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Ein Plädoyer für den gepflegten Rausch.

Hedonismus hat nicht unbedingt einen guten Ruf. Die Strebsamen und Arbeitswütigen sehen in dieser Philosophie nichts weiter als eine egoistische Lustbefriedigung ohne moralischen Wert, eine triebgesteuerte Suche nach kurzlebigen Sinnesfreuden oder eine dekadente Form der Realitätsflucht für Leute, die mit dem Ernst des Lebens nichts anzufangen wissen.

Aber was hat der Ernst des Lebens je für uns getan? Nichts. Oder zumindest nichts, was uns wirklich glücklich machen würde. Dagegen wusste schon der englische Frühromantiker William Blake, dass die Straße des Exzesses zum Palast der Weisheit führt.

(Bild: Eliza Tyrrell, cc by-sa)

Zu viel Disziplin ist weder gut für den Körper, noch für den Geist und endet im schlimmsten Falle damit, dass wir uns irgendwann für all die Dinge verfluchen, die wir in unserer Jugend nie getan haben, weil wir zu beschäftigt damit waren, uns Sorgen über unsere Zukunft zu machen. Darüber, nicht gut und nicht fleißig genug zu sein, und darüber, was andere Leute von uns denken.

Wir haben nicht nur das Recht, uns zu amüsieren, wir haben geradezu die Pflicht dazu, wenn Pflicht nicht so ein schreckliches Wort wäre, und es natürlich uns selbst überlassen sein sollte, was wir mit unserer Freizeit anfangen wollen.

(Bild: Bernhard Frank, cc by)

Gerade in Zeiten, in denen es anscheinend keinen Grund zum Feiern gibt, sollten wir uns den Spaß nicht verderben lassen, und das nicht erst seit den Terroranschlägen von Paris. Rauszugehen und zu feiern ist ein Zeichen dafür, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und zu feiern, dass man am Leben ist, ist immer ein ausreichender Grund.

Das beweist die Partyszene in Tel Aviv, einer Stadt, wo die Gefahr und die Angst vor Terror zum Alltag gehört. 2001 kamen hier bei einem Anschlag auf die Diskothek Pacha 16 Menschen ums Leben, seitdem steht die verlassene Ruine als ein Mahnmal des Terrors an der Strandpromenade.

(Bild: Getty Images)

Aufgehört zu feiern, haben die jungen Israelis deswegen nicht. Denn gerade an einem Ort, wo der Tod allgegenwärtig ist, erscheint das pulsierende Nachtleben als eine Insel der Lebensfreude und der Normalität inmitten von Chaos, Krieg und politischen Spannungen. Mit seiner für die Region außergewöhnlich großen Gay-Szene und seinen endlosen Technopartys in verwinkelten Kellerclubs gilt Tel Aviv als Berlin des Nahen Ostens.

Dabei war Berlin in der Geschichte selbst oft ein leuchtendes Beispiel dafür, wie sich mit Rausch und Ausgelassenheit gegen Angst, Bedrohung und Diktatur kämpfen lässt. Während der Inflation 1923 verlor das Geld so schnell an Wert, dass Millionen von Menschen in Armut versanken. Gleichzeitig florierten Casinos und Nachtclubs, in denen die Leute das Geld mit zum Fenster hinauswarfen, bevor es am nächsten Tag ohnehin nichts mehr wert war.

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Im Dritten Reich tanzte die Swing-Jugend gegen die Nazi-Diktatur an, in den Fünfzigern rebellierten junge Leute in Ost und West mit Rock 'n' Roll gegen staatliche Autoritäten, Doppelmoral und Spießigkeit. Nicht immer ist Feiern ein politisches Statement, aber immer ist es eine Form, sich von der Realität in eine Parallelwelt zu flüchten, egal ob man zu Swing, Rock 'n' Roll oder Technobeats tanzt.

Feiern ist Illusion. Und wir haben das Recht dazu, uns dieser Illusion hinzugeben, für ein paar Stunden abzuschalten, keine Nachrichten zu lesen und nicht immer über alles nachzudenken. Für eine Nacht versinkt die Welt um uns herum, während sich unsere Unsicherheit im Gewühl der Menschen auf der Tanzfläche auflöst, und die Dunkelheit unsere Sorgen verschluckt.

(Bild: José-Manuel Ríos Valiente, cc by-nd)

Wir verlieren uns im Hier und Jetzt, in der Schönheit des Augenblicks oder den Augen unseres Gegenüber. Der Rausch ist unsere Form der Meditation und unser Fluchthelfer aus dem Alltag. Wir flüchten vor der Verantwortung, vor der Einsamkeit, der Langeweile oder der Angst vor der Zukunft. Wir lassen uns fallen in die Arme der Nacht und in die Arme von Menschen, die wir nicht kennen, weil wir glauben, dass uns etwas verbindet. Vielleicht nur der Zufall und der Alkohol, vielleicht aber auch die gemeinsame Freude darüber, dem spielverderberischen Ernst des Lebens für ein paar Stunden entkommen zu sein.

Manchmal bleibt von einer durchfeierten Nacht nicht mehr als verschmierter Glitzer im Gesicht, ein leeres Portemonnaie und tödliche Kopfschmerzen. Manchmal bleibt davon aber auch mehr. Neue Freunde, neue Lieben oder Geschichten, die wir am nächsten Tag unseren besten Freunden erzählen, an die wir denken, wenn uns der graue Alltag längst wieder eingeholt hat. Die uns daran erinnern, dass das Leben manchmal einfach verdammt viel Spaß machen kann.

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