Die UN nennen den "period shame" eine "Bedrohung der Menschenrechte"

Die Hand wühlt in der Tasche herum, tastet nach einer kleinen, glatten Rolle. Vergeblich...shit. Mein Blick schweift über die Redaktion, ich rolle meinen Stuhl zur Nachbarin. "Hey, hast du zufällig einen Tampon dabei?", frage ich. Leise. Natürlich! Immer leise – schließlich möchte sicher niemand darüber nachdenken müssen, dass ich gerade tagelang zwischen den Beinen blute.

Aber warum eigentlich nicht? Warum schämen wir uns für unsere Periode?

Vom Moment, an dem wir das erste Mal unsere Tage haben, wird uns Frauen signalisiert, dass wir darüber nicht offen sprechen sollten. In der Familie war das vielleicht noch in Ordnung. Spätestens in der Schule, in der Uni, im Büro, beim Sport wird von uns erwartet, die Tage vornehm zu verschweigen.

Und fast immer, wenn sie sich doch bemerkbar macht, ist das ein Horrormoment

Zum Beispiel, als die Jungs beim Schwimmen mit der Schulklasse auf das blaue Bändchen zeigten, das aus dem Badeanzug herausguckte, und "ihhh" riefen. Oder als man auf der Straße die unangenehm berührten Blicke bemerkte und erst später, vor dem Spiegel feststellte, dass sich auf der Hose ein roter Fleck ausgebreitet hatte. Und jeder kennt die typische Filmszene, in der eine Frau aus Versehen ihre Handtasche fallen lässt und Tampons herausfallen. Große Aufregung, panisches Einsammeln – peinlich!

Aber warum eigentlich peinlich? Warum darf niemand wissen, dass eine Frau einmal im Monat blutet?

Was stimmt mit unserer Gesellschaft nicht, dass eine ganz normale Körperfunktion – die übrigens dafür verantwortlich ist, dass es uns alle überhaupt gibt – als eklig und schamvoll empfunden wird?

Die US-amerikanische Comedienne Amy Schumer sagt in ihrem aktuellen Netflix-Special "Growing", wir Frauen würden uns verhalten, als sei die Periode eine unangenehme Eigenart: "Als ob wir es uns ausgesucht hätten! 'Uch...ich kann diese Gewohnheit einfach nicht ablegen, ich würde so gern!'", äfft Schumer und erzählt, wie selbst in einer Frauen-Umkleide die Frage nach einem Tampon zu einer absurd-komischen Situation führte.

Das Phänomen der Perioden-Peinlichkeit ist weltweit so verbreitet, dass es dafür sogar eine Bezeichnung gibt: Auf Englisch nennt sich das Ganze "period shame". Seit einigen Jahren kämpfen Frauen gegen diese Scham an. Auf Social Media finden sich unter Hashtags wie #endperiodshame und #periodproud künstlerische Bilder von Blutflecken, witzige Cartoons und ironische Sprüche, die zeigen sollen: Die Menstruation ist etwas völlig Normales und wir können miteinander darüber sprechen.

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Doch Tausende periodenpositive Instagram-Posts kommen nur schwer an gegen ein Gefühl, das Frauen seit Jahrtausenden eingeimpft wurde.

Denn das Stigma der Menstruation begann schon vor sehr langer Zeit. 

Schon Aristoteles fand die Menstruation schmutzig und unrein und nannte sie ein Defizit in der Physik des weiblichen Körpers (SPIEGEL ONLINE). Im Hinduismus durften Frauen lange Zeit nicht an religiösen Zeremonien teilnehmen, wenn sie bluteten – auch heute noch werden Frauen in Indien während ihrer Periode oft wie Ausgestoßene behandelt. 

Im Judentum sollte der Mann die Frau nicht berühren, während sie blutete, da sonst auch er unrein werden würde. In einigen orthodoxen oder konservativen Kreisen gelten diese Regeln noch bis heute (Jüdische Allgemeine). Auch in der katholischen Kirche galt die Frau während der Menstruation als minderwertig und konnte vom Gottesdienst ausgeschlossen werden – schließlich war die Blutung die Strafe für die Verfehlung Evas (SPIEGEL ONLINE).

Im 19. und 20. Jahrhundert setzte sich der Sozialdarwinismus durch: Der Mann galt als Spitze der Evolution, das Weibliche als eine Abweichung, eine Andersartigkeit – und die weibliche Blutung als Leid, das die physische Unterlegenheit gegenüber Männern mit sich bringt. Bis in die Siebzigerjahre hielt sich auch hartnäckig der Fehlglaube aus dem Mittelalter, dass Periodenblut möglicherweise giftig sei. Daher durften Frauen während der Periode nicht einmal Blut spenden. (SPIEGEL ONLINE)

Menstruation ist offenbar ein polarisierendes Thema – da könnte man glauben, es hätte schon einiges an Forschung gegeben. 

Dem war lange nicht so: Bis in die Achtzigerjahre gab es erschreckend wenige wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, was im weiblichen Körper eigentlich während der Periode geschieht (Zeit Online). Auch heute noch sind viele Fragen nicht geklärt: Welche Hormone beeinflussen den Zyklus auf welche Weise? (Standard) Hilft eine Diät gegen Schlafstörungen während der Periode? (Apotheken Umschau)

Von Aristoteles bis heute hat also einiges dazu beigetragen, dass wir auf dem Weg zum Klo unsere Tampons verstecken.

Das ist nicht nur absurd, sondern hat auch schwerwiegende Folgen: Studien zeigen, dass das negative Verhältnis von Frauen gegenüber ihrer Periode psychische Probleme verursachen kann. Außerdem erhöht es die Gefahr sexueller Übergriffe, denn Frauen, die sich mit ihrem Körper unwohl fühlen, seien im Schnitt weniger sexuell selbstbestimmt (Journal of Sex Research).

Die Vereinten Nationen bezeichnen Menstruationsscham und -desinformation sogar als Bedrohung der Menschenrechte. Frauen seien dadurch Diskriminierung, Gewalt und Gesundheitsproblemen ausgesetzt (UNFPA).

Es ist also wichtig, über die Menstruation zu sprechen – trotzdem wird das Thema noch immer häufig abgeblockt. Als eine Studentin im vergangenen Jahr ihre Bachelorarbeit über das Tabu der Menstruation schreiben wollte, fand sich an ihrer Uni zunächst niemand, der die Arbeit betreuen wollte. Ihr wurde sogar davon abgeraten, "über solch abstruse Widerlichkeiten wie die Periode zu schreiben" (Zeit Online).

Selbst auf dem denkbar niedrigschwelligsten Level der Kommunikation war die Menstruation offenbar ein zu großes Thema: bei den Emojis. Als eine Initiative vom Unicode-Konsortium, das jedes Jahr über neue Emojis entscheidet, ein Menstruationssymbol forderte, schaffte es am Ende nur ein roter Tropfen in die Liste für 2019, der für alles mögliche stehen kann (bento). Die Vorschläge waren eindeutiger gewesen:

(Bild: Plan International)

Was kann man also tun, um die Scham, die Tabus und das Stigma rund um die Periode loszuwerden?

Manche Frauen sind da radikal: Sie feiern ihre Menstruation und geben anderen Frauen die Chance, gemeinsam offen darüber zu sprechen. Andere propagieren "free bleeding", also bluten ohne Tampon, Binde oder Menstruationstasse. Einfach laufen lassen.

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Bloodbath by: Christian Drake It came in like the barking of dogs in your belly, The clock in you unwound, The little room collapsed, And the blood trickled out in a thin red ribbon, Licking the white sheets. They call it a period. But it’s really more of a run-on sentence, isn’t it? Babbling on all week. The day-long math test of cramps shooting through you Like swimmers’ stitches when you’re in the middle of a river. And I watch you fight to swim to the other side of the bed, Kicking, Gasping for air between gulps of chamomile tea. But when the blood is calm, It is beautiful as a bone-handled knife. It’s a presence not like a ghost, But like a memory in your skin: Changing the pitch and timbre of your body As I pull my fingers across your belly, And you find my lips in the dark like a magnet, And I slip my fingers through your hair as gently as static, And you say “Baby, not tonight. I’m on my period.” And I say: “Baby, I will make love to you until we look like a war zone.” Give me the sweet murder of your body Until they string up crime scene tape across the bedroom, Because period sex is awesome. I will love you like surgery and I will transplant your heart. I will love you like a horror movie, Because it’s about to be a blood bath in here. I need a heart transfusion of your love: Type A positive Because you can’t B negative When I’m giving you my O, O, O. I wanna surf your crimson wave, And invite your Aunt Flo in for a threesome. I wanna put my submarine in your Red Sea And hunt for Red October. And do not hesitate to ask me to go snorkeling down there, Because if I’m going to order the finest steak, I’m gonna eat it rare. I crave the taste of blood. And I want your nerves raw, Like a bullet-wound Valentine. And whether it’s hard or sweet, We’re gonna leave Rorschach’s on the sheets, And hand prints on the walls. So throw that tampon in the air like a cotton spudnick. Just lob it. Because in the end, I wanna be bloodier than John Wayne Bobbitt. Yeah, your time of the month has perfect timing, Because you open like the elevator doors in The Shining. I want some darling, I want to taste copper like I’m dying. Continued in comments ⬇️⬇️⬇️

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Ich persönlich möchte meine Periode nicht unbedingt feiern.

Ich bin meist genervt von ihrem schlechten Timing (Festival, Badeurlaub), den Gewichtsschwankungen und den Schmerzen. Aber ich möchte besser darin werden, sie zu akzeptieren und zu respektieren. Die Menstruation verdient es nicht, verheimlicht zu werden – egal, wie unwohl sich andere Menschen fühlen, wenn ich künftig laut nach einem Tampon frage.


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Es ist einer der ersten wärmeren Tage des Jahres in Kuckum, einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen. Tina Dresen läuft über einen Feldweg, rechts von ihr ein kleiner Wald, links Wiesen und Koppeln, auf denen Pferde grasen, man hört einen Hahn krähen und Hunde bellen. Sie hat ihre Haare locker zu einem Zopf zusammengebunden und trägt eine lila-grüne Jacke, die ihr eigentlich zu groß ist.