Warum fühlt sich das so wenig fortschrittlich an?

Als ich begann, mich für Sex zu interessieren, war mein Computer noch so langsam, dass ich auf SchülerVZ kaum chatten konnte. Pornos kannte ich keine. Meine Freundinnen und ich haben uns Sex ausgemalt und Bildchen in einen College-Block gezeichnet: Wie ein Penis in eine Scheide eindringt zum Beispiel. Ich habe mir die Bilder angesehen, wenn ich alleine war. Ich fand das heiß.

Ab und zu liefen nachts auf RTL2 Softpornos und ich schaute mir im Wohnzimmer "Eis am Stiel" oder "Liebesgrüße aus der Lederhose" an – ohne Ton, damit Mutti nicht wach wird. Einen echten Porno habe ich gesehen, als mein erster Freund seine "Exotic Beauties"-DVD im Player vergessen hatte.

Mehr über ​Mira Orlova

Sie ist 26 und kommt aus St. Petersburg. Und sie hat Fragen: Wie beeinflusst das Internet unsere Dates? Sind wir durch Apps wirklich freier geworden – oder nur freizügiger? Haben wir alle bald Roboter-Sex? In ihrer Sexkolumne will sie die Einflüsse des Internets auf unser Liebesleben diskutieren. Weil es in ihren Geschichten um echte Erlebnisse mit anderen Menschen geht, heißt Mira eigentlich anders. Safety first!

Ich erschrak, die Bilder waren hässlich. Im Close-up rammte ein Schwanz mit blauen Adern in einen Hintern, die Frau schrie, als würde sie gepfählt, was ja gewissermaßen auch stimmte. Dann steckte der Mann ihr den Schwanz in den Mund und spritzte schließlich dicke weiße Tropfen auf ihre Ballonbrüste.

Bisher war der Sex mit dem Mann, in den ich verliebt war, mal stürmisch, mal langsam, immer sehr intim und schön. Was er sich da allein ansah war das Gegenteil. Ich wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Damals war ich 15.

Zehn Jahre später war es normal für mich, online nach Pornos zu suchen. Aus "Heimlich-eine-DVD-Bestellen" wurde in diesem kurzen Zeitraum für die ganze Welt "Ein-Klick-zum-Orgasmus". Es war nicht weniger als eine sexuelle Revolution, als die Pornobranche durch das Netz explodierte. Nie war schnelle Befriedigung so einfach zu haben – für jede Neigung und Perversion, die man sich vorstellen konnte.

Je mehr Pornos man konsumiert, desto spezifischer wird der Fetisch.

Ich kenne heute Männer, die nur noch bei "Black Beauties" kommen können und den kompletten Laptop voller Bilder von schwarzen Teenagermädchen mit gespreizten Beinen haben. Andere wärmen sich mit "MILFs" auf, klicken dann auf "Pregnant Girls" und spritzen zu japanischen Kotzefressern ab. Je mehr Pornos man konsumiert, desto spezifischer wird der Fetisch.

Als ich das erste Mal auf "Youporn" schaute, damals die einzige mir bekannte Pornoseite, hatte ich davon noch keine Ahnung und wurde überwältigt. Es folgte meine Porno-Phase, in der ich alle Fantasien online ausglebte.

Ich kam schnell darauf, dass es bessere Seiten als "Youporn" gab, sah "Hentais" oder "Real Couples" an und kam mir sehr progressiv vor. Nur meinem Freund aus Teenagerzeiten gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Die Porno-Revolution hat Frauen die Welt der Sexfilme eröffnet und die abwegigsten Spielereien vom äußeren Rand der Gesellschaft auf die Bildschirme geholt, millionenfach geklickt.

Schmutziger Deutschrap über "Punkrockmuschis" (Frauenarzt) oder "Drogen, Sex und Gangbang" (Bushido) ist heute Mainstream, Pseudo-SM-Filme sind Kassenhits, Fernsehwerbung für Sextoys läuft zwischen Talkshows, im Theater wundert man sich, wenn niemand auf der Bühne blankzieht und in Berliner Clubs wird in ruhigen Ecken schon mal coram publico gevögelt.

Meine kleinen Brüder lernten mit Bukkake-Filmen wichsen und meine Nachbarin, die bei der Sparkasse arbeitet, probiert gerade Polyamorie aus, weil sie im Feuilleton einer großen Zeitung darüber gelesen hat.

Gleichzeitig, und das ist das Paradoxe, ist die Gesellschaft verklemmter als die unserer Großeltern. Ich nenne das die 50-Shades-of-Grey-isierung des Sex: Nackte Körper sind zwar überall zu sehen, aber das bedeutet noch lange keinen Fortschritt.

Hätten die Hippies gewollt, dass man per Knopfdruck in alle Körperöffnungen glotzen kann?

Das Verhältnis zum Sex ist schizophren: Wir glauben, für Fortschritt zu kämpfen, wenn wir Nippelfreiheit auf Facebook fordern oder oben ohne demonstrieren gehen. Dabei geht es nie wirklich um Freiheit, sondern immer nur um Freizügigkeit.

Als man in den Sechzigerjahren für die sexuelle Freiheit auf die Straße ging, Frauen die Pille einforderten, ihre BHs verbrannten und trotz aller Widerstände Miniröcke trugen, gab es die Vision einer friedlichen Gesellschaft, in der Sex und Liebe nicht mehr tabuisiert werden.

Hätten die Hippies gewollt, dass man ein halbes Jahrhundert später auf Knopfdruck in alle Körperöffnungen glotzen kann? Man wollte etwas Befreiendes und bekam billige Wühltischware aus dem Walmart der Liebesindustrie. Damit kam zugleich das Verbotene abhanden, das Sex aufregend gemacht hat.

Zum Klicken: Jo Broughton fotografiert leere Porno-Kulissen (Hier geht's zum Artikel)
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Kein Wunder also, dass immer mehr Vertreter der Post-Porno-Generation das genaue Gegenteil suchen und sich mein kleiner Bruder mehr für seine Freundin als für random Sex interessiert. Er ist 18 und hat kürzlich das Wort "Einfamilienhaus" in den Mund genommen.

Auch ich habe mich nach meiner kurzen Porno-Phase wie ein Kind gefühlt, das zu viel Schokolade gegessen hat und ewig keinen dieser Filme mehr angeklickt. Inmitten all der Möglichkeiten träumte ich wieder von Sex, der mehr ist, als Porno – so aufregend wie damals, als ich mit Bildchen im College-Block von Jungs fantasierte.

Ob ich das im Internet finde, ist die Frage – und ich will nichts unversucht lassen, um es herauszufinden. Mehr dazu in meiner nächsten Kolumne.


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Update: Die ganze Aktion ist ein Aprilscherz, der schon eine Woche vor dem 1. April angefangen hat. Wir sind leider darauf hereingefallen. Das hätte nicht passieren sollen, Entschuldigung!

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