...und du plötzlich denkst, du bist Einzelkind.

Ich bin das Nesthäkchen in meiner Familie. So lange ich denken kann waren meine große Schwester und meine beiden Brüder in meiner Nähe. Ein Leben ohne die drei konnte ich mir nicht vorstellen. 

Dann beschloss meine Schwester, als erste von uns vier Kindern auszuziehen.

Sie ging zum Studieren nach London. Als wir uns am Flughafen von ihr verabschiedeten, weinte ich, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, mich zusammenzureißen. Aber ich konnte nicht anders. 

Meine große Schwester – sie ist sechs Jahre älter als ich – war für mich immer die wichtigste Bezugsperson in meiner Familie. Wenn ich einen Rat brauchte, ging ich zu ihr. Wenn ich kuscheln wollte, kroch ich zu ihr ins Bett. Wenn ich mich aufregte, dann bei ihr. Ich wollte in ihrer Nähe sein – und sein wie sie. 

Doch nun war sie weg.

Auf der Rückfahrt fühlte ich mich einsam, auch wenn meine beiden Brüder, meine Eltern und unser Hund Charly mit mir im Auto saßen. Ich hielt es für den miesen Lauf des Lebens, dass meine Schwester ohne mich erwachsen werden sollte. Natürlich hatten wir uns vorgenommen, zu skypen und so oft wie möglich miteinander zu sprechen. Trotzdem war mir klar, dass das nicht das Gleiche sein würde wie gemeinsam unter einem Dach zu leben. 

Ohne meine Schwester fühlte ich mich einsam.
Debbie

Am meisten fehlte sie mir abends vor dem Einschlafen. Mit meinen Brüdern verstand ich mich gut und ich war froh, dass sie da waren – aber es gab viele Dinge, von denen ich ihnen nichts erzählte. Liebe, Freundschaft, Leistungsdruck in der Schule – darüber redete ich eher mit Freunden als mit ihnen. 

Um meine Schwester zumindest in Gedanken näher bei mir zu haben, hörte ich gerne "Hanni und Nanni". Obwohl ich jede Folge auswendig kannte, beruhigte mich das Zuhören. Ich hatte dabei das Gefühl, meine Schwester, mit der ich mir die Geschichten über die beiden Internatsschülerinnen so oft gemeinsam angehört hatte, säße neben mir.

Zwei Jahre später zog auch mein älterer Bruder aus. 

Wenn ich den Tisch deckte, nahm ich immer noch aus Versehen zu viele Teller aus dem Schrank. Zuerst immer sechs, bis ich es schaffte, mich darauf einzustellen, dass wir jetzt nur noch zu Fünft waren. Dann nur noch vier Teller. 

Aber einen Bruder hatte ich ja noch zuhause und auch wenn wir uns häufig stritten, holte er mich nachts manchmal mit dem Auto aus dem Nachbardorf ab, zündete zu meinem Geburtstag Wunderkerzen an und backte mit mir um drei Uhr morgens Nutella-Crêpes. 

Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass es nie wieder so sein würde wie früher. Dass meine Geschwister nun ihr eigenes Leben lebten und nach ihrer Ausbildung nicht nach Hause zurückkommen würden. 

In meinem Kinderkopf glaubte ich fest daran, dass irgendwann wieder alles gut werden und unsere sechsköpfige Familie wieder vereint sein würde. 

Plötzlich waren es nur noch vier Teller.

Dann zog auch mein zweiter Bruder aus. 

Es fühlte sich komisch an, mit meinen Eltern allein zu sein. So oft ich mir ein Leben als Einzelkind vorgestellt hatte, ein ernsthafter Wunsch von mir war das nie gewesen. Ich hatte es immer gemocht, die anderen um mich zu haben. 

Nun musste ich lernen, ohne sie klarzukommen. Niemand war mehr da, den ich um Rat fragen, mit dem ich spontan eine Serie gucken oder dem ich meine Situation schildern konnte, wenn ich Frust hatte. 

Ich fand es seltsam, dass beim Abendbrot auf einmal zwei Augenpaare auf mich gerichtet waren und sich alles darum drehte, was ich in der Schule erlebt hatte, was ich plante und wen ich traf. Plötzlich im Mittelpunkt zu stehen, war anfangs ungewohnt und unangenehm – aber irgendwann fing ich an, es zu genießen. 

Wenn ich nach meiner Meinung gefragt wurde, konnte ich reden so viel ich wollte. Ich wusste, dass meine Eltern nur mir zuhören und sich für mich interessieren.  

Und nach und nach merkte ich: Mit meinen Eltern allein zu sein, hatte auch viele guten Seiten. Wir lernten einander noch einmal anders kennen. Wir sprachen darüber, wie unser Tag war, redeten über Politik, erzählten von unseren Ideen und Plänen. Die Zeit, die wir vorher auf sechs Gesprächsteilnehmer aufteilen mussten, hatten wir jetzt für uns drei. 

Ich konnte plötzlich reden so viel ich wollte.
Debbie

Im Gegensatz zu mir schienen meine Eltern sich darauf eingestellt haben, dass ein Kind nach dem anderen auszieht. Meine Mutter sagte, solange noch ein Kind da ist, sei der Tagesablauf ja noch der gleiche. Doch auch mein Vater und sie vermissten meine Geschwister natürlich. 

Um mich nicht so allein zu fühlen, verabredete ich mich häufig und begann, Leute zu mir nach Hause einzuladen. Früher konnten sich meine Eltern die Namen meiner Freunde kaum merken. Plötzlich gab es Besucher, die sich mit meinen Eltern unterhielten, wenn ich gerade nicht im Raum war. 

Ich fand das schön, weil ich das  Gefühl hatte, wieder etwas Leben ins Haus zu bringen.  

Meine Eltern und ich begannen, uns gemeinsam eine Krimiserie anzuschauen. Es wurde unser kleines Ritual, auf das wir uns alle freuten. Sie warteten auf mich, bevor sie die nächsten Folgen schauten und fragten mich abends, ob ich noch mit ihnen fernsehe. Das alles fand ich schön.

Die Zeit zu Dritt hat bewirkt, dass ich mich als einzelne Person mehr wahrgenommen gefühlt habe und auch begonnen habe, mich intensiver um mich selbst zu kümmern ohne mich von den anderen beeinflussen zu lassen. Ich war gezwungen, Entscheidungen allein zu treffen. 

Ich beschloss, nach dem Abitur mit 19 Jahren auszuziehen – weder für ein Studium noch für eine Ausbildung, anders als man es von mir erwartet hatte, sondern weil ich es so wollte. 

Mein Auszug war für meine Eltern ein großer Umbruch, vor allem für meine Mutter. 

Ich habe mich deshalb aber nicht schlecht gefühlt. Mir war klar, dass dieser Schritt sein musste. Genau wie er bei meiner Schwester und meinen beiden Brüdern nötig gewesen war. 

In Berlin angekommen machte ich verschiedene Praktika, arbeitete in einem Café und zog mehrmals um. Zuerst wohnte ich bei meiner Schwester, die nach ihrem Studium in London nach Berlin gezogen war, dann in der WG meines Bruders, der sein Masterstudium in Berlin macht. 

Dann fand ich endlich eine Bleibe und zog mit meinem Hund in eine Ein-Zimmer-Wohnung in Berlin-Marzahn. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich alleine wohne. Und ich habe das Gefühl, es tut mir gut.

(Bild: Cerys Lowe/ Unsplash)

Meine Schwester und meinen Bruder in der gleichen Stadt zu wissen, beruhigte mich von Anfang an. 

Meine Schwester lädt mich sonntags oft zum Brunchen mit Freunden oder zu Spaziergängen am See ein. Mit meinem Bruder treffe ich mich manchmal zum Sushi essen oder wir gehen im Park mit dem Hund Gassi. Manchmal sehen wir uns auch alle drei gemeinsam. 

Mein zweiter Bruder, der für sein Studium nach Großbritannien gezogen ist, schickt mir regelmäßig lange Sprachnachrichten und hält mich über sein Leben auf dem Laufenden. 

Und so habe ich das Gefühl, allen noch ein bisschen näher zu sein als früher. 


Gerechtigkeit

Dieser rechte Troll marschiert mit seiner Möchtegern-Armee in liberale US-Städte ein
Ein Jahr nach Charlottesville kam es in Portland zum Showdown.

Sie tragen schusssichere Westen, schwere Stiefel, an ihren bepackten Gürteln baumeln Pistolen und Funkgeräte: Drei Männer bewachen den Parkplatz, von dem aus Joey Gibson seinen Angriff auf die liberale Hochburg Portland dirigiert. Die Stadt im Norden der US-Westküste liegt ein paar Autominuten entfernt.

Gibson ist ein trainierter Mann Mitte 30, Tattoos auf den Armen, schwarzes T-Shirt. Vor anderthalb Jahren hat er es sich zur Aufgabe gemacht, linksliberale Städte immer wieder mit Aufmärschen aufzumischen. Neben Portland sind das Seattle und San Francisco. Seit Donald Trump Präsident ist, kriegt er viel Aufmerksamkeit.