Bild: Westend 61/imago

Kondom gerissen, Pille vergessen oder einfach auf Nummer sicher gehen: Es gibt viele Situationen, in denen die Pille danach hilfreich sein kann. Seit 2015 können Frauen das Medikament in der Apotheke kaufen, ohne sich vorher beim Arzt ein Rezept zu holen. 

Die neue Regelung sollte die Hürden zur Hilfe bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr senken und den betroffenen Frauen den Kauf erleichtern.

Doch bedeutet Rezeptfreiheit auch Wertungsfreiheit? Darüber haben wir mit Betroffenen und einer Apothekerin gesprochen. 

Hier erzählen drei Frauen, was sie beim Kauf der Pille danach erlebt haben.

Anna, 34, arbeitet in der Werbebranche

Es war keine dramatische Situation, in der ich die Pille brauchte – meinem Freund ist das Kondom geplatzt. Als ich morgens in die Apotheke ging, sagte der Apotheker, dass er die Pille danach aus ethischen Gründen nicht verkauft. Dann hat er unter die Theke gegriffen und mir einen Stapel Broschüren von christlichen Einrichtungen gegeben. Da solle ich mir doch Hilfe holen, weil alles Leben ein Geschenk sei.Ich stand ganz perplex vor ihm und wusste gar nicht, wie mir geschieht. Ich habe ihn angeschrien, ihm den Mittelfinger gezeigt und bin rausgegangen.

„Ich war wütend darüber, dass jemand Apotheker wird, aber nur Sachen verkauft, an die er glaubt.“

Ich bin dann in eine andere Apotheke gegangen. Die Verkäuferin dort hat mir erzählt, dass der Apotheker in der ganzen Stadt wegen seiner Einstellung bekannt war. 

Sie hat mir dann in Ruhe und sehr sachlich die Nebenwirkungen erklärt, wie bei jedem anderen Medikament auch.

Angi, 28, Journalistin

Ich hatte ein komplett absurdes Gespräch. Die Apothekerin dachte, ich sei ein Lockvogel von einer Behörde, die kontrolliert, ob sie die Pille ohne Beratung rausgibt. Sie sagte, dass sie mir das Medikament nicht geben kann, weil es eben nicht wie Smarties ist und ich es nicht einfach so zum Abendessen dazu nehmen kann. Bei Teenies, die allein schon aus einer anderen finanziellen Lage kämen, hätte sie Verständnis. Aber ich sei doch in dem Alter, wo es nicht schlimm sei, ein Kind zu bekommen. Außerdem:

„Wenn Sie jetzt nicht wissen, wie Sie verhüten, dann wissen Sie es nie. Wissen Sie denn nicht, wie man ein Kondom benutzt?“

Ich habe mich gefühlt wie ein Dummerchen, das nicht weiß, wie man verhütet. Und ich habe mich fremdbestimmt gefühlt, weil ich selbst entscheiden möchte, wann ich die Pille benutze. Ich war enttäuscht, dass es eine Frau war, die mir diesen Vortrag gehalten hat und dass ich 2018 mit ihr diese Diskussion führen musste – das hat mich richtig baff gemacht.

Pauline*, 27, Studentin

Ich hatte damals eine Essstörung und war sehr untergewichtig. Es konnte aber trotzdem sein, dass ich einen Eisprung hatte. Als mein Freund und ich miteinander geschlafen haben, ist das Kondom gerissen.

Er wollte mir die Pille aus der Notapotheke holen, er hat sie aber nicht bekommen. Also ging ich persönlich zu der Apotheke. Die Apothekerin war ein bisschen hilflos, ging nach hinten, beriet sich mit einer Kollegin. Irgendwann kam sie mit einem dicken Ordner wieder, den sie wälzte, um rauszufinden welche Fragen sie mir stellen muss. Ich habe mich gefühlt, als sei ich etwas Exotisches.

Als sie sich nach meiner letzten Menstruation erkundigte, sagte ich ihr, dass das schon ziemlich lange her sei, so eineinhalb Jahre. Sie schaut mich verblüfft an und erklärte, dass das nicht gesund ist – was mir natürlich bewusst war.

Ich musste daraufhin meine Esstörung offenbaren und, dass ich deswegen in Behandlung bin. Die Apothekerin verschwand wieder in der Kammer und beriet sich erneut mit ihrer Kollegin.

Sie haben sich dann dazu entschieden, mir die Pille zu geben – ich musste sie allerdings vor Ort und vor ihren Augen einnehmen. 

„Als ich aus der Apotheke ging, standen beide Apothekerinnen hinter der Schaufensterscheibe und starrten mir hinterher.“

Ich habe mich wirklich gedemütigt gefühlt.

Petra Kolle, 59, hat seit fast 30 Jahren eine eigene Apotheke in Hamburg. 

(Bild: Privat)

Wie ist der Verkauf der Pille danach geregelt? 

Erst einmal ist es wichtig, dass die Frauen selber kommen. Wenn der Freund oder Ehemann kommt, dann ist das einerseits verboten und andererseits möchte ich das auch nicht. Wir sind gesetzlich verpflichtet, das Medikament nur an betroffene Frauen abzugeben, denn wir müssen sie aufklären, wie sie die Pille einnehmen sollen.

Wir haben außerdem einen Fragenkatalog, der von der Apothekerkammer vorgegeben ist. Auch wird alle drei Jahre von einem Kontrolleur geprüft, ob wir die Vorgaben einhalten. 

Gibt es Fälle, in denen Sie das Medikament nicht verkaufen dürfen?

Wenn ein Risiko besteht, dass die Frau schwanger ist. Wenn zu viel Zeit nach dem Sex verstrichen ist. Auch ein Thromboserisiko wäre ein Grund. Dann würde ich sie zum Frauenarzt schicken.

Inwiefern unterscheidet sich die Beratungssituation von anderen in Ihrer Apotheke?

Es ist schon besonders. Die Fragen, die wir stellen, stellen wir ja nicht jedem. Die Menschen haben schon mehr Persönliches zu offenbaren, manche Frauen fühlen sich ausgezogen. Die meisten kommen an und entschuldigen sich zehnfach, aber es ist ja nicht mein Ding, das zu bewerten.

Was ist Ihre persönliche Meinung zur Pille danach?

Ich bin aus einer Generation, die dafür demonstriert hat, dass Frauen selbst bestimmen können, ob sie schwanger sein möchten oder nicht. Ich war immer dafür, dass es die Pille danach freiverkäuflich gibt. Es erleichtert den Frauen einen Spießrutenlauf und ist die niedrigschwelligste Methode zur Hilfe bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr.

Wie erklären Sie sich, dass manche Ihrer Kollegen das anders sehen?

Manche können moralisch einfach nicht damit umgehen. Ich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren, in der mich eine Kollegin anrief, die einer Patientin die Pille aus Glaubensgründen nicht verkaufen konnte. Da sie ihr aber helfen wollte, hat sie die Frau dann zu mir geschickt.

Glaubensgründe sind zwar relevant, aber Glaube ist was für die Kirche. Wir sind verpflichtet, die Bevölkerung mit Arzneimitteln zu versorgen. 

„Es kommt zwar niemand zu Tode. Aber die Pille nicht zu verkaufen, wenn medizinisch nichts dagegen spricht, ist meiner Meinung nach unterlassene Hilfeleistung.“

*Name geändert – die echten Namen sind der Redaktion bekannt. 


Fühlen

Kann man mit einem Narzissten glücklich werden?
Eine Paartherapeutin gibt Auskunft.

Den Begriff "Narzisst" hat jeder schon mal gehört. Man denkt dabei an einen Menschen, der am liebsten in den Spiegel schaut und mit teuren Dingen protzt. Er postet ständig Selfies auf Instagram, am liebsten aus dem Gym. Und er liebt niemanden so sehr wie sich selbst – weshalb eine Beziehung mit ihm nur scheitern kann.

Doch was macht Narzissten abseits dieser Vorurteile tatsächlich aus? Und werden sie in Zeiten von Instagram mehr?

Wir haben mit Paartherapeutin Andrea Bräu über Narzissmus und Beziehungen gesprochen.

Frau Bräu, woran erkenne ich einen Narzissten?

"Narzissmus hat viele Formen, aber meistens ist der 'grandiose' Narzissmus gemeint. Hier geht es um einen Menschen, bei dem sich alles um seinen Status und um Macht dreht. Er zeigt abwertendes Verhalten anderen gegenüber, ist geringschätzig, egoistisch. Er kann nicht mit Kritik umgehen und entschuldigt sich nie – denn er ist ja auch nie schuld, immer nur die anderen. Er zeigt keine Empathie. Wenn jemand ihm nicht mehr nutzt, dann lässt er ihn fallen.