Bild: Lukas Kissel
Warum verpflichtet man sich für immer Gott?

Simon ist 30 und will Priester werden. Im Juni wird er geweiht, er ist der Einzige im Bistum Mainz. Wir haben ihn gefragt: Warum will man heute überhaupt noch Priester werden?

Ich glaube, diese klassische Erleuchtung, bei der es einen Knall gibt und der liebe Gott einem sagt, man soll Priester werden – so etwas gibt es nicht. Jedenfalls war das bei mir nicht so.

Ich bin als Sohn eines Gemeindereferenten aufgewachsen, war früher Messdiener und Gruppenleiter bei der katholischen Jugend. Da habe ich schon gemerkt: Das ist etwas, wo ich Sinn drin sehe. Nach dem Abitur konnte ich mir zwar vorstellen, für die Kirche zu arbeiten. Nur wie, das wusste ich noch nicht. 

Nach dem Zivildienst habe ich angefangen, Theologie zu studieren. Die theoretische Ausbildung im Theologiestudium setzt sich aus ganz unterschiedlichen Fächern zusammen: Kirchengeschichte, Philosophie, Moraltheologie. Daran schließt sich die praktische Ausbildung im Priesterseminar an, man macht Praktika in einer Pfarrei und in sozialen Einrichtungen. Mich hat das sehr interessiert, die Stationen haben mir gefallen. 

Zahlen und Fakten zum Priesternachwuchs

  • Es gibt etwa 14 000 Priester in Deutschland bei etwa 23 Millionen Katholiken. Weil Gemeinden zusammengelegt und umstrukturiert werden, ist ein einzelner Priester für immer mehr Gläubige zuständig. (Deutsche Bischofskonferenz)
  • Im Jahr 1990 ließen sich noch knapp 300 Priester weihen, in den vergangenen Jahren schwankten die Zahlen zwischen 70 und 90 Priesterweihen pro Jahr. Im Jahr 2015 wurde die bislang niedrigste Zahl erreicht: Es wurden nur 58 Priester geweiht.  
  • Immer öfter gehen Bistümer völlig leer aus. Die Bistümer Mainz und Osnabrück etwa hatten im Jahr 2017 keinen einzigen Neupriester. (Deutsche Bischofskonferenz)

Dass ich den Weg als Priesteramtskandidat einschlagen will, wurde mir nach dem zweiten Semester klar. Ich habe mich selbst gefragt: Wenn du jetzt nicht anfängst, diesem Impuls nachzugehen, wann dann? 

Der Schritt ist mir nicht leichtgefallen. Einerseits ist da dieser Erwartungsdruck: Wenn du das anfängst, musst du es auch zu Ende bringen. Und wehe, es wird am Ende nichts. Auf der anderen Seite fühlt man sich total als Exot. Gehe mal auf eine Party und erzähle, was du studierst. "Was?! Theologie?"

Das hat schon an mir gezerrt. Aber es war eben etwas, dass ich ausprobieren wollte. Also habe ich es getan.

Diese eine Erleuchtung hatte ich nicht.
Simon

Wenn ich erzähle, das ich Priester werden will, verbinden die Leute damit sofort konkrete Vorstellungen. Viele Menschen, die mit der Kirche nicht so vertraut sind, nehmen sie von außen als sehr schwerfällige Institution wahr, die Vorstellungen hat wie vor hundert Jahren. Erst recht, wenn dann noch das Thema Zölibat dazukommt.

Diese Frage begleitet mich ständig. Sowohl, weil ich immer darauf angesprochen werde, aber auch, weil ich mich selbst frage: Will ich so in Zukunft leben? Es ist ja nicht so, als sei die Welt ein einziger Rollkragenpulli.   

Ich glaube aber, dass ein Priester heutzutage trotzdem nicht beziehungslos ist. Immerhin gehören auch Freundschaften dazu. Es wird immer Menschen geben, mit denen man sich über das eigene Leben austauschen kann, auch wenn man keine klassische Liebesbeziehung führt. Ein Priester in der heutigen Zeit, der kann nicht nur für sich in seinem Pfarrhaus existieren.

Es ist falsch, die katholische Kirche nur übers Zölibat zu definieren. Warum heute nur noch so wenige junge Menschen Priester werden wollen, das hat auch andere Gründe.

Ich glaube, dass ein Priester heutzutage trotzdem nicht beziehungslos ist.
Simon

Die Leute glauben heute nicht weniger, auch Jugendliche nicht. Aber für viele hängen Glauben und die Institution, in meinem Fall die katholische Kirche, nicht mehr zwingend zusammen. Für mich ist die Kirche lebendig, sie hat mir in meinem Leben geholfen: Ich habe dort Gemeinschaft und Miteinander erfahren.

Wenn man diese Erfahrung nicht gemacht hat, kann ich nachvollziehen, dass man die Kirche von außen als einen trägen Apparat wahrnimmt. Dann müssen wir, die Kirche, uns fragen, wie wir mehr auf die Leute zugehen können. 

Drei Fragen an Hartmut Niehues, Priesterausbilder

Hartmut Niehues bildet die Priesterkandidaten im Bistum Münster aus. Er ist der Vorsitzende der Deutschen Regentenkonferenz, in der die Priesterausbilder der katholischen Kirche in Deutschland zusammenarbeiten.

Herr Niehues, was sind die Gründe für den heutigen Priestermangel?

Nicht nur die Zahl der Priester, auch die der Katholiken insgesamt ist rückläufig. Und unter den Katholiken selbst nehmen immer weniger aktiv am Gemeindeleben teil. Da ist es naheliegend, dass es auch weniger Leute gibt, die Priester werden wollen.

Was den Zölibat, also die Ehelosigkeit der Priester, damit zu tun hat, das wird schon seit Jahrzehnten diskutiert. Das ist eine wichtige Frage, aber wir sollten nicht meinen, dass die Lösung darin liegt, das abzuschaffen. In der evangelischen Kirche gibt es verheiratete Pfarrer und Pfarrerinnen, und auch dort gibt es Nachwuchsprobleme. Die Berufungskrise ist also eigentlich eine Glaubenskrise.

Was meinen Sie mit Glaubenskrise?

Wer rechnet heute noch damit, dass Gott in seinem Leben vorkommt? Dass ich ihm etwa in den Sakramenten begegnen kann? Bei vielen Menschen erntet man damit eher Achselzucken oder fragende Gesichter. Das ist nicht nur bei den jungen Leuten so, sondern zieht sich durch alle Generationen.

Was kann also getan werden, um diesen Trend umzukehren?

Als Kirche sollten wir demütig und bescheiden sein. Durch die Missbrauchs- und Finanzskandale haben wir sehr an Glaubwürdigkeit verloren. Diese Glaubwürdigkeit wollen wir zurückgewinnen. Und dann gibt es eigentlich nichts Spannenderes, als in diesen Zeiten des Umbruchs Priester zu werden.

Dass es weniger Priesterkandidaten gibt, hat auch etwas damit zu tun, dass es für viele heute nicht mehr einfach ist, sich auf etwas festzulegen. Natürlich hatte und habe auch ich immer wieder Zweifel, ob es die richtige Wahl ist, Priester zu werden. Es wäre vermessen zu sagen, ich gehe da hundertprozentig sicher rein. Im Moment steht mein Vorsatz. Aber kann ich hier und heute ganz ehrlich sagen, ob ich in fünfzig Jahren noch Priester bin? Das weiß ich nicht. Man weiß nie, wie das Leben kommt.

Das soll nicht heißen, dass ich diese Entscheidung leichtfertig getroffen habe. Aber es muss, sowohl in der Ausbildung, als auch danach, immer eine kritische Selbstüberprüfung geben: Ist das noch mein Weg?

Sonst bin ich mir selbst gegenüber nicht ehrlich, vor meinen Mitmenschen nicht - und auch nicht vor Gott.  


Haha

Das wären die besten Filme von und mit Karl Marx
"Drei Engels für Charlie" oder doch "Marxtrix"?

Karl Marx, der weltbekannte Bartträger und Klassenkämpfer, wäre am 5. Mai 200 geworden, wenn er unsterblich gewesen wäre. 

Unsterblich war er allerdings nicht – dafür besitzen seine Gedanken und Schriften nach wie vor großen Einfluss in Politik-, Wirtschafts-, Geschichts- und Sozialwissenschaften der Gegenwart.