Ich stand nackt am Fenster und blickte auf die Skyline von New York. Hinter mir lagen die wohl schönsten und schrecklichsten vier Monate meines bisherigen Lebens.

Ein knappes Jahr zuvor hatte ich zum ersten Mal New York besucht, meine Schwester und ich hatten unsere beider Herzenswunsch erfüllt und gemeinsam in der Stadt Urlaub gemacht. Danach musste ich unbedingt zurück, deswegen bewarb ich mich um ein Forschungssemester an der Columbia University.

Als ich die Zusage bekam, war ich ängstlich und aufgeregt zugleich. Ängstlich ganz alleine in New York zu leben und aufgeregt, dass dieses Abenteuer mein eigenes sein würde. Ich spürte, dass mein Selbstvertrauen diesen Soloflug brauchte, um zu wachsen.

Wer ist Anna Klausner?

Es gibt sie wirklich, sie heißt aber anders. Geboren in den Achtzigern, ehemaliges Landei, fühlt sich überall und nirgends zu Hause. Ist notorisch neugierig und meint, man müsse alles einmal probieren, bevor man es doof finden darf. So auch eine offene Beziehung, das Thema ihrer bento-Kolumne.

Und mein Verlobter Leo war eben Leo. Kein Wort, dass er mich vermissen würde, nur grenzenloser Beistand, wenn ich kurz vor Abflug mal wieder meinen Pass suchte. Ich liebte ihn dafür, dass er mich ermunterte, diese Chance zu ergreifen. Er verstand, dass ich diese Erfahrung allein machen wollte und musste. So wie er sofort verstanden hat, warum ich ihn damals, vor anderthalb Jahren, um eine offene Beziehung gebeten hatte.

Zum Nachlesen: In der Fotostrecke findest du alle Kolumnen von Anna
"Ich will auch mit anderem Sex haben!" Im ersten Teil erzählt sie, wie ihr Verlobter auf diese Ansage reagiert hat. Die ganze Kolumne lest ihr hier.
In der zweiten Kolumne gehts ums erste Mal auf einem Swinger-Datingportal – und die große Frage: zusehen oder zusehen lassen? Den ganzen Text findet ihr hier.
Auf das Swinger-Datingportal folgt natürlich die erste Sex-Party. Wie Anna Klausner sie erlebt hat, lest ihr hier.
Bis jetzt wusste eigentlich niemand aus dem Familien- und Freundeskreis von ihrer offenen Beziehung. Dann entschieden sich Anna und ihr Verlobter, ihre besten Freunde einzuweihen. Wie das ankam, hat Anna in dieser Kolumne aufgeschrieben.
Auf die beste Freundin folgt die Schwester – nur war dieses Outing nicht geplant. Wie's gelaufen ist, könnt ihr hier nachlesen.
Vier Monate studierte Anna Klausner in New York – und lernte Ed kennen. Plötzlich fragte sie sich: Liebe ich Leo überhaupt noch? Hier geht's zu dieser Kolumne.
Zurück in Deutschland, zurück bei Leo kämpfte Anna mit sich: Habe ich Leo betrogen? Würde er mir verzeihen? Wie Leo reagiert hat, lest ihr hier.
Was hat Anna Klausner in fünf Jahren offener Beziehung gelernt? Hier geht's zu ihrem letzten Text.
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Doch als wir uns schließlich am Flughafen voneinander verabschiedeten, konnte ich die Trauer in seinen Augen sehen. Vier Monate ohne den anderen einschlafen, keine Küsse zum Aufwachen, keine Filmabende mit Unmengen Junkfood, nach denen wir uns gegenseitig den vollen Bauch kraulten.

Die offene Beziehung hatte uns als Paar bislang nichts anhaben können – im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, dass sie uns nur noch enger hat zusammen wachsen lassen. Aber würden wir auch eine viermonatige räumliche Trennung unbeschadet überstehen?

Gefühlt hundert Videotelefonate und mindestens ebenso viele WhatsApp-Nachrichten lagen inzwischen hinter uns. Morgen sollten wir uns wiedersehen. Doch anstatt mich zu freuen, hatte ich Angst. Unsere letzten Telefonate hatten wir uns nicht unsere Liebe bekundet, sondern Vorwürfe gemacht. Der Grund dafür lag in diesem Augenblick hinter mir im Bett.

Keine Woche nach meiner Ankunft hatte meine Mitbewohnerin, eine echte New Yorkerin, mich zu einer Party ihrer Freunde geschleppt. Dort hatte sie mir Ed vorgestellt. Zuerst dachte ich, wir seien "friends with benefits". Dann war ich schließlich diejenige, die ein Kribbeln im Bauch verspürte.

Leo genoss sein vorübergehendes Singledasein genauso wie ich. Doch während er jeden Abend in unser Bett kroch – umgeben von unseren Erinnerungen an vergangene Urlaube, Sonntagsfrühstücke im Bett und Sex auf der Waschmaschine – lag ich einsam in einem fremden Bett in einer fremden Stadt. Und Ed füllte diese Leere nur zu gerne aus. Er zeigte mir sein New York, führte mich zum Essen aus, nahm mich mit zum Fußball und fuhr mit mir an den Strand.

Ed war nicht nur ein kurzer Flirt, ich war nicht nur ein-, vielleicht zwei- oder dreimal mit ihm im Bett, so wie Leo und ich es sonst immer bei unseren Ausflügen zu anderen Männern und Frauen gehandhabt haben.

Nein, Ed stellte plötzlich meine gesamte Beziehung mit Leo in Frage. Ed war plötzlich meine Beziehung in der Beziehung und ich fühlte mich wie ein Verräter.

Denn mit jeder gemeinsam verbrachten Nacht wurde die Kluft von sechstausend Kilometern zwischen mir und dem Mann, den ich heiraten wollte, noch größer.

Mussten wir uns nach anderthalb Jahren offener Beziehung doch eingestehen, was uns so viele vorausgesagt hatten: Das kann nicht gut gehen!

Hatte sich ein anderer Mann unwiederbringlich in mein Herz gestohlen oder war es doch nur Schwärmerei? Denn vier Monate konnten dreieinhalb Jahre Beziehung schließlich nicht einfach übertrumpfen. Oder?

Leo war wütend auf mich und eifersüchtig auf Ed. Doch gerade wegen dieser Eifersucht traf ich mich weiter mit Ed. Je mehr Leo mir zeigte, wie eifersüchtig er war, je mehr er Beweise meiner Liebe forderte, desto mehr zog ich mich zurück.

Unser Machtverhältnis hatte sich verschoben, unsere Beziehung war aus der Balance. Und ich fragte mich, ob ich mein altes Leben überhaupt noch wollte.

Denn Ed war unkompliziert. Er forderte nichts von mir, genoss unsere gemeinsame Zeit, wohlwissend, dass es eine "Beziehung" auf Zeit war. Für ihn machte es alles einfacher, für mich komplizierter.

Der rationale Teil meines Kopfes wusste, dass es keine Zukunft für uns geben konnte. Er war zu unreif und ich bereit für eine feste Bindung. Mein Gehirn war vernebelt, wie es nur in den ersten Monaten Verliebtheit der Fall ist. Verliebtheit – liebte ich Ed?

Liebte ich ihn so, wie ich Leo liebte? Liebte ich Leo überhaupt noch?

Ich weiß nicht, wie die Stunden vergingen bis zu Leos Ankunft. Meine letzte Vorlesung war zu Ende und ich ging in die Grand Central Station, die Zeiger der großen Uhr in der Hallenmitte schienen sich plötzlich nicht mehr zu bewegen.

Und dann sah ich ihn durch die Drehtüren langsam in die Halle kommen. Dünner war er geworden, seine Augen huschten suchend durch die Masse. Ich stand auf und ging auf ihn zu. Keine Kraft mehr zu winken. Ich sah, wie seine Augen erst leuchteten und sich dann doch schnell vor Angst verdunkelten.

Er nahm meine Hände und schaute mich an. Ich spüre, wie sein Daumen über meinen Verlobungsring streicht. Ich bin das größte Arschloch der Welt, denke ich plötzlich. Und ganz langsam, wie bei unserem ersten Kuss, berührten seine Lippen die meinen.

Und ich wusste sofort: Hier bin ich zu Hause.

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