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"Ich bin Hure und stolz drauf", das steht auf ihrem T-Shirt, neonpink auf schwarz. Sie sagt: "Ich bin tatsächlich stolz, eine Hure zu sein. Ich bin selbstständig und kann arbeiten, wann und wie lange ich möchte. Ich liebe meinen Beruf."

Sie ist 24 Jahre alt, hat schwarze Haare, die bis zur Hüfte reichen. Extensions. Dazu Lippenstift, goldene Kreolen, kurze, schwarze Daunenjacke mit echtem Waschbärenpelz, eine helle Jeanshose mit Glitzersteinen. Sie möchte anonym bleiben, aus Angst vor ihrem Zuhälter; er habe auch eine aggressive Seite, das weiß sie, wenn auch nicht aus eigener Erfahrung. Deswegen nennen wir sie Claudia.

Es ist ein regnerischer Dienstagabend auf dem Hamburger Kiez, kaum Menschen auf dem Bürgersteig und in den Läden, ein ungewohnter Anblick.

Claudia bestellt sich in einem Restaurant einen Burger mit BBQ-Sauce. Sie könne alles essen, was sie will, ohne zuzunehmen, sagt sie. "Meine Mädels auf der Straße sind mega-neidisch auf meine Figur."

Claudia erzählt von früher: Mit 17 Jahren hatte sie ihren Realschulabschluss absolviert und fing danach eine Ausbildung zur Friseurin an. Schon als Kind wusste sie, dass sie Friseurin werden wollte. Sie liebte es, die Haare ihrer Puppen und Freundinnen zu frisieren. Drei Jahre später schloss sie ihre Ausbildung ab und wurde sofort übernommen. Sie wollte ihren Meister machen und irgendwann den Salon leiten. Ein Traum, der unerfüllt bleibt.

Im Slider: Was das Prostitutionsschutzgesetz bedeutet
In Deutschland werden mit Prostitution fast 15 Milliarden Euro jährlich umgesetzt, schätzt das Bundesamts für Statistik.
2017 soll ein neues Prostitutionsgesetz in Kraft treten. Es verpflichtet sowohl männliche als auch weibliche Prostituierte, ihre Tätigkeit bei der Behörde anzumelden. Das erklärte Ziel der Politik: Das Gesetz soll Prostituierte vor der Illegalität schützen.
Außerdem verpflichtet das Gesetz Prostituierte unter 21 Jahren, alle sechs Monate zur einer Gesundheitsberatung zu gehen. Ab 21 Jahren erfolgt die Beratung jährlich.
Die Sexarbeiterlobby wehrte sich massiv gegen das Gesetz. So wie hier vor dem Bundestag in Berlin:
Selbst Sozialverbände wie das Evangelische Werk für Diakonie lehnen eine Anmeldepflicht ab. Sie fürchten, Prostituierte könnten in die Illegalität abgleiten. Damit wäre das Gesetz kontraproduktiv.
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Mit 21 Jahren lernte Claudia ihren jetzigen Freund, 29, in einem Club auf der Reeperbahn kennen, als "Mein Gebieter" hat sie seine Nummer heute auf ihrem Smartphone abgespeichert.

Sie erinnert sich so an ihre ersten Monate: Nach wenigen Wochen waren sie ein Paar. Er erzählte ihr, er arbeite im Sicherheitsdienst, blieb aber häufig nachts weg, das machte Claudia misstrauisch. Er jobbe auch als Türsteher auf dem Kiez, erklärte er dann. Später fand Claudia sehr große Geldscheine in seinem Portemonnaie. Sie fragte wieder nach, und er gestand: Er ist Zuhälter, ein Dutzend junger Frauen schaffen für ihn an.

Ich wollte mich sofort von ihm trennen. Doch meine Liebe zu ihm ist groß.

Bereits nach wenigen Monaten sagte er ihr, dass sie mehr verdient als beim Friseur, wenn sie ihren Körper für Geld verkauft. Sie lehnte ab. Auch, als er es ihr wieder und wieder sagte. Dann fing er an, ihr Goldschmuck, Schuhe und Handtaschen zu schenken und sie in teure Restaurants auszuführen. Claudia gefiel der Luxus, den sie sich nicht hätte leisten können.

Das änderte sich, als er einige Monate später von ihr verlangte, sie müsse für die Geschenke aufkommen und ihre Schulden bei ihm begleichen. Sie sei schockiert gewesen, erinnert sich Claudia, sie habe nicht gewusst, was sie tun sollte. Er sagte wieder, dass sie auf der Straße viel mehr verdienen könne.

Irgendwann fing sie dann tatsächlich an, für ihn anzuschaffen. Da war sie 22 Jahre alt. Das erste Mal sei noch "merkwürdig" gewesen.

Viele Frauen in Deutschland entscheiden sich bewusst für die Prostitution, auch ohne den Einfluss eines "Gebieters". Sie sind stolz auf ihre Arbeit, genießen es, schnell viel Geld zu verdienen, sie verweisen auf ihre Recht auf freie Berufsausübung und ihre sexuelle Selbstbestimmung.

Und trotzdem gibt es daneben eben auch viele Frauen wie Claudia: Sie sei durch eine klassische Methode ins Milieu gelangt, so bewertet es Juliane von Krause aus der Ferne, sie arbeitet als Koordinatorin bei Terre Des Femmes in München. Der Mann schmeichle ihr, mache ihr Geschenke, verwöhne sie, bringe ihr Verständnis und Einfühlungsvermögen entgegen – mit dem klaren Ziel vor Augen: Sie soll sich in ihn verlieben.

Das ist eine ganz perfide Masche: Die Täter suchen sich Frauen aus, die emotional bedürftig sind.
Juliane von Krause

Nach und nach würden sich Frauen wie Claudia von ihrer Familie und Freunden abschotten, sagt von Krause, so geraten sie immer mehr in die Abhänigkeit.

Tatsächlich distanzierten sich auch Claudias Freunde und ihre Familie nach und nach von ihr, als aus einer Vollzeitfriseurin eine Vollzeitprostituierte wurde. Das habe sie schon traurig gemacht, sagt Claudia; aber an ihrer Liebe oder an ihrem neuen Job habe sie deswegen nicht gezweifelt.

Vier bis fünf Mal in der Woche steht Claudia auf der Reeperbahn mit ihren Kolleginnen, bis spät in die Nacht. Ihr "Gebieter" wacht stets im Hintergrund über die Frauen.

Frauen, die nicht als Prostituierte arbeiten, sind in der Hamburger Herbertstraße nicht erwünscht.(Bild: Imago)

"An den Wochenenden haben wir gut zu tun und können uns vor Freiern kaum retten, unter der Woche sieht es ganz anders aus. Ich muss aktiv auf die Männer zugehen und ihnen ein Angebot unterbreiten. Die meisten nehmen es nicht an oder gehen stumm weiter, ohne mit der Wimper zu zucken."

Ab 30 Euro kann jeder Mann mit Claudia Sex haben; der Freier hat 15 Minuten mit ihr, in denen sie fast alles macht. Von Oralsex bis hin zum Vaginalverkehr. Grob geschätzt verdiene sie im Durchschnitt 250 Euro pro Tag, am Wochenende manchmal das Dreifache. 60 Prozent davon gehen an ihren Freund, den Zuhälter. Sie selbst behalte 2000 bis 3000 Euro im Monat, als Friseurin hatte sie 1000 Euro netto.

Den Burger hat Claudia verschlungen, Pommes und Salat noch, dann ist der Teller leer, sie bezahlt und geht. Auf dem Kiez begrüßt sie ihre Kolleginnen mit "Hey, ihr Fotzen". Sie geht durch eine unauffällige Tür ins Treppenhaus, in dem es nach muffiger Wäsche riecht.

Im Obergeschoss befinden sich mehrere Räume, einer davon ist Claudias Arbeitsplatz. Doppelbett, Stuhl, dunkle Gardinen, auf dem Nachttisch Kondome und Gleitgel. Im Nachbarzimmer stöhnt ein Mann.

Meine Kunden suche ich mir selbst aus, aber ich darf nicht wählerisch sein, sonst würde ich gar keine haben.
Claudia

Ihre Freier seien zwischen 20 und 50 Jahre alt, schätzt Claudia. Sie weiß nicht, wer sie sind, als was sie arbeiten, ob sie verheiratet sind oder nicht.

Einige von ihnen seien schon grob geworden. Ohrfeigen. Sie habe auch schon Dinge abgelehnt, die Kunden von ihr verlangten. "Nur weil ich als Hure arbeite, gibt es den Männern keinerlei Rechte, einer Frau gegenüber gewalttätig zu werden."

Der Job sei hart, sagt sie, aber er mache ihr Spaß und sie verstehe sich gut mit den Mädels auf der Straße. Als Friseurin habe sie sich ihren heutigen Luxus nicht leisten können.

Nur manchmal, erzählt sie, vermisse sie schon ihre Kolleginnen aus dem Friseursalon. "Aber eine Rückkehr ist ausgeschlossen. Das hier ist meine Zukunft. Mit meinem Freund möchte ich eine Familie gründen. Ich liebe Kinder. Zwei will ich mindestens haben, einen Jungen und ein Mädchen."

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