Bild: Maksim Goncharenok/Pexels
Betroffene und eine Ärztin klären auf.

Nach ihrer Hochzeit 2019 wünschte sich Lena, Mutter zu werden. Sie setzte die Pille ab, aber schwanger wurde sie nicht. "Erst hat mein Frauenarzt mir geraten, geduldig zu sein", sagt die 24-Jährige. "Aber als ich auch nach über einem Jahr nicht schwanger wurde, habe ich den Arzt gewechselt. Ich dachte: Irgendwas stimmt nicht." Der neue Frauenarzt machte einen Ultraschall und zeigte Lena auf dem Monitor, was er sah: statt einer heranreifenden Eizelle viele kleine Follikel auf beiden Eierstöcken. Er vermutete daher das sogenannte "Polyzystische Ovarsyndrom" (PCO-Syndrom, PCOS). Lena fragte: "Kann ich schwanger werden?" Der Arzt habe ihr Mut gemacht. Doch es würde nicht so einfach werden, wie sie es sich vorgestellt hatte. "Ich war traurig und enttäuscht. Dazu kam das Gefühl, als Frau nicht gut genug zu sein."

Mindestens eine von zehn Frauen ist vom PCO-Syndrom betroffen

Das PCO-Syndrom ist die häufigste Hormonstörung bei Frauen. Etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter sind schätzungsweise davon betroffen. Es entwickelt sich typischerweise im Teenager- oder jungen Erwachsenenalter. Sowohl genetische als auch Umweltfaktoren spielen dabei eine Rolle. (Endokrinologie MünchenBerufsverband der Frauenärzte

"PCOS gab es schon immer", sagt Dr. med Petra Schmitt. Die Gynäkologin war Ende der Neunzigerjahre drei Jahre lang in Boston an maßgeblichen Studien zu PCOS beteiligt, bevor sie sich als Frauenärztin in Hamburg niederließ, und hat seitdem ein Auge für Patientinnen mit entsprechenden Symptomen.

Dr. Petra Schmitt ist Frauenärztin in Hamburg.

(Bild: privat)

In den Eierstöcken von Frauen mit PCOS komme eine größere Zahl an Eibläschen vor als in normalen Eierstöcken, erklärt Dr. Schmitt. Typische Symptome des PCOS seien folgende: fehlende Eisprünge (Anovulation) mit Zyklusstörungen, vermehrte Körperbehaarung (Hirsutisus), Pickel (Akne), fettige Haut, dünne Haare, Neigung zum Zunehmen und Probleme beim Verdauen von raffinierten Kohlenhydraten. Nicht alle der Symptome müssten gleichzeitig vorhanden sein. Begründet seien diese Veränderungen durch zu viele männliche Hormone und oft relativ wenige weibliche Hormone im Körper. Viele der betroffenen Frauen haben Probleme, schwanger zu werden.

Insulinresistenz?

Bei einer Insulinresistenz reagiert der Körper der betroffenen Frauen unempfindlicher auf das körpereigene Hormon Insulin, das den Blutzuckerspiegel reguliert und eine Aufnahme des Zuckers in die Muskeln fördert. Daraufhin wird das Hormon in immer größeren Mengen ausgeschüttet, was wiederum die Ausschüttung der männlichen Hormone erhöht. Zudem wird Energie aus Nahrung eher in Fettdepots gespeichert als verbrannt. Dadurch nehmen die Frauen besonders schnell zu. (SPIEGEL)

Die Insulinresistenz sorge nicht nur für Übergewicht, sondern verstärke auch die Störung an den Eierstöcken, erklärt der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte Dr. med Christian Albring. "Die meisten Patientinnen mit PCOS sind übergewichtig. Im Ultraschall zeigen sich typische Veränderungen der Eierstöcke, nämlich zahlreiche kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Bläschen, sogenannte Zysten. Darin befinden sich Eizellen, deren Reifungsprozess wegen der Hormonschwankung unterbrochen wurde. Zur Bestätigung werden Hormone bestimmt: Es findet sich meist ein erhöhter Spiegel an männlichen Hormonen."

Neben den körperlichen Symptomen klagen viele der Frauen auch über Stimmungsschwankungen und eine depressive Stimmung. (Endokrinologie München)

Plus auf der Waage, Härchen auf der Oberlippe

Yasemin bekam schon früh zwei Kinder, mit Anfang 30 wollte sie mit ihrem neuen Mann weitere bekommen. Doch obwohl sie regelmäßig ihre Periode bekam, klappte es nicht. "Im Spiegel habe ich manchmal zwei härtere Härchen auf meiner Oberlippe bemerkt, aber mir nichts dabei gedacht", sagt die 32-Jährige. Zudem nahm sie immer mehr an Gewicht zu und wusste nicht warum. Beim Arzt erfuhr sie: "Dafür war eine Insulinresistenz – gemeinsam mit meinen Essgewohnheiten – verantwortlich. Das hat man zusammen mit PCOS bei mir diagnostiziert."

Trotz PCOS haben Yasemin und ihr Mann Bamba Anfang des Jahres ihre Tochter Kimali bekommen.

(Bild: privat)

"Die Diagnose war traumatisch für mich, ich wollte unbedingt noch einmal schwanger werden." Yasemin hatte Angst, künstliche Befruchtung zu benötigen. Sie sagt: "Ich wusste nicht, wie wir das finanzieren sollten." Yasemin stellte ihre Ernährung um, verzichtete möglichst auf Kohlenhydrate und Zucker. Zusätzlich bekam sie ein Medikament, das ihren Blutzuckerspiegel senkte.

Zwei Monate nach der Diagnose habe sie 10 Kilogramm abgenommen, erzählt sie – und hielt einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. "Ich war überglücklich, dass ich selbst etwas gegen das PCOS tun konnte. Vor der Diagnose hatte ich noch nie davon gehört."

Viele Frauen wissen nicht, dass sie betroffen sind, weil sie die Pille nehmen, die mit hochdosierten weiblichen Hormonen dafür sorgt, dass die Symptome überdeckt werden. Erst, wenn die Frauen die Pille absetzen und dennoch nicht schwanger werden, oder andere Beschwerden dazukommen, suchen sie ärztlichen Rat. 

PCO-Syndrom – und dann?

In ihrer Praxis habe Frau Dr. Schmitt täglich etwa eine bis zwei PCOS-Patientinnen. "Ich erkenne PCOS bei den Frauen oft schon auf den ersten Blick. Sie erzählen von unregelmäßigen Zyklen und dass ihre Stimmung sie belastet. Viele von ihnen sind übergewichtig, viele schämen sich für Pickel oder dünnes Haar. Am Rest des Körpers haben sie wiederum zu viele Haare, die ihnen unangenehm sind." Jede Frau sei anders, die Symptome seien unterschiedlich ausgeprägt. Das Hormonungleichgewicht und das Aussehen der Eierstöcke sei aber meistens gleich. 

PCOS müsse nicht zwingend behandelt werden, sagt Dr. Schmitt. Die Symptome können in vielen Fällen im Verlauf des Lebens unterschiedlich stark auftreten, wenn man seine Lebensweise ändere. Dr. Schmitt rät den meisten Frauen mit Verdacht auf PCO: "Weitgehender Verzicht auf Kohlenhydrate und Süßigkeiten, Finger weg von raffiniertem Zucker – und viel Bewegung!" Bekommt man die Probleme damit nicht in den Griff, könne man immer noch mit Medikamenten nachhelfen, die beispielsweise den Insulinstoffwechsel verbessern oder einen Eisprung auslösen, falls die Frauen dringenden Kinderwunsch haben. In anderen Fällen kann die Pille eine Behandlungsmethode sein, die die Symptome von PCOS mildert. 

Nicht nur Nachteile

Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht widersprüchlich, dass ausgerechnet eine Hormonstörung, die die Fruchtbarkeit einschränkt, heute noch so weit verbreitet und nicht im Laufe der Evolution verschwunden ist. Forscherinnen und Forscher vermuten jedoch, dass Frauen mit PCOS in der frühen Menschheitsgeschichte die Energie aus der Nahrung besser verwerten konnten. Außerdem könnte es in gewissen Situationen sogar von Vorteil gewesen sein, nicht ständig schwanger zu sein, sondern nur alle paar Jahre ein Kind zu bekommen und dieses dann besser versorgen zu können. (Endokrinologie München, FAZ)

"Heute leben wir aber in einer völlig anderen Welt", sagt Schmitt. "Essen – besonders zuckerhaltiges – ist ständig verfügbar. Hinzu kommt, dass wir uns viel weniger bewegen als unsere Vorfahren." Die Vorteile, die Frauen mit PCOS früher hatten, werden zu Nachteilen, äußern sich in Gewichtszunahme und möglichen Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes. 

Dennoch, sagt Frau Dr. Schmitt, solle man nicht nur über die Nachteile von PCOS sprechen: Die Disbalance der sogenannten männlichen und weiblichen Hormone schlage sich auch in der Persönlichkeit nieder. "Man könnte ganz salopp sagen, dass Frauen mit mehr Testosteron zwar ein eher aggressives Verhalten an den Tag legen und emotional weniger stabil sind als Frauen mit einem ausgeglichenerem Hormonhaushalt. Dadurch haben diese Frauen aber durch ihre Durchsetzungsfähigkeit und Entschlossenheit oft Vorteile." Die Frauen seien vor allem karrierebewusst und zielstrebig, aber eben auch kampflustig. Damit müssten alle Beteiligten im Job und in einer Parnerschaft umgehen können.

Lena möchte Mutter werden – auch mit PCO-Syndrom.

(Bild: privat)

Lena nimmt mittlerweile ein Medikament, das ihren Eisprung auslösen soll. "Ich bin zuversichtlich und fühle mich bei meinem Frauenarzt in guten Händen." Kurz nach der Diagnose hatte sie zunächst Angst, ihr Partner könne enttäuscht sein. "Aber das war unbegründet. Ich weiß, dass wir das gemeinsam schaffen."

Viele Frauen empfänden in ihrer Beziehung großen Druck wegen des Kinderwunschs oder der äußeren Anzeichen des PCO-Syndroms, berichtet Dr. Schmitt. Nach der Diagnose seien sie erst einmal überfordert und hinterfragten ihre Weiblichkeit. Sie sieht sich dann als Gynakölogin in der Verantwortung – und möchte den Frauen vor allem mit auf den Weg geben, dass eine Änderung der Lebensweise oft bereits zielführend ist und dass sie wertvoll sind, wie sie sind. "Der Weg ist zwar etwas holpriger, aber das gilt im Negativen wie im Positiven."

Hilfe beim PCO-Syndrom

Viele Frauen mit PCO vernetzen sich untereinander, um sich über die Symptome und ihren Kinderwunsch auszutauschen. Auf Facebook gibt es zum Beispiel mehrere Gruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Auch Lena und Yasemin sind Teil einer solchen Facebook-Gruppe

In Deutschland gibt es zudem den Verein PCOS Selbsthilfe Deutschland e.V. Dort können sich Frauen beraten lassen oder sehen, in welchen Städten es bereits Selbsthilfegruppen gibt. Dort bietet der Verein nicht nur Informationen, sondern auch Austausch, Hilfe und Halt vor Ort an.


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