiten?

Nach der Diagnose

Wird jemand mit einer psychischen Krankheit diagnostiziert, ist das Umfeld oft überfordert. Bastian Willenborg, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, rät in dieser Situation zu Direktheit. "Wichtig finde ich, dass man nach der Diagnose erst mal offen damit umgeht und den Dialog sucht, beispielsweise einfach fragt: Du hast eine psychische Erkrankung, möchtest du mit mir darüber reden?" Es könne auch hilfreich sein, die eigene Unsicherheit zu thematisieren. "Man darf auch zugeben, dass man gar nicht weiß, was die Krankheit bedeutet. Wichtig ist, dass man einfach authentisch, offen und ehrlich ist und den anderen Menschen auch mit in seine Gedanken einbezieht." 

Bastian Willenborg, 41, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Chefarzt der Oberberg Fachklinik Berlin Brandenburg

(Bild: www.oberbergkliniken.de/ Wolfgang Stahr)

Muss ich mich schuldig fühlen?

Nachdem meine Freundin und ich aufgelegt hatten, hatte ich viele Fragen an mich selbst. Ich machte mir Vorwürfe: Wieso habe ich nie etwas gemerkt? Wieso habe ich mich nicht öfter bei ihr gemeldet? Hätte ich ihr eine bessere Freundin sein können? Ich ging unsere letzten Nachrichten durch, auf der Suche nach einem früheren Hilferuf, den ich vielleicht übersehen hatte.

Aber sind solche Schuldgefühle berechtigt? Nein, sagt Doktor Willenborg. "Es ist ja nicht so, dass man bewusst nicht geholfen hat. Man war vielleicht eher überfordert und wusste nicht, was man tun soll. In diesen Situationen haben Schuldgefühle keinen Raum." Die Befürchtung, eine schlechte Freundin gewesen zu sein, kann er nachvollziehen. "Aber es gibt auch andere Situationen in Freundschaften, wo man eine bessere Freundin oder ein besserer Freund hätte sein können – beispielsweise, wenn man etwas vergisst oder egoistisch war." Durch die Diagnose bekomme man aber eine Chance, gemeinsam zu schauen, wie man mit der Situation umgehen kann.

Soll ich mich aufdrängen?

Um meine Schuldgefühle zu besänftigen, schrieb ich meiner Freundin aufmunternde Nachrichten, recherchierte im Internet, versuchte, sie zu einer Therapie zu bewegen. Ich fuhr in unsere Heimatstadt, um sie vor Ort zu unterstützen. Doch je mehr ich den Kontakt suchte, desto mehr schien sie sich von mir zu entfernen. Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen. Irgendwann antwortete sie nur noch vereinzelt auf meine Nachrichten. War ich beim Versuch, zu helfen, zu weit gegangen?

"Wenn nach Hilfe gefragt wird, kann man den anderen gerne unterstützen", sagt Willenborg. Hilfe aufdrängen sollte man jedoch auf keinen Fall. "Das ist grenzüberschreitend und kann nur die Beziehung belasten." Gut sei es aber, auf konkrete Probleme hinzuweisen, die der andere hat, beispielsweise hoher Alkoholkonsum oder starke Stimmungsschwankungen. Diese Rückmeldung gebe dem anderen das Gefühl, eben nicht nur wegen seiner Krankheit, sondern als ganzer Mensch wahrgenommen zu werden.

Muss ich alles aushalten?

Als ich über gemeinsame Freunde erfuhr, dass viele der Geschichten meiner Freundin nicht stimmten, wusste ich erst mal überhaupt nicht, was ich denken sollte. Ich fühlte mich ausgenutzt und manipuliert. 

Doch nachdem ich mich mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt hatte, verstand ich, dass meine Freundin wenig für ihr Verhalten konnte. Eine Borderlinestörung und auch andere psychische Erkrankungen machen es für den jeweiligen Menschen schwierig, stabile Beziehungen aufrechtzuerhalten, gleichzeitig haben sie große Verlustangst. Aus Angst, einen Menschen zu verlieren, erfand meine Freundin Geschichten. Was erstmal wie eine Lüge wirkt, ist kein bewusster Prozess, sondern vielmehr eine Verhaltensweise, die sich über die Zeit für sie bewährt hat. 

Wenn jemand eine psychische Erkrankung hat, müssen Angehörige und Freunde nicht alles hinnehmen, sagt Willenborg. Sie sollen ihre Freunde nicht anders behandeln wie früher. Auch problematische Situationen dürfe man weiterhin ansprechen. Dabei geht es auch um Selbstschutz: "Selbst wenn ich weiß, dass meine Freundin das so nicht meint, weil sie eine psychische Erkrankung hat, tut mir das ja trotzdem weh." 

Sich um andere zu kümmern, kann anstrengend sein. Der Psychologe findet es deshalb wichtig, dem anderen auch zu zeigen, wenn man gerade Zeit für sich braucht. "Nur wenn es einem selber gut geht, kann man auch eine gesunde Freundschaft führen." Helfen könne, klare Grenzen zu setzen und beispielsweise nur zu bestimmten Uhrzeiten erreichbar zu sein. 

Außerdem erinnert er daran, dass Freunde und Angehörige den anderen nunmal nicht heilen, sondern nur in seiner Heilung unterstützen können:

„Freunde und Bekannte sind keine Therapeuten.“

"Man denkt zwar: Du bist doch meine Freundin, du musst doch für mich da sein. Aber wenn sich jemand das Bein gebrochen hat, gipst man das doch auch nicht ein, wenn man nicht weiß, wie das geht", sagt Willenborg.

Freunde bleiben

Eine Diagnose für die Krankheit meiner Freundin zu haben, half mir, sie besser zu verstehen und mir und ihr nicht die Schuld für die Situation zu geben. Durch eine gewisse emotionale Distanz näherten wir uns wieder an. Heute versuche ich nicht mehr, sie zu verändern. Und nicht ständig zu fragen, wie es ihr geht – sondern auch Zeit mit ihr zu verbringen, ohne über die Krankheit zu reden. 

So empfiehlt das auch Willenborg. Die Krankheit nicht in den Mittelpunkt der Beziehung zu stellen, sondern zu überlegen: "Was ist mir in der Freundschaft wichtig? Warum mag ich die Freundin so gerne? Weil sie witzig ist, weil wir gemeinsame Interessen haben? Denn das sind die Aufgaben einer guten Freundin – schöne Dinge zusammen zu machen und das Krankheitsthema untergeordnet zu betrachten."


Sport

Judoka Timo Cavelius: "Für Homophobie ist heute kein Platz mehr, auch nicht im Profisport"
Im Interview erzählt der Nationalmannschafts-Kämpfer, wieso sein Coming-out ihn noch stärker gemacht hat.

Timo Cavelius ist 23 Jahre alt und steht in seiner Gewichtsklasse auf Platz 42 der Judo-Weltrangliste. Als Mitglied der deutschen Nationalmannschaft fliegt er für Wettkämpfe und Trainingslager um die ganze Welt, noch dieses Jahr möchte er einen Nachrückplatz für die Olympischen Spiele ergattern. 

Timo ist ein Ausnahmetalent im Judo, aber auch eine Ausnahme im Umgang mit seiner Sexualität als Sportler: Vor vier Jahren hat er sich als schwul geoutet, ganz ohne Skandale oder größere Probleme. Wieso gilt der Spitzensport dann immer noch als homophob? 

bento: Timo, vor unserem Treffen habe ich das Internet durchforstet: Ich habe einiges zu deinen sportlichen Erfolgen gefunden, aber fast nichts über dein Privatleben, geschweige denn dein Coming-out – woran liegt das?

Timo Cavelius: Für mich stehen meine sportlichen Leistungen im Vordergrund. Wenn die Medien über mich berichten, dann in erster Linie über Medaillen, Erfolge oder Rückschläge. Eine bekannte deutsche Boulevardzeitung wollte tatsächlich mal eine große Story über meine Sexualität machen – aber weil ich keine traurige oder schockierende Geschichte über mein Coming-out erzählen kann, haben sie das Thema fallen gelassen.

bento: Heißt das, du hattest einfach keine Probleme mit deinem Coming-out?

Timo: Ich denke, ich habe emotional erst mal das Gleiche durchgemacht wie andere schwule Jungs in dem Alter auch. Als ich mit 13 Jahren gemerkt habe, dass ich mich viel mehr für andere Männer interessiere als für Frauen, habe ich es mir erst mal ewig nicht eingestanden und gedacht, das wäre nur eine Phase. Als ich dann mit 15 nach München ins "Haus der Athleten" gezogen bin, um mich auf den Sport zu konzentrieren, hatte ich in der Großstadt das erste Mal die Möglichkeit, mich auch mal mit Jungs zu treffen. Von da an war mir eigentlich klar, dass ich schwul bin. Ich hatte meine erste Beziehung und habe auch mit Freundinnen und meiner Familie angefangen darüber zu sprechen. Ich hatte es damals dann eigentlich schon als einen ganz normalen Teil von mir akzeptiert.