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"Ich hatte schon als Kind viel Verantwortung."

Jemanden pflegen ist eine persönliche Sache: Es geht um Nähe, körperlich wie psychisch, um Abhängigkeit und Vertrauen, um Verantwortung und Intimität. Auch deshalb gibt es Gesetze, die Beruf und Pflege von Angehörigen vereinbar machen sollen. 

Doch neben organisatorischen Fragen stellen sich auch ganz persönliche: 

Wie fühlt es sich an, die eigenen Eltern zu füttern? Oder die Oma zu wickeln? Wie geht man miteinander um? Und wie schafft man es, Grenzen zu ziehen?

Wir haben mit drei jungen Menschen darüber gesprochen. 

Elektre ist 29 Jahre alt und ist mit einem querschnittsgelähmten Vater aufgewachsen

Als ich ein Jahr alt war, versuchte mein Vater, die Hauswand hochzuklettern – er hatte seinen Schlüssel nicht dabei. Da er beruflich an Höhen gewohnt war, hatte er keine Angst. Aber als er am Ziel ankam, brach ein Kalkstein an der Hauswand herunter und er fiel zwölf Meter in die Tiefe, wobei er noch eine Wäschestange mit dem Genick mitriss. Seitdem ist mein Vater von den Schultern abwärts querschnittsgelähmt – damals war er 29 Jahre alt, meine Mutter war 21.

Ich kannte das also nie anders. Für mich war es das normalste auf der Welt, dass ich mich um meinen Vater kümmerte. Zwar habe ich mich nicht um die Körperpflege gekümmert, aber ich hatte schon als Kind eine große Verantwortung. Wenn ich draußen gespielt habe, musste ich immer in Rufweite sein. Wenn mein Vater zum Beispiel etwas trinken wollte, musste ich nach Hause.

Meine Mutter hat viel gearbeitet und ich war mit meinem Vater oft alleine Zuhause. Ich sage immer, mein Vater war der Kopf und ich die Hände. Wir waren ein sehr gutes Team zu zweit. 

Er hat mir zum Beispiel beigebracht Spaghetti Bolognese zu kochen, ohne es mit den Händen selbst zu machen.

Wir kochten gemeinsam viel und waren auch gemeinsam unterwegs. Wir haben den Alltag etwas anders gemeistert, als andere, aber das hat nichts daran geändert, dass mein Vater eine Vaterfigur mit voller Autorität war. Ich war kein Ersatz für eine Betreuungskraft, sondern das war das Verständnis unseres Familienalltags. Ich hatte eben auch viel mehr 'quality time' mit ihm als viele Gleichaltrige. 

Ich würde diese Zeit gegen nichts in der Welt eintauschen wollen.

In der Pubertät fiel mir dann auf, dass mich das alles viel selbstständiger gemacht hatte. In der Schule bemerkte ich, wie unselbstständig die anderen eigentlich waren. Ich habe das persönlich nie als große Last empfunden, sondern immer als eine Bestärkung für mich. Durch die frühe Selbstständigkeit war ich auch sehr selbstbewusst. 

In der Familie empfinden wir das auch nicht als Belastung. Meine Mutter möchte zum Beispiel auf keinen Fall Mitleid. Sie sagt immer: "Das ist passiert und wir müssen das akzeptieren." Wir nehmen die ganze Situation mit Humor und versuchen unseren Alltag durch die Pflege nicht zu beeinflussen. Der Familienalltag steht im Vordergrund und nicht die Pflege. 

Anna ist 20 Jahre alt, kommt aus Potsdam und studiert Heilpädagogik. Neben dem Studium kümmert sie sich noch um ihre Oma.

(Bild: Privat)

Meine Oma ist seit rund sechs Jahren pflegebedürftig. Durch das Alter kann sie vieles nicht mehr alleine machen und braucht Begleitung, wenn sie das Haus verlässt. Ich lebe mit meiner Mutter im selben Wohnhaus wie meine Oma und dadurch sind wir für ihre Pflege zuständig.

Das meiste übernimmt zwar meine Mutter, aber wenn sie arbeitet oder andere Verpflichtungen hat, dann springe ich für meine Mutter ein. Ich begleite meine Oma zum Arzt oder zu anderen Terminen. Die Pflege meiner Oma fühlt sich nicht direkt wie eine Arbeit an. Dass die Verantwortung sehr groß ist, dessen bin ich aber mir bewusst.

 Vor allem in der Prüfungsphase merke ich, wie mir das zusetzt. Ich wünsche mir dann immer, dass ich etwas mehr Zeit für mich hätte. Meine Mutter versucht, mich nicht so zu belasten, aber sie hat auch andere Verpflichtungen, weshalb wir uns die Pflege teilen. Ich kümmere mich aber auch gerne, weil sie einfach meine Oma ist. 

Die Tragweite ist mir aber erst bewusst geworden, als ich die Vollmacht für sie unterschrieben habe. Meine Mutter hat zwar die erste Vollmacht, aber wenn sie nicht kann oder gerade nicht anwesend ist, dann muss ich vielleicht eine wichtige Entscheidung treffen. Ich habe immer gedacht, meine Mutter regelt alles schon. 

Aber wenn es hart auf hart kommt, dann muss ich vielleicht sogar über Leben und Tod entscheiden.

Charlotte ist 23 Jahre alt, lebt in Hannover und studiert soziale Arbeit. Sie hat sich vor dem Tod ihres Vaters um ihn gekümmert.

(Bild: Privat)

Als wir im September 2015 die Nachricht erhielten, dass mein Vater einen Hirntumor hatte, konnte ich das nicht direkt fassen. Ich habe nicht wirklich verstehen wollen, was das bedeutet und wie lange er noch hat. Aber kurz nach der Diagnose ging es relativ schnell und er wurde in eine andere Klinik verlegt und operiert. Danach begannen auch schon die Chemotherapie und die Bestrahlung und ich verstand irgendwann, dass es nur noch darum ging, sein Leben zu verlängern.

Während der ganzen Behandlungszeit kümmerte ich mich viel um meinen Vater. Ich versuchte ihn abzulenken, mit ihm zu spielen, für ihn zu kochen, ihn zu Arztterminen zu fahren oder ihm bei alltäglichen Aufgaben zu helfen. Auf der einen Seite wurde unsere Beziehung immer enger – ich hatte sowieso ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater und die gemeinsame Zeit kurz vor seinem Tod half mir sehr. Auf der anderen Seite war das auch eine sehr belastende Zeit, da mein Vater körperlich und geistig sehr nachgelassen hatte. 

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass ich mich um ein Kind kümmerte.

Meine Mutter hat mir und meinen zwei Geschwistern in dieser Zeit sehr viel Mut gegeben. Sie hat sich um alles gekümmert, sie hat nebenbei gearbeitet, alles organisiert und uns drei Kinder trotzdem nicht vernachlässigt, obwohl sie sich sehr um meinen Vater gekümmert hat.

Die letzte Zeit mit meinem Vater war die Intensivste. Er kam in ein Hospiz, das für uns eine sehr große Entlastung war. Die Mitarbeiterinnen haben dort nicht nur den sterbenden Menschen gesehen, sondern auch trauernde Angehörige. Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern: Es war Sommer, sehr gutes Wetter und das Zimmer meines Vaters hatte eine Terrasse. 

Wir haben mit Freunden und mit der Familie gegrillt und die letzten Momente mit ihm genossen.

Ihn hat das alles sehr gefreut und auch sein Chor kam ihn besuchen und sang für ihn. Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück, auch wenn es körperlich und geistig für mich sehr belastend war. Als mein Vater starb, habe ich mich nicht wirklich von ihm verabschiedet. Ich habe bis zum Ende gehofft, dass er einfach wieder gesund wird.


Today

Berliner Polizei meckert über illegal ins Netz gestelltes Fahndungsvideo – dabei soll es ein Kollege hochgeladen haben
Upps

Wenn die Polizei Fotos oder Videos von Verdächtigen ins Netz stellt, dann ist das: eine öffentliche Fahndung. Wenn aber Privatpersonen im Netz mit Bildern nach mutmaßlichen Tätern suchen, dann ist das: verboten.

In Berlin wurde nun ein U-Bahn-Pöbler gefasst, nachdem Bilder seiner Tat im Netz gelandet waren. Doch die Berliner Polizei ist wenig glücklich über den Hergang – weil sie die Bilder nicht geteilt hat. Dass sie trotzdem im Netz landeten, sei wenig hilfreich gewesen.

Nun kam heraus: Es waren wohl selbst Berliner Polizisten, die das Video vom U-Bahn-Schläger gestreut haben.

Aber von vorn: Am Freitag vor einer Woche griff ein Mann in der U-Bahn einen Polizisten an. Ein Dritter filmte die Tat. Der Angreifer bepöbelte und bespuckte den Polizisten.

Zwei Tage später landete ein Videoschnipsel im Netz, insgesamt eine halbe Minute: Das Video zeigt, wie der Angreifer den Polizisten schubst. Außerdem beschimpft er den Beamten: "Ich habe weder Respekt vor Vater Staat, weder Respekt vor dir. Auf deine scheiß Uniform rotze ich, Alter. Hast du gerade gesehen?" Der Polizist bleibt gelassen. Andere kommen nicht zu Hilfe.

Knapp eine Woche später wird der mutmaßliche Täter, ein 23-Jähriger, bereits erwischt. Dank des geteilten Videos. 

Die Berliner Polizei dankt für die Hilfe – aber verurteilt den Upload: