Ich kann mir kein erfüllenderes Leben vorstellen.

Meine erste Beziehung war monogam - und doch recht offen: So machten mein damaliger Freund und ich uns oft gegenseitig auf attraktive Menschen aufmerksam. "Oh mein Gott, siehst Du die Schwarzhaarige mit dem unglaublichen Hintern dort drüben?" Zwar kam es damals nicht zu sexuellen Abenteuern, aber eben auch nicht zur Eifersucht. Diese Beziehung liegt nun schon mehr als zehn Jahre zurück.

Seitdem habe ich keine konventionelle monogame Beziehung mehr geführt – und ich kann es mir heute auch nicht mehr vorstellen. Mittlerweile lebe ich, teilweise seit vielen Jahren, parallel in romantischen, also polyamoren, und sexuellen Beziehungen mit mehreren Menschen.

Polyamorie, oder kurz "Poly" ist als Begriff noch relativ jung und nicht klar definiert. Ich lebe persönlich in einer Art polyamoren Netzwerk von Lebenspartnern, Geliebten, besten Freunden ohne Sex und Freunden mit gewissen Extras.

Mit manchen teile ich mir die Wohnung, mit anderen vielleicht nur ein Wochenende. Immer fühle ich mich ihnen emotional verbunden, immer wissen alle voneinander. Sie kennen sich zum allergrößten Teil persönlich – und führen oft auch untereinander sexuelle und romantische Beziehungen jeglicher Art.

Es fallen Sätze wie: "Süße, der Schatz will ihren neuen Schwarm und seinen Mann zum Abendessen einladen – haben wir genug im Kühlschrank?". Man entscheidet sich irgendwann dazu, ein riesiges Bett zu kaufen, damit nicht ständig einer ganz am Rand schlafen muss. Bei Problemen helfen Dutzende Hände und empathische Zuhörer. Nach Partys muss man in der Früh auch im Erwachsenenalter nie nur zu zweit aufräumen.

Ich kann mir persönlich kein erfüllenderes (Liebes-)Leben vorstellen.

Über unsere neue Kolumnistin Eva

Bücherwurm, Sonnenanbeterin, Kind der 90er. Lebt und liebt in polyamoren Beziehungen. Neben ihrem Hauptberuf arbeitet sie in Teilzeit als selbstständige Sexarbeiterin. Wie sie sich dabei fühlt und was sie so erlebt, ist das Thema ihrer Sexkolumne.

"Aber bist du denn nicht eifersüchtig?" Diese Frage höre ich persönlich am häufigsten. Und ja, ich bin durchaus eifersüchtig. Ja, es gibt auch mal Probleme in meinen Beziehungen, die gelöst werden müssen.

Meiner Erfahrung nach entstehen viele Probleme in konventionellen Beziehungen allerdings zu einem großen Teil durch den Irrglauben, der Mensch vor uns verwandle sich zu unserem Eigentum, zum Beispiel durch einen Ehering.

Ich finde es ein wenig seltsam, wenn ich Sätze höre wie: "Meine Frau erlaubt mir, mich auch mal mit anderen zu vergnügen." Oder: "Ich würde ja weiter mit meinem Ex befreundet sein, aber mein Freund würde das nie zulassen."

Wenn ich eifersüchtig bin, erinnere ich mich daran: Mein Gegenüber ist gerade freiwillig hier. Und das ist gut so. Ich kann weder die Gefühle noch die Handlungen anderer kontrollieren – also versuche ich es möglichst erst gar nicht.

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Wenn ich am Kiosk Schlagzeilen lese wie: "10 Schritte wie ich seine Aufmerksamkeit erregen kann" oder "Was Frauen wirklich von einem Mann wollen", vermisse ich dabei immer einen für mich sehr wesentlichen Punkt: Meiner Erfahrung nach kommt es sehr auf einen selbst an, ob man sich in einen anderen Menschen "verliebt" oder nicht. Bin ich bereit, mich einer anderen Person zu öffnen? Mich verletzlich zu machen? Welche Bedürfnisse befriedigt der andere in mir?

Vor allem sollte man dabei nicht vergessen: Die wichtigste und längste Beziehung hat jeder zu sich selbst. Dementsprechend empfiehlt es sich meiner Meinung nach, sehr viel Energie in die eigene psychische und physische Pflege zu investieren. Dieser besonderen "Partnerschaft" räume ich auch eine gewisse Priorität ein.

Ich glaube nicht an die "eine große Liebe" und die einzige Seelenverwandschaft. Es gibt so viele wundervolle Menschen in meinem Leben, die ich alle nicht mehr missen will. Und ich meine, ob man "den Richtigen" oder "die Richtige" findet, ist auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist die Bereitschaft, einfach mal andere in sein Leben zu lassen. Und dann, fern von Erwartungen und Vorgaben, einfach mal zu schauen, was passiert.

Zum Schluss ein Lesetipp:

Interessierten an dem Thema Nicht-Monogamie in all seinen praktischen und moralischen Facetten, kann ich wärmstens diese beiden Bücher ans Herz legen: "The ethical slut" von Easton und Hardy ist nichts weniger als die "Poly-Bibel" der Szene und wird höchstens durch das fantastische "More than two" von Franklin Veaux übertroffen.

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Gerechtigkeit

Die USA sollen bis zu 300 Zivilisten in Syrien getötet haben

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat elf Luftschläge untersucht, die die USA in Syrien in den vergangenen Jahren koordiniert haben.

Amnesty sagt: Dabei sind mindestens 300 Unschuldige getötet worden.
Die USA bestätigten davon bislang: Einen.

Das geht aus einem neuen Bericht der Menschenrechtsorganisation hervor. Die Schlussfolgerung von Amnesty: Die USA tun zu wenig, um Zivilisten bei Angriffe zu schützen. Und erst recht zu wenig, um Fälle aufzuklären, bei denen Unschuldige ums Leben kamen.