Queere Pornos sind nur schwer zugänglich – unsere Autorin wünscht sich, dass sich das ändert.

Ich gucke fast nie Pornos. Das liegt nicht daran, dass ich keine Lust darauf habe. Aber ich habe nur Lust auf queere und lesbische Pornos. Solche, in denen es um die Anziehung zwischen Frauen, Trans* oder nichtbinären Menschen geht – und nicht um zwei Frauen, deren Arbeitsauftrag es ist, Hetero-Cis-Männer anzuturnen. Und solche Pornos sind kostenfrei einfach kaum zu haben.

Ich stehe im echten Leben zwar auch auf Cis-Männer, möchte sie aber nicht in Pornos sehen. Das hat zum Teil mit meinen Vorlieben, zum Teil aber auch mit sexuellen Übergriffen zu tun – an die ich am allerwenigsten erinnert werden will, wenn ich mich gerade auf einen sexy Moment mit mir selbst freue.

Die echten Pornos, die ich in meinem Leben gesehen habe, kann ich an zwei Händen abzählen. Bis auf den einen, an dem ich mit zwölf beim Babysitten nachts im Fernsehen hängen geblieben bin, habe ich sie alle im Kino beim Pornfilmfestival geguckt. Mein 14-jähriger Bruder hat bestimmt schon jetzt mehr Pornos gesehen als ich mit 29.

Pornos können dazu beitragen, jungen Menschen sehr starre Vorstellungen zu vermitteln, was Sex bedeutet. Sie stellen zu großen Teilen stereotype Geschlechterrollenbilder dar und lösen bei vielen Menschen Druck aus, diesen Bildern zu entsprechen. Pornos können aber auch helfen, die eigenen Bedürfnisse überhaupt erst zu entdecken und die eigene sexuelle Orientierung zu erkunden. Man kann aus Pornos viel über Genderidentitäten, BDSM-Praktiken, queere Verhütung und Konsens lernen. Aus manchen Pornos zumindest. Und genau die sollten gut zugänglich sein – sind es aber nicht.

"Lesbian porn" – gibt es genug. Aber...

Wenn ich versuche, einen Porno zu gucken, sieht das meistens so aus: Ich gebe das Schlagwort "lesbian porn" in eine Suchmaschine ein. Es ist nicht so, als gäbe es keine Resultate. Doch das meiste, was mir Google an frei zugänglichen Inhalten auf meinen Bildschirm spült, ist ganz offensichtlich für den hetero-männlichen Blick produziert: sehr dünne Frauen mit viel Schminke, lockengewickelten Haaren und gemachten Brüsten, die den europäischen Hetero-Schönheitsidealen entsprechen. Sie scheinen sich wenig auf einander zu konzentrieren, sondern gucken immer wieder verführerisch in die Kamera, als würden sie auf jemanden warten. So kann sich ein Mann vor dem Bildschirm vorstellen, dass die beiden das Ganze eigentlich nur veranstalten, um ihn anzuturnen, dass sie eigentlich einen Dreier mit ihm wollen.

Mit lesbischem Sex im echten Leben haben diese Videos so viel zu tun wie ein Make-up-Tutorial und ungefähr so erotisch finde ich sie auch. Ich möchte Frauen und Queers in Pornos sehen, die voneinander angeturnt sind – oder das zumindest glaubhaft darstellen. Auf großen Mainstream-Seiten wie Pornhub, die zu 68 Prozent von Männern genutzt werden, ist sowas eine Seltenheit. Und bis ich die gefunden habe, muss ich mich durch vieles klicken, was ich gar nicht sehen will.

Eine Frage des Preises

Schritt zwei: Ich gebe "queer porn" in die Suchmaschine ein. Oder "independent queer porn" oder "alternative queer porn". So komme ich zu einigen Seiten, die haben, was ich suche – aber gegen Geld. Das ist natürlich absolut gerechtfertigt. Es gibt genug Ausbeutung in der Pornoindustrie und alternative, queere, feministische Pornoprojekte sollten gefördert werden. Ein Zugang zu Seiten wie Courtney Trouble oder Erika Lust kostet allerdings zwischen 20 und 35 Euro im Monat. Das ist sicher ein fairer Preis. Allerdings kommt mein Bedürfnis, Pornos zu gucken, eher sporadisch auf, sicher nicht öfter als einmal im Monat. Dafür ist mir das zurzeit einfach zu teuer. Dazu kommt, dass ich auch auf der Seite der feministischen Pornoproduzentin Erika Lust erst einmal über viele Cis-Männer hinwegscrollen muss, weil die queeren und lesbischen Videos selbst hier nur einen kleinen Teil des Contents ausmachen. 

Also endet meine Suche eigentlich immer gleich: Ich gehe wieder einmal auf meine Lieblingsseite "A four chambered heart", ein durch Crowdfunding finanziertes Projekt. Die Seite hat neben einem Bereich für Unterstützerinnen auch frei zugängliche Videos. Dabei handelt es sich aber eher um erotische Kurzfilme als Pornos. Die, die mich interessieren, kenne ich inzwischen leider schon auswendig.

Am Ende lande ich dann bei Beyoncé-Videos. Oder Unterwäsche-Werbung.

Wie wär's mit Porno-Subvention?

Pornodarstellende und -produzierende sollten immer unter fairen Bedingungen arbeiten und angemessen bezahlt werden, so wie andere Berufsgruppen auch. Gleichzeitig ist es gerade für junge Menschen, die wenig Geld haben und erst einmal herumstöbern und entdecken möchten, utopisch, 35 Euro im Monat für ein faires, feministisches, queeres oder einfach realistisches Porno-Abo zu bezahlen. Vor allem, wenn sie von kostenlosem Mainstream-Content überschwemmt werden, bevor sie überhaupt bei Seiten ankommen, die empowernd sein könnten.

Ich selbst habe verhältnismäßig lange gebraucht, um herauszufinden, dass ich auf Frauen stehe, und fast noch länger, um herauszufinden, dass ich beim Sex Nein sagen und meine Bedürfnisse äußern kann. Bis dahin hatte ich bereits jede Menge unangenehme Erfahrungen mit Männern angehäuft und mir jede Menge gute Erfahrungen – unter anderem mit Frauen – entgehen lassen. Vielleicht wäre das anders gelaufen, wenn ich früher Zugang zu queeren, feministischen Pornos gehabt hätte.

Wie wäre es mit Tarifverträgen für die Pornoindustrie, damit ähnliche finanzielle Bedingungen für alle gelten? Mit queer-only Amateurseiten? Oder mit staatlicher Förderung für feministische, faire und queere Pornoprojekte aus dem Kulturetat? In Schweden wurde 2009 die feministische Porno-Reihe "Dirty Diaries" mit staatlichen Geldern produziert – zu Bildungszwecken. Die Berliner SPD forderte 2018, feministische Pornos auf ARD und ZDF auszustrahlen, bis jetzt ist nichts daraus geworden. 

Eine andere Idee: geförderte Gratis-Abos für junge Menschen. Ins Museum kommt man unter 18 in vielen Städten schließlich auch umsonst. Wenn es dem Staat wichtig ist, dass Jugendliche und junge Erwachsene ein Verständnis für Kunst entwickeln, könnte er auch dafür sorgen, dass alle die gleichen Chancen haben, ein Verständnis für ihre Bedürfnisse und für respektvollen safer Sex zu entwickeln – egal, welches Geschlecht und welche sexuelle Orientierung sie haben. 


Gerechtigkeit

Influencerinnen und C-Promis zündeln mit Corona-Verschwörungsmythen – was ist da los?
Und was passiert, wenn Fans und Follower anfangen, das Gesagte ernst zu nehmen?

Die Influencerin Anne Wünsche ist sich derzeit nicht so sicher, ob hinter dem Coronavirus nicht doch mehr steckt, als man wisse. Vor ein paar Wochen fragte die 28-Jährige in einer Instastory, "ob Corona wirklich der Grund dafür ist, dass Länder dicht gemacht werden und man nicht mehr auf die Straße darf?" Vielleicht stimme da etwas nicht, vermutet sie vor ihren 800.000 Followerinnen und Followern. Dann stellte sie einen neuen Teekocher vor.