Für eine legendäre Haus-Party benötigt man eigentlich nicht viel: Eine gute Wohnung mit möglichst wenig Sitzgelegenheiten, ausreichend kalte Getränke, laute Musik und jede Menge Lieblingsmenschen. Wenn einer von denen allerdings um 23.45 Uhr volltrunken einen sogenannten Polnischen macht – also ohne Verabschiedung einfach abhaut –, sind manche Party-Hosts ziemlich sauer. 

Dabei ist der "Polnische" der ehrenwerteste aller Abgänge und ein absoluter Segen für jede Party

Warum heißt es "Polnischer Abgang"?

In Deutschland nennt man es "den Polnischen" oder eine "französische Empfehlung". In Polen selbst nennt man es einen "Englischen", in England einen "Irischen" oder "Französischen" und in Frankreich abermals den "Englischen". Keines der Länder ist aber tatsächlich besonders für eine Kultur bekannt, in der sich selten verabschiedet wird. Genau geklärt ist die Herkunft der Begriffe nicht, wahrscheinlich entstammen sie aber alten Ressentiments aus Kriegszeiten. (ZEIT)

Das, was andere hingegen als "höflich" bezeichnen, ist ein absoluter Stimmungskiller: Wer sich von allen nett verabschiedet, der befördert eine Party ins Jenseits. Das gilt besonders, wenn diese noch in der Aufwärmphase ist und auf einmal 50 Prozent der anderen Gäste angspornt werden, ebenfalls über eigentlich anstehende Pflichten nachzudenken. Bumms, sitzt der Gastgeber mit drei Tapferen da, noch bevor der erste 90er-Hit lief. Diese Party hatte nie eine Chance. 

Ich muss ja noch die Masterarbeit fertig schreiben, morgen total früh arbeiten, Mutti anrufen und trink ja auch nicht mehr, seit ich diesen Alkoholiker-Selbsttest gemacht habe.
Jeder "höfliche" Partygast jemals

Der "Höfliche" ist bei Party-Abgängen an Unerwünschtheit nur knapp vor dem, was ich den "britischen Exit" nenne: 

Bei diesem hassenswertesten Gegenteil des Polnischen läuft es so ab: Du erklärst laut, immer wieder, dass du gerne gehen möchtest, machst bei allen Gästen Werbung für angeblich bessere (aber nicht existente) Partys, Clubs und Kneipen und sorgst dafür, dass grundsätzlich jeder, der gerade eigentlich feiern möchte, sich nun mit deinem Blödsinn beschäftigen muss. Dann ziehst du theatralisch deine Jacke an und machst noch mal eine riieeesige Abschiedsrunde und sagst Sachen wie "müsst ihr selbst wissen", bevor du dich allein in deine kleine Einzimmerwohnung setzt und einsam "Bittersweet Symphony" summst. 

Exkurs – ebenfalls sehr unbeliebte Abgänge: 

"Der Seehofer"

Wenn du wiederholt androhst, nach der nächsten verlorenen Runde Weißbierpong zu gehen – und dann doch bleibst.

"Der Götze"

Wenn du eine angeblich bessere Party findest und deine Freunde dafür im Stich lässt. Auf der anderen Party hassen dich aber alle so sehr, dass du kurz darauf zurück kommst. 

"Der Zuckerberg"

Du nimmst Partydeko, Gäste und Wertgegenstände von Freunden mit zu dir nach Hause und feierst dort ohne sie weiter. Die Party wird riesig, es kommen Milliarden Gäste, aber am Ende machen Nazis und russische Hacker alles kaputt.

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Aber zurück zum Thema: 

Kein Gastgeber will kurz nach dem Anschneiden der Torte oder dem Exen des ersten Trichters Freunden in Jacken "Tschüß" sagen müssen. Und erst Recht will niemand auf dem für philosophische Gespräche reservierten Raucherbalkon Abschieds-Smalltalk führen à la "wir müssen uns mal wieder öfter sehen, hat mich gefreut...". Wir sehen uns doch jetzt, was laberst du?!

Und darum ist der "Polnische Abgang" so gut!

Er hält die Party am Laufen. Du bist zu betrunken, musst deinen Hamster füttern oder den Babysitter ablösen? Schade! Aber warum müssen das alle anderen wissen? 

Eine gute Party ist eine kleine Blase, in der Lieblingsmenschen kollektiv beschlossen haben, den Alltag heute Nacht draußen zu lassen. Denn draußen, das bedeutet: Rechnungen, Abgabetermine, Regenwetter und Exfreunde. Wer sich klammheimlich verzieht, erlaubt den anderen Gästen, in der Blase zu bleiben und sich keine Gedanken über die Außenwelt machen zu müssen.

Wenn du also bei der nächsten Party früher los musst, geh einfach "kurz Zigaretten holen". Die anderen werden es dir danken. 

Ach ja: Wer sich den Polnischen Abgang trotz seiner offensichtlichen Größe nicht zutraut – weil es zu "unhöflich" sein könnte – kann sich übrigens stattdessen am "Tschechischen Abgang" versuchen: Für den kündigt man schon bei der Ankunft an, später einen "Polnischen" zu machen. Viel Erfolg!


Future

Burnout-Rap und Brechgefahr – wenn du als Laie auf eine Business-Konferenz gehst
Zur Eröffnung singen alle gemeinsam Beethovens "Ode an die Freude".

Einmal im Jahr treffen sich, auf Einladung eines großen deutschen Business-Netzwerks, die freshesten Entrepreneurs und hippsten Firmenbosse in Hamburg  um über "die Arbeit von morgen" zu reden. Das Thema: Wie man das Konzept der "New Work" in Unternehmen umsetzen kann, also Hierachien abbauen und Angestellte zu möglichst selbstbestimmter Arbeit "empowern".  

Ich habe mir mal angeschaut, wie so eine Konferenz abläuft.

Der erste Schmunzler: der Eintrittspreis. Als ich mir per Aktionscode meine Presseakkreditierung bestelle, sehe ich auch, was die Tickets für die eintägige Veranstaltung kosten. Normalpreis: 831,81 Euro. Aber hey, immerhin ist darin die An- und Abreise mit S- und U-Bahn innerhalb Hamburgs einbegriffen. 

Als ich am Veranstaltungsort ankomme, sieht es so aus, als würden nicht alle dieses grandiose Angebot nutzen. Vor dem Eingang parkt eine lange Reihe Taxis. 

Die "New Work"-Konferenz findet natürlich nicht in einer x-beliebigen Messehalle statt, der Veranstaltungsort ist wie der Ticketpreis: ein Statement. Ich stehe vor der glasgewordenen norddeutschen Bescheidenheit – der Hamburger Elbphilharmonie.