Geschlechtsteile in Nahaufnahme und künstliches Stöhnen – für viele sind das die ersten Eindrücke, die sie von Sex haben. Pornos, diese meist handlungsarmen, künstlichen, und oft frauenverachtenden Filme, haben vielen von uns gezeigt, wie Sex vermeintlich funktioniert, wie er aussieht, wie er klingt – oft, bevor wir mit irgendwem darüber gesprochen haben, und meist lange bevor wir angefangen haben, die Körper anderer zu erkunden.

Das ist schon länger so – gerade erst hat Anselm Neft, Jahrgang 1973, eindrücklich beschrieben, wie Pornos seine Vorstellung von Sex beeinflusst haben. Seit seiner (weitestgehend internetfreien) Jugend ist aber viel passiert. 

Im Schnitt geben Jugendliche heute an, mit etwa 12 den ersten Porno zu sehen (Uni Hohenheim). Die Sexfilme sind heute für jeden jederzeit verfügbar – in jeder Qualität und mit jeder Ausrichtung. Egal, wie speziell eine Phantasie sein mag, man kann sich ziemlich sicher sein, dass es einen Porno dazu gibt. 

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Universität Virginia plädieren deshalb dafür, Pornographie als Einfluss auf die sexuelle Gesundheit (sexual health)  zu betrachten – denn nicht nur die Verfügbarkeit der Filme habe sich geändert, sondern auch ihre Qualität. Wo es früher in der Handlung um "Pizzalieferanten und schnellen Sex" gegangen sei, stünden immer öfter die "Gewalt und Erniedrigung von Frauen" im Zentrum. Das schaffe neue Erwartungen und Verhaltensmuster, die älteren Generationen unbekannt sind – und auf die jüngere Menschen deshalb auch nicht vorbereitet werden. (Mediacalexpress)

Brauchen wir also Hilfe beim Gucken von Sexfilmen? Was macht es mit uns, wenn wir mit Pornografie aufwachsen? Wie verändert es unsere Sexualität, unsere Beziehungen, unsere Wünsche und unser Begehren?

Wir haben zwei Männer und zwei Frauen gefragt, wann sie Pornos  schauen – und ob sie glauben, dass es ihre Sexualität beeinflusst. Für den Artikel haben wir ihre Namen geändert. 

Toni, 26: "Es ist leider so schön einfach."

Bei mir ging es mit 13 oder 14 los. Da gab es noch sexy Sportclips bei DSF, immer um Mitternacht. Aus heutiger Sicht war das auch nicht so spannend. Da hat sich eine Frau nur auf einem Billardtisch oder einem Fußballfeld ausgezogen.

Da war der erste Porno schon spannender. Ich muss so 15 gewesen sein. Ein Freund zeigte mir da eine Seite im Internet und ab da war das Eis gebrochen. Ich möchte nicht sagen, dass ich in dieser Zeit nicht mehr aus meinem Zimmer gekommen bin – aber ich habe viel Zeit vor dem Laptop verbracht. Seitdem gehören Pornos dazu. 

Fast täglich besuche ich dann meine Lieblingsseite, manchmal auch aus Langeweile. Es muss ja nicht immer masturbiert werden. Manchmal gucke ich, was es so neues gibt.

Man könnte schon sagen, dass Pornos meine eigenen Empfindungen übertünchen.

Für den  Kopf und das eigene Sexleben ist es aber eine Katastrophe Pornos zu gucken. Man wird einfach stumpf. Ich will dann auch ab und zu im echten  Leben genauso "loslegen" wie in den Filmen.

Ich glaube, ich bin von Natur aus eher der dominante Typ – wie das ohne Pornos gewesen wäre, weiß ich natürlich nicht. Ich behandele Frauen aber immer mit Respekt.

Trotzdem, ich merke immer wieder: Gucke ich häufiger Pornos, kann ich mich auf die andere Person weniger einlassen. Ich denke dann nicht direkt an die Filmchen, aber ich habe eine genaue Vorstellung, wie es passieren soll - und die Vorstellung ähnelt den Szenen im Porno dann doch sehr.

Deswegen versuche ich auch immer mal wieder damit aufzuhören. Das klappt dann auch ein paar Tage. Letztendlich lande ich dann doch wieder auf den Seiten. Aus reiner Faulheit. Es ist leider so schön einfach. 

 Marie, 27: "Ich versuche dann, mich in die Frau hineinzuversetzen."

Ich war 23, als ich gemerkt habe, wie sehr mich das Berühren von Brustwarzen erregt. Sie sind bei mir eine sehr erogene Zone. Als ich das herausfand, da dachte ich mir, dass ich das einfach mal bei Google eingebe – ich wollte sehen, wie anderen Frauen die Brustwarzen geleckt werden und mich dabei selber befriedigen.

Ich versuche dann, mich in die Frau hineinzuversetzen. Und das klappt auch meistens.

Mich haben also nicht die Filme auf Ideen gebracht, sondern ich habe gemerkt, worauf ich stehe. Dann habe ich versucht, das im Film zu finden. Leider sind Pornos, in denen es hauptsächlich um das Vorspiel geht, sehr selten. Meistens landen die Darsteller schnell beim richtigen Sex.

Oft ist es dann auch so, dass der Mann im Mittelpunkt steht. Dann wird kriegt er einfach, was er will. Das macht mich gar nicht an. Sobald ich das Gefühl habe, dass die Frau unterdrückt oder nicht gut behandelt wird, mache ich aus.

Ich gucke Pornos so ein bis zwei Mal im Monat, während ich mich selber befriedige. Es kommt aber wirklich darauf an, wie mein Alltag ist. Wenn ich viel Stress habe, dann kann ich mich auch nicht entspannen. Egal ob mit oder ohne Porno.

Ich denke aber nicht an bestimmte Szenen, während ich mit einem Mann schlafe.

Dafür gucke ich zu wenig Pornos und stehe auf sehr sanften Kram. Bei Männern ist das glaube ich anders.

Manchmal ist es schon seltsam, was mit einem angestellt werden soll. Ich hatte mal was mit einem, der mir unbedingt in mein Gesicht kommen wollte. Solche Szenen kenne ich tatsächlich nur aus schlechten Pornos. Und ein anderer gab mir ohne Vorwarnung eine Backpfeife. Ich weiß nicht, ob solche Vorlieben von Pornos  kommen, aber wenn ja, dann sollten Männer damit aufhören. 

Mehr Fakten zum Porno-Konsum und seinem Einfluss gibt es in diesem Ted-Talk (englisch):
 Tom, 26: "Ich bin ohne Pornos besser im Bett."

Ich habe mir fast zehn Jahre lange mit Pornos einen runtergeholt – ganz normal, wie die meisten in meinem Alter

Aber irgendwann wollte ich nicht mehr. Weil ich gemerkt habe, wie abgestumpft ich wurde.

Das passte nicht mehr mit meinen Gefühlen zusammen. Sex sollte sinnlich und für beide schön sein. Und das ist bei den meisten Pornos ja eher selten der Fall. Da wird die Frau verdreht und benutzt, bis er ihr ins Gesicht ejakuliert.

Das hat in meinen Augen nichts mehr mit echtem Sex zu tun. 

Als ich das realisierte und merkte, worauf ich mir da einen runterholte, wollte ich sowas nicht mehr gucken. Ich wollte meine eigenen Vorstellungen haben und meine Lust aus mir entwickeln und nicht von außen aufgedrückt bekommen. Ich hörte also auf und gucke seit zwei Jahren keine Pornos mehr.

Es war aber nicht einfach, aufzuhören - fast so wie mit einer Droge. Der Entzug kostete mich einiges an Willenskraft. Mehr als einmal saß ich vor dem Laptop und wollte loslegen. Aber ich habe durchgehalten und das macht mich stolz.  

Mein Sexleben hat sich seitdem auch verbessert. Es ist wesentlich schöner geworden.  Auf einmal machte mir "normaler" Sex total viel Spaß. Früher guckte ich Pornos, in denen Frauen es nur hart zu Sache ging und dachte: Das muss Sex sein.

Aber meine Freundin sagt, dass ihr Sex so nicht gefallen würde. Das war schon ein Aha-Moment. Denn ich konnte sie total verstehen.

Da war null Vertrauen oder Sinnlichkeit in dem was wir taten.

Das hat sich ohne Pornokonsum auf jeden Fall geändert. Mittlerweile habe ich einfach Sex und genieße den Moment. Ich kann mich fallen lassen. Verschiedene Stellungen und Ideen kommen einfach intuitiv. Mal wird es wild und mal nicht. Das bestimmen aber wir und nicht der Porno. 

Was guter Sex ist, änderte sich für mich. Und ich glaube, dass die Frau genau das merkt. Das Feedback war jedenfalls vermehrt positiv. Ich bin ohne Pornos besser im Bett. 

Was für Pornos gucken Deutsche? Ein paar Zahlen:

Die Plattform "Pornhub" veröffentlichte eine Studie über das Nutzerverhalten ihrer User in 2017. Es kam heraus:
Am häufigsten auf der Welt wird der Begriff "lesbian" gesucht.
Deutschland ist auf Platz Sieben der Weltrangliste. Hinter Frankreich und Kanada.
Deutsche stehen auf die eigene Sprache und suchen am häufigsten nach "german".
Die Pornodarstellerin, die Deutsche am häufigsten auf Pornhub suchen, scheint "lucy cat" zu sein.
Lieblingskategorie der Deutschen ist "Anal". Gefolgt von "Big tits".
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Von meinen Mädels guckt keine Pornos.
 Lena, 27:

Ich gucke fast immer Pornos, wenn ich mich selbst befriedige. Ich stöbere dann ein bisschen rum und lande auf unterschiedlichen Seiten. Vor allem, in Zeiten in denen ich weniger Sex habe, passiert das häufiger.  

Das erste Mal war ich 17. Da hat es mich aber noch gar nicht angemacht. Erst ein paar Jahre später, so mit 21, habe ich heimlich angefangen Pornos zu gucken und mache es auch fast jedes Mal, wenn ich masturbiere.

Mittlerweile stehe ich offen  dazu, aber so richtig gut kommt es in meinem Freundeskreis nicht an. Von meinen Mädels guckt keine Pornos.

So richtig harte Sachen gucke ich aber nicht. Ich will immer noch das Gefühl haben, dass die Frau gut behandelt wird und auch Spaß dabei hat. 

Generell gucke ich nur Sachen, die ich auch machen würde.

Es muss aber nicht nur Blümchen-Sex sein und darf auch mal etwas wilder zur Sache gehen.

Ich glaube, das ist wirklich von Person zu Person unterschiedlich. Ich habe kein Problem damit ab und zu auch mal eine devote Position einzunehmen. Eher im Gegenteil. Je nach Stimmung gucke ich mir das dann auch gerne mal im Porno an.

Sinnlich muss es aber schon sein. Und die Darsteller müssen mir schon gefallen und sich auch mal küssen. Sex kann ja zärtlich und trotzdem wild sein.

Ich merke aber schon, dass ich durch Pornos abstumpfe. Wenn ich sie häufiger gucke, habe ich mehr Lust auf härteres und weniger auf Blümchen-Sex. Insofern beeinflussen die Filme mich schon. Die eigene Fantasie bleibt halt auf der Strecke. Ich denke jetzt nicht an die Filme, wenn ich mit jemandem schlafe, aber Pornos machen es einem halt leicht. Man muss sich nicht anstrengen und bekommt direkt präsentiert, was man gut findet.

Kommende Woche sprechen wir mit einer Sexualtherapeutin darüber, was Pornographie mit uns macht - und ob wir uns davon befreien sollten. Hast du Fragen oder Anregungen? Dann melde dich unter fuehlen@bento.de.


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In dieser deutschen Stadt steigen die Immobilienpreise so schnell wie nirgendwo sonst
Eine Wohnung oder ein Haus kaufen? Wird schwer.

In keiner Stadt der Welt steigen die Immobilienpreise stärker als in Berlin. Das geht aus dem Global Residential Cities Index des Beratungsunternehmens Knight Frank hervor. Demnach sind die Kosten für Immobilien in Berlin 2017 um 20,5 Prozent gestiegen.

  • Die deutsche Hauptstadt liegt damit vor der türkischen Stadt Izmir  (18,5 Prozent),
  • Platz 3 belegt die isländische Metropole Reykjavík. (The Guardian)