Bild: Netflix
Welche Rollen schwarze Darsteller angeboten bekommen und was das über unsere Gesellschaft aussagt.

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer Couch, er hat den Arm um sie gelegt. Eine Kamera ist auf die beiden gerichtet, der Mann dahinter stellt der Frau eine Frage: "Du hattest noch nie einen Schwarzen?" Sie lacht und verneint. "Aber ich wollte immer einen. Das sollte jede im Leben mal ausprobieren", sagt sie.

So beginnt eine Folge der Netflix-Doku "Hot Girls Wanted: Turned On", die den Alltag von Pornodarstellerinnen und Pornodarstellern in den USA zeigt. 

Sie müssen immer mehr drehen, verdienen immer weniger Geld und sind mit vielen Problemen konfrontiert. Rassismus ist eines davon – nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland.

Wieso ist Rassismus in der Pornoindustrie so verwurzelt? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

92 Millionen Menschen rufen jeden Tag allein die Seite "Pornhub" auf. 

Ein besonders beliebtes Genre auf der Plattform ist "interracial", der englische Begriff für Menschen unterschiedlicher Hautfarben oder Nationalitäten, die miteinander Sex haben. 

"Race" ist nicht gleich "Rasse"

Es funktioniert nicht, das englische Wort "race" zur Beschreibung von Menschen einfach mit dem nationalsozialistisch geprägten, deutschsprachigen Wort "Rasse" zu übersetzen: "Race" ist keine biologische, sondern eine politische und kulturgeschichtliche Kategorie (taz). Im Englischen wird der Begriff zwar auch genutzt, um äußerliche Unterschiede (etwa den Faktor Hautfarbe) kenntlich zu machen, vor allem aber dient das Wort zur Beschreibung sozialer Kategorien und Ungerechtigkeiten (Deutschlandfunk). Im Deutschen geht der Begriff aber mit Pseudowissenschaft einher, die den "Rassen" angeborene Verhaltenszüge oder sogar unterschiedlich große Gehirne zuschrieb. Das ist inzwischen wiederlegt. (SPIEGEL, €

Auf Pornhub finden sich mehr als 189.000 Einträge zum Thema "interracial". Der Suchbegriff liefert Videos mit den Titeln "Wilder greift hilfloses Opfer an" oder "Brünette liebt es große, schwarze Schwänze zu ficken". Dabei wird auch das N-Wort genutzt, das im alltäglichen Sprachgebrauch aus gutem Grund keine Verwendung mehr findet.

"Grundsätzlich kann man sagen, dass im Porno nicht-weiße Menschen oft als 'das Exotische' fetischisiert werden", erklärt Madita Oeming, 33. Die promovierende Kulturwissenschaftlerin forscht zu Pornos und gibt an der FU Berlin ein Seminar zum Thema "Porn Studies". Sie sagt: "Stereotype Darstellungen gibt es in allen Medien, aber der Porno lädt natürlich besonders dazu ein, Menschen auf ihre körperlichen Merkmale, wie ihre Hautfarbe, zu reduzieren."

Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming: "Auch strukturell gilt, weiße Menschen sind in der Pornoindustrie – wie überall – privilegiert."

Natürlich sind Stereotypen nicht nur in der Kategorie "interracial" zu finden. Auch andere Filme zeigen immer wieder dieselben einseitigen Bilder, wie devote Frauen und dominante Männer. 

Doch sobald der Fokus auf Sex zwischen verschiedenen Nationalitäten oder Hautfarben liegt, führt dies offenbar automatisch zu rassistischen Vorurteilen, um sich von anderen Kategorien abzuheben.

In dem Genre gibt es ein besonders klares Schwarz-Weiß-Bild. 

Konkret bedeutet das, dass die Filme ein ähnliches Muster haben: Ständig wird die nicht-weiße Hautfarbe thematisiert und in den Vordergrund gestellt – und mit einer anderen Hautfarbe kontrastiert. Dabei geht es meist um die Kombination schwarze Männer und weiße Frauen. Die körperlichen Merkmale der Männer werden dabei übertrieben, beispielsweise als "BBC", also Big Black Cocks beworben. 

"So wirkt das noch mehr wie ein Fetisch", erzählt Josy Black, 26. Sie ist Pornodarstellerin und seit sechs Jahren im Geschäft. Die Übertreibung würde dazu führen, dass der Sex mit schwarzen Menschen als etwas Verbotenes und Spezielles angesehen werden würde. Was wiederrum Vorurteile und Rassismus verstärke.

Pornodarstellerin Josy Black arbeitet seit sechs Jahren in der Branche. 

(Bild: Privat)

Madita Oeming bestätigt, dass es im "interracial porn" besonders oft um die Fetischisierung des schwarzen Körpers, vor allem der Männer, gehen würde. Die rassistische Darstellung als muskulös, überpotent und animalisch sei ein kulturgeschichtlich sehr altes Bild. "Das ist sowohl angst-, als auch lustbesetzt", sagt Madita Oeming. 

Auch Marlon, 31, und Magdalena, 26, haben diese negative Sonderstellung in der Branche beobachtet. Die beiden leiten seit zwei Jahren gemeinsam die Vermittlungsagentur "Pornagent" für Amateurdarsteller.

Marlon und Magdalena von "Pornagents" haben Erfahrung mit Rassismus in der Branche gesammelt. 

(Bild: Privat)

Die Rolle des animalischen schwarzen Mannes werde noch immer sehr häufig angefragt: "Sex mit einem schwarzen Mann wird in vielen Pornos als demütigender für die Frauen dargestellt, weil der Zuschauer dabei ein anderes Lustempfinden hat. Diese Gewaltfantasien spielen mit der Frage: 'Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?'" 

Außerdem verstärkt die Darstellung die herrschenden Vorurteile über Menschen anderer Herkunft, die sich vermeintlich hierzulande an weißen Frauen vergehen (ProAsyl). So muss Darsteller Jax Slayher seine Filmpartnerin Kylie Quinn in einem Porno, dessen Entstehung die Doku "Hot Girls Wanted: Turned On" zeigt, würgen. Es ist die Rolle, die ihm vorgegeben wurde. Privat habe er ganz anderen Sex: "Für mich ist es albern, aber dafür werde ich gebucht", erzählt er in der Doku, "und ich werde weiterhin dafür gebucht, weil die Leute es sehen wollen."

Bilder wie dieses seien Überbleibsel des Kolonialismus, in dem schwarze Menschen oft als das primitive, hypersexuelle und triebgesteuerte Andere gesehen wurden, erklärt Oeming. 

Ähnliche Zuschreibungen gebe es zwar auch gegenüber weißen Männern, doch schwarze Männer seien durch die Kombination mit anderen Stereotypen besonders von diesen Vorurteilen betroffen.

Rassistische Vorurteile herrschen zudem nicht nur nach außen, sagt Darstellerin Josy Black, auch innerhalb der Industrie würden sie für Ungleichheit sorgen: "Eine weiße Darstellerin bekommt 200 Euro on top, wenn sie mit einem Schwarzen schläft." Josy kennt diese Zahlen durch ihre jahrelange Arbeit für eine Filmproduktionsfirma. Diese Bezahlung sei normal in der Branche und würde auch nicht thematisiert.

Andererseits herrschten auch unter den Darstellerinnen und Darstellern rassistische Vorurteile: "Es gab schon sehr oft Fälle, bei denen Frauen den Dreh nicht akzeptiert haben, weil der Darsteller ein Schwarzer war", erzählt Josy.

"Auch strukturell gilt, weiße Menschen sind in der Pornoindustrie – wie überall – privilegiert", erklärt Oeming. Deswegen sei das kein Problem der Branche, sondern ein allgemeines. "Pornos sind ein Spiegel: Wir sehen in Pornofilmen den Rassismus unserer Gesellschaft." Erst wenn es diesen nicht mehr gäbe, würden auch Vorurteile in den Filmen verschwinden: "In einer idealen Welt würden Hautfarbe oder Herkunft in der Dramaturgie und Vermarktung von Pornos keine Rolle mehr spielen." 



Gerechtigkeit

Geheime Kommunikation: Die Demonstrierenden in Hongkong nutzen einen Apple-Trick

Seit etwa vier Monaten gehen die Menschen in Hongkong auf die Straße: Was als Protest gegen ein umstrittenes Auslieferungsgesetz begann, hat sich zu einer demokratischen Massenbewegung entwickelt. Zu den größten Kundgebungen kamen mehr als eine Million Menschen, also jeder siebte Einwohner.

Zuletzt geriet die Polizei wegen ihres harten Durchgreifen erneut in die Kritik, nachdem am 1. Oktober, dem chinesischen Nationalfeiertag, ein junger Demonstrant mit scharfer Munition angeschossen worden sein soll. (SPIEGEL)

Dass die Behörden härter durchgreifen wollen, zeigt auch ein Nostandsgesetz, das Regierungschefin Carrie Lam erließ: Von Samstag an gilt bei öffentlichen Versammlungen ein Vermummungsverbot. Wer dagegen verstößt, kann bis zu einem Jahr im Gefängnis landen. Viele der Demonstrierenden nutzten die Masken, um sich vor Tränengas und Überwachung zu schützen. (SPIEGEL)

Auch im Internet gehen die Aktivistinnen und Aktivisten ungewöhnliche Wege, um der chinesischen Staatsmacht zu entgehen: Sie verabreden sich auf Tinder und deklarieren nicht genehmigte Proteste als "Pokémon Go"-Aktionen (SPIEGEL). 

Seit Juni gewinnt außerdem die Apple-eigene Funktion AirDrop an Popularität unter den Demonstrierenden in Hongkong. 

Damit können im sehr nahen Umkreis anonym Nachrichten versendet werden, was zur Protestmobilisierung genutzt wird – ein Phänomen, das der Protestforscher Andy Buschmann derzeit vor Ort untersucht. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

bento: Andy, wie bist du darauf gekommen, das Phänomen zu erforschen?

Andy Buschmann: Ich war bereits im Sommer hier, als die Proteste anfingen. Mitte Juni saß ich in der U-Bahn und bekam plötzlich eine Nachricht via AirDrop, in der ich aufgerufen wurde, zum nächsten Protest zu gehen. Das fand ich sehr erstaunlich und habe dann beobachtet, wie oft das passiert – so bin ich zum aktuellen Forschungsprojekt gekommen.

Wie genau funktioniert Messaging über AirDrop?

AirDrop funktioniert über Bluetooth und WLAN und ermöglicht es, Leuten in einem Umkreis von bis zu 13 Metern Nachrichten sowie Bilder und Dateien zu schicken. Die andere Seite bekommt dann eine Meldung und kann dann akzeptieren oder ablehnen. Das alles passiert anonym. In Hongkong funktioniert das so gut, weil es eine sehr hohe Dichte an Apple-Produkten gibt. Über 70 Prozent der Befragten in meiner Umfrage haben ein iPhone.