Bild: Annika Krause

Kürzlich saß ich ausnahmsweise mal ohne Kopfhörer in der Bahn, zum Glück. Sonst hätte ich das Gespräch von zwei etwa 15-jährigen Jungs und einem Mädchen verpasst. Sie unterhielten sich über Sex. Mich erinnerte es daran, wie wenig ich selbst in dem Alter über Sex wusste – und es machte mir bewusst, dass Jugendliche dringend richtig aufgeklärt werden müssen. Wir sollten mehr über Pornos reden, vor allem in der Schule.

Es würde sich nicht mehr lohnen, mit einer gewissen Anna zu schlafen, sagten die Jungs. Da waren sie sich einig. Sie habe schon zuvor einige Male Sex gehabt, dadurch sei ihre Vagina total ausgeweitet. Das Mädchen widersprach. Sie beteuerte, bei ihr sei das nicht der Fall – und sie habe schon mit viel mehr Typen geschlafen. Aber die Jungs bestanden darauf: Es würde sich nicht mehr lohnen, bei Anna "den Schwanz reinzustecken". So ihre Wortwahl.

Das Gespräch machte mich wütend. Woher haben diese Jugendlichen so ein konfuses Bild der weiblichen Sexualität? Warum betrachten sie die Vagina als bloßes Loch? Ein Loch, das schon mit 15 ausleiern kann, und damit unbrauchbar wird. Schließlich kann es seine Aufgabe nicht mehr erfüllen: die Lust des Mannes zu befriedigen.

In der Werbung möglichst nackt und im realen Leben möglichst brav; so sollte eine Frau sein. Sonst gilt sie als prüde oder nuttig. Dieses Frauenbild ist im Alltag junger Menschen oft sehr präsent.

Als ich selbst 15 war, ist mir das gar nicht aufgefallen. Dementsprechend habe ich selbst über Mitschülerinnen gelacht, bei denen zwischen den Beinen ein "Cameltoe" zu sehen war. Jungs hingegen ließen gern mal zum Spaß die Hosen ganz herunter oder gaben Mitschülerinnen eine "Cockschelle". Das hieß konkret: Ein Junge stand hinter einem Mädchen und ließ seinen Penis an ihren Hinterkopf klatschen. Das fanden natürlich alle total lustig, während die Lehrer davon gar nichts mitbekamen.

Heute frage ich mich, wie ich damals einfach mitlachen konnte. Warum habe ich diesem Verhalten nichts entgegengestellt und angeprangert, dass meine Freundin derartig erniedrigt wurde?

Zum Klicken: So sieht es am Set aus "Schnick Schnack Schnuck" aus. Maike Brochhaus und ihr Partner Sören Störung wollen Pornos an Schulen bringen. (Wir haben hier mit ihnen gesprochen.)

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Was ich erst spät verstanden habe: Die Art und Weise, wie öffentlich mit der weiblichen Sexualität umgegangen wird – gerade im Vergleich zur männlichen –, hat dazu beigetragen, mit welchem Selbstverständnis ich solche Situationen hinnahm. Jetzt, wo ich dem Gespräch in der Bahn zuhöre, wird mir wieder bewusst, wie ich mich in dem Alter gefühlt habe. Wie sehr ich mich über mein Aussehen definiert habe, über die Anzahl sexueller Kontakte.

Als ich selbst anfing, Sex zu haben, passte ich mich an. Ich dachte oft, dass mit mir etwas nicht stimmt, wenn mir bestimmte Dinge weh taten, nicht gefielen oder ich einfach keine Lust auf Sex hatte. Gesagt habe ich in diesen Situationen nichts. Aber die Selbstzweifel wuchsen.

Ja, das gehört zur Pubertät dazu. Und trotzdem: Jugendliche brauchen in dieser Zeit mehr Hilfe und Unterstützung, Antworten auf ihre Zweifel zu finden. In der Werbung, in Serien und Filmen werden Frauen immer noch oft als möglichst perfekt aussehende Objekte dargestellt; deswegen sollten Kinder und Jugendliche in der Schule zeitgemäß aufgeklärt werden – über Feminismus, Geschlechtergleichheit und auch die Darstellung von Geschlechtern in Pornographie. Denn ja, Jugendliche gucken Pornos. Ihnen fällt es heute leichter, einfach auf den "Bist du 18?"-Button auf Pornoseiten im Internet zu drücken, als sich die Zähne zu putzen.

"Two girls one cup", das war mein erster Porno. In der Schule hatten alle darüber gesprochen, irgendwann setzte ich mich auch an den Computer, googelte und guckte. In dem Porno koten zwei Frauen erst in ein Glas, essen ihren eigenen Kot dann auf, machen rum und kotzen sich anschließend gegenseitig in den Mund.

Ist das Sex? Ich hatte keine Ahnung. In der Schule lernte ich lediglich, "wo die Kinder eigentlich herkommen". "Sexualkundeunterricht" nennt sich das, obwohl Schüler über Sexualität quasi nichts erfahren.

Wo kommen sie dem Thema näher? Im Internet. Wer dort aber nicht explizit nach feministischer Pornographie sucht, der wird automatisch konfrontiert mit dem Bild einer unterdrückten und untergeordneten Frau. Die im Porno-Mainstream dargestellten sexuellen Praktiken können so auch einen enormen Druck auf junge Menschen ausüben. Manche Mädchen glauben dann zum Beispiel, dass man von "deep throat" bis Analverkehr zu allem bereit sein sollte.

Zum Klicken: Jo Broughton fotografiert leere Porno-Kulissen (Hier geht's zum Artikel)

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Sind Lehrer für solche Themen die richtigen Ansprechpartner? Mit dem verschrobenen Biolehrer über Pornos reden?

Wohl eher unangenehm und peinlich. Das müsste allerdings auch nicht sein: Längst gibt es verschiedene Projekte, die in Workshops mit Schülern über verschiedene Aspekte von Sexualität sprechen, von der Aids-Hilfe zum Beispiel, Pro Familia oder "Mit Sicherheit verliebt", ein Projekt von Studenten. Es sollte aber nicht von der persönlichen Einstellung oder dem Geschmack einzelner Rektoren abhängig sein, ob solche Workshops an Schulen durchgeführt werden. Vielmehr sollte es fest im Lehrplan verankert sein.

Pornographie kann Sexualität natürlich bereichern, ich habe auch nichts dagegen, dass sie frei zugänglich ist – aber wir sollten jungen Menschen dabei helfen, das einordnen zu können, was sie in Pornos sehen. Deswegen sollte in der Schule über Feminismus im Zusammenhang mit Pornographie gesprochen werden. Zumindest wenn wir wollen, dass wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben. Dann muss diese Gleichberechtigung alle Bereiche betreffen, auch den Sex.


Gerechtigkeit

Die AfD will Björn Höcke jetzt (doch) ausschließen
Die Sache hat allerdings einen Haken

Auf einmal ging es ganz schnell: In einer Telefonkonferenz hat sich die AfD-Spitze dazu entschlossen, den umstrittenen Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke aus der Partei werfen zu wollen. Zwei Drittel des Bundesvorstandes stimmten dafür, ein Ausschlussverfahren einzuleiten. Auch Parteichefin Petry stimmte dafür. Vier Mitglieder stimmten allerdings dagegen – darunter waren offenbar auch AfD-Vize Alexander Gauland und Petrys eigener Ko-Vorsitzender Jörg Meuthen (SPIEGEL ONLINE).