Eine junge, geflohene Frau braucht Unterstützung in ihrer neuen Heimat: Sie sucht eine Wohnung, muss die Sprache lernen, braucht einen Job. Ein älterer, weißer Herr will ihr gerne helfen – für eine Gefälligkeit. Schnell ist die Frau nackt, nur das Kopftuch bleibt an. 

Was klingt wie der Auftakt zu einem billigen Porno, ist – genau das.

Denn "Refugee Porn" und "Hijab Porn" werden immer beliebter.

Die Filme mit den angeblichen Flüchtlingsfrauen heißen "Junge Flüchtlingsmutter aus Syrien", "Arabische 21-Jährige in meinem Hotelzimmer" oder "Echtes syrisches Flüchtlingsmädchen nimmt Geld für Sex". 

In den vergangenen zwei Jahren sind immer mehr Pornos nach diesem Schema entstanden, mittlerweile gibt es ganze Studios, die sich nur auf Produktionen mit arabisch aussehenden Darstellerinnen spezialisieren.

Kein Wunder, sagt der Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter. "Pornoclips haben eine kurze Haltbarkeit", entsprechend brauche es immer wieder neue Szenen – auch, wenn diese am Ende doch immer das gleiche zeigen. Da der Akt gleich bleibt, wird das Setting verändert – und das orientiere sich am Nachrichtengeschehen.

Soll heißen: Was in den Medien berichtet wird, wird irgendwo auch als Porno umgesetzt. 

Denn was berichtet wird, wird kurz darauf auch auf großen Pornokanälen wie YouPornPornHub oder XHamster gesucht. Kommt zum Beispiel ein neuer "Star Wars"-Film in die Kinos, steigt die Nachfrage nach Sexszenen mit Alien – und berichten Medien vermehrt über Flüchtlinge, dann steigt auch danach die Nachfrage. "Neue Pornoproduktionen sind immer ein Spiegel der Gesellschaft", sagt Pastötter.

Pastötter untersucht seit Jahren die Auswirkungen von Pornografie auf unsere Sexualität. Er hat sechs verschiedene Funktionen von Porno-Konsum definiert:

1. Die sexuelle Funktion: Wer Pornos schaut, dem geht es oft um Stimulation.
2. Die Identifikationsfunktion: Filme brauchen Darsteller, in denen sich der Zuschauer wiederfinden kann.
3. Die Traumfunktion: Erst das richtige Szenario sorgt für die entsprechende Fantasie.
4. Die Unterhaltungsfunktion: Manche schauen laut Pastötter "Pornos mittlerweile wie Fußballspiele".
5. Die Entlastungsfunktion: Pornos helfen dabei, herauszufinden, was einen antörnt – und was eben nicht.
6. Die Weiterbildungsfunktion: Durch die Filme entdeckt man, was man noch nicht kennt.
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Gerade die letzten beiden Funktionen seien für den neuen Erfolg der Flüchtlingspornos wichtig, sagt Pastötter. 

Die "Fremden" seien in der Gesellschaft sichtbar, daher träten sie automatisch auch in der Fantasie vieler auf. Durch die Filme finde man unter anderem heraus, ob man sich Sex mit einem Schwarzen oder einer Muslima vorstellen kann.

Aber die vielen Kopftuch-Pornos seien natürlich auch für Männer gemacht, die auf der Suche nach einem bestimmten Machtgefälle in ihren Phantasien sind, sagt Pastötter: 

Sexualität hat immer auch mit Aggressivität zu tun, das kommt bei 'Refugee Porn' besonders stark mit ins Spiel.

Das zeigt sich sich auch in den Kommentarspalten: Im deutschen Raum ist zum Beispiel ein Amateurfilmer beliebt, der sich selbst beim Sex zeigt – mit angeblichen Mädchen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea. In den Kommentaren posten viele fremdenfeindliche Sprüche:

Sexualforscher Pastötter wundert der Hass nicht – denn gerade Rechte würden sich für "Refugee Porn" interessieren.

Seiner Theorie nach müsste es vor allem zwei Gruppen von Männern geben, die Pornos mit Kopftuchträgerinnen suchen – nämlich solche, für die das Thema eine große Rolle spielt, sei es im positiven oder im negativen. Also auf der einen Seite Menschen, die viel Kontakt mit Flüchtlingen haben, Ehrenamtliche zum Beispiel. Und auf der anderen Seite eben die, die bei Pegida mitlaufen. 

Die ersten locke die Neugier, sagt Pastötter. Für sie sei das Schauen relativ unkompliziert. Aber die anderen locke die Aggression, frei nach dem Motto: "Ich würde ja nie was mit einer Syrerin anfangen – aber ich will sehen, wie sie erniedrigt wird." Der Nachteil: So werden die immer gleichen Vorurteile weiter tradiert. "Refugee Porn" spiegelt so die Gesellschaft vor allem im schlechten Sinne. 

Woher kommt "Refugee-Porn"?

Meist stecken britische oder amerikanische Firmen hinter den Produktionen. Doch auch Amateuraufnahmen aus Deutschland sind darunter. 

Denn große Porno-Plattformen leben längst nicht mehr nur von Hochglanzaufnahmen, sondern eben auch vom "heimlichen Blick ins Schlafzimmer". Die Seiten sind wie Social-Media-Portale aufgebaut: Jeder kann sich anmelden, Videos hochladen und kommentieren.

Eine der bekanntesten internationalen Darstellerinnen mit Kopftuch ist Mia Khalifa. Im vergangenen Jahr gehörte sie zu den meistgesuchten Pornodarstellerinnen bei PornHub – mehr als 440 Millionen Mal wurden Videos von ihr auf der Plattform angeklickt. (PornHub Insights)

Die Darstellerin hat libanesische Wurzeln, in vielen ihrer Videos tritt sie mit Hidschab auf. Als sie vor einigen Jahren zur beliebten Pornodarstellerin aufstieg, ging die Meldung auch durch die arabischen Medien. Manche Kommentare zeigten sich empört – viele aber auch begeistert. Allerdings: Mia Khalifa ist Christin, das Kopftuch trägt sie nur zur Show.

So, wie Khalifa keine Muslima ist, sind viele der Darstellerinnen wahrscheinlich ebenfalls keine Kopftuchträgerinnen – geschweige denn Flüchtlinge.

Und natürlich gibt es auch das männliche Pendant in der Welt des Flüchtlingpornos: 

Clips mit Namen wie "Nachmittag mit einem afrikanischen Flüchtling" oder "Normale Hausfrau mit afrikanischem Flüchtlings-Sklaven" zeigen – oft schwarze – Männer, die mit weißen Frauen Sex haben. 

Auch bei den Männern, die Araber oder Afrikaner spielen, dürfte es sich in den seltensten Fällen um Flüchtlinge handeln. Es gibt allerdings eine berühmte Ausnahme: Antonio Suleiman. Das ist er:

Der Syrer floh bereits 2012 als 15-Jähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Vier Jahre später sei er zum Pornogeschäft gekommen, mittlerweile baue er an einer eigenen Pornoseite, sagt er zu bento. In seinen Filmen spielt er entweder den Flüchtling, der deutsche Frauen erobert. Oder den Typen, der muslimische Frauen züchtigt. Klischees kann er darin nicht erkennen.

Einen anderen Umgang mit dem Thema hat übrigens die Filmemacherin Erika Lust gewählt. Sie dreht Pornos, die Geschichten abseits von Erniedrigung und Gewalt erzählen wollen. Und auch sie kam an dem Schlagwort "Refugee Porn" nicht vorbei. Aber in ihrem Film geht es um einen Syrer, der in Europa einen Mann trifft – und durch ihn seine eigene Homosexualität entdeckt.

Hier haben wir mit Erika Lust darüber gesprochen, was einen guten Porno ausmacht:


Fühlen

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