Bild: Wood Rocket
Ein Sexualforscher erklärt Parody Porn.

Die falsche Daenerys schlägt herausfordernd die Augen auf, vor ihr steht ein bärtiger Typ mit nachtschwarzem Umhang. "You know nothing, Jon Blow", sagt sie – dann diskutieren beide darüber, ob und wie sie nun miteinander schlafen dürfen. Gar nicht so einfach, schließlich sind sie verwandt. Die Entscheidung: Das passt schon – wie im Original auch.

Die beschriebene Szene stammt aus "Game of Bones 2: Winter Came Everywhere" – einer Porno-Parodie auf das Fantasiespektakel "Game of Thrones".

Statt Gewaltorgien gibt es hier nur noch Orgien. Die Dialoge sind holprig, voller Anspielungen und Flachwitze. Doch der Porno aus "Westerass" versteckt sich nicht in schmuddeligen VHS-Hüllen, er wird selbstbewusst für zahlende Premiumkunden auf großen Plattformen wie PornHub angeboten, jugendfreier Trailer auf YouTube inklusive.

Die Liste solcher Porno-Parodien ist endlos. Es gibt Sex-Musicals über "Aladdin", Weltraum-Pornos zu "Star Wars" und eben schlüpfrige Serienparodien auf "Game of Thrones", "Friends" oder "Die Simpsons". 

Für den Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter ist das nicht verwunderlich: Pornos erfüllen mehr als nur den Wunsch nach sexueller Befriedigung.

"Es geht längst auch um Unterhaltung und Zeitvertreib", sagt er zu bento. Da sei es nur logisch, dass sich Pornoproduktionen immer stärker an dem orientieren, was wir im Alltag konsumieren. Und das verrate so einiges darüber, wie wir heute Sexualität begreifen.

Pastötter untersucht seit Jahren die Auswirkungen von Pornografie auf unser Sexleben. Er hat durch seine Forschung sechs verschiedene Funktionen von Porno-Konsum definiert:

1. Die sexuelle Funktion: Wer Pornos schaut, dem geht es oft um Stimulation.

2. Die Identifikationsfunktion: Filme brauchen Darsteller, in denen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer wiederfinden können.

3. Die Traumfunktion: Pornos helfen dabei, die eigene Fantasie anzuregen.

4. Die Unterhaltungsfunktion: Manche schauen laut Pastötter "Pornos mittlerweile wie Fußballspiele".

5. Die Entlastungsfunktion: Pornos helfen dabei, herauszufinden, was einen antörnt – und was eben nicht.

6. Die Weiterbildungsfunktion: Durch die Filme entdeckt man, was man noch nicht kennt.

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Gerade der Unterhaltungsaspekt komme inzwischen vermehrt zum Tragen, so Pastötter, weil die Gesellschaft immer entspannter mit Pornos umgehe. 

In den Siebziger- und Achtzigerjahren habe es bereits eine große Parodiewelle in der Pornoproduktion gegeben, losgetreten ausgerechnet in Deutschland, sagt Pastötter. Die Filme trugen Titel wie "Termibrator", "Die Sexwaldklinik" oder auch "Pretty Pissing" als derbe Annäherung an "Pretty Woman". 

"Damals war der Humor allerdings Mittel zur Abwiegelung", sagt Pastötter. Wer Sexfilmchen schauen wollte, habe das mit dem Verweis auf den Klamauk entschuldigen können. Er vergleicht es mit jenen Menschen, "die den Playboy 'nur wegen der Reportagen' gekauft haben".

Heute stünden mehr Menschen dazu, den Playboy wegen der Fotos zu kaufen. Ähnlich werde auch Pornografie konsumiert, sagt Pastötter: "Niemand muss sich mehr schämen, wenn er im Freundeskreis von diesem witzigen 'Game of Thrones'-Porno erzählt, den er neulich entdeckt hat."

„Vieles, was vor einigen Jahren noch ein Tabu war, ist heute Mainstream – für Pornos gilt das auch.“
Jakob Pastötter

Entsprechend normal sei es, dass Pornos nicht einfach nur Sex zeigten, sondern sich am Zeitgeschehen orientieren. Also auch an großen Serien, Comic-Verfilmungen oder "Star Wars"-Blockbustern. 

Dadurch schafften die Parodie-Pornos Identifikation: Nur wer eine Serie gesehen hat, versteht die Anspielungen und flachen Witze der Videos. Zu klamaukig sollte es laut Sexualforscher Pastötter allerdings nicht werden: "Es braucht Humor, um die Filme aufzulockern, allerdings darf es nicht zu lustig sein, um nicht vom eigentlichen Ziel – der Sexszene – abzulenken."

Kinderserie für Erwachsene: "SpongeKnob SquareNuts"

(Bild: Wood Rocket)

Ausgerechnet einer der Marktführer der Porno-Parodien – die kanadische Firma Wood Rocket – sieht die Sache mit der Humor-Regel aber ein bisschen anders. 

Deren Filme bestehen fast nur aus Klamauk. Wer die Sexszene sehen will, muss Geduld mitbringen. Gründer Lee Roy Myers, 38, wollte mit dem Unternehmen endlich eine "Pornoseite mit Mainstream-Anspruch" schaffen, wie er in einem Interview verrät. 

„Wir wissen, dass Porno schrecklich sein kann, absurd und eklig. Also lasst uns was machen, dass sich nicht an die traditionellen Pornogucker wendet.“
Lee Roy Myers

Ihre Lösung: Humor und Popkultur. Der Sex ist bei diesem Konzept beinahe zweitrangig. Die Firma stellt Trailer auf YouTube und bietet kostenlose Szenen bei PornHub an – aber in allem geht es eher um den Spaß als um den Höhepunkt. Die Hoffnung der Firma: dass die Kundinnen und Kunden so viel Spaß haben, dass sie im Onlinestore vorbeischauen und den ganzen Film kaufen. Oder wenigstens einen Dildo.

Aber wenn es gar nicht um Sex geht, warum dann eine Porno-Parodie schauen und nicht gleich eine ganz normale Komödie?

Weil es eben doch auch um Sex geht – beziehungsweise um unseren Umgang mit Sex: "Pornos helfen uns dabei, unsere Wünsche und Bedürfnisse auszuloten", erklärt Sexualforscher Pastötter. Wer plötzlich von sich merkt, dass er oder sie die Romanze von Daenerys und Jon Snow anziehend findet, lernt daraus also möglicherweise mehr über die eigenen Vorlieben? 

Im Endeffekt sei Sex – trotz aller Körperlichkeit – "vor allem eine Kopfsache", sagt Pastötter. Es gehe um Fantasie: Anders als bei einem klassischen Klempner-kommt-vorbei-Porno wird man bei einer umgedeuteten Szene aus "Game of Thrones" in eine bestehende Fantasiewelt mit hintergründigeren und meist glaubwürdigeren Charakteren hineingezogen.

"Moderne Serien prägen unsere Vorstellung vom Miteinander", sagt Pastötter. An den Figuren würden wir ausloten, wie wir sein wollen. Dies ins Sexuelle zu heben, sei da nur der nächste Schritt, nämlich zur Beantwortung der Frage, wie wir lieben wollen. Hauptsache: nicht wie Jaime und Cersei Lannister. 

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Trip

"Budapest? So schön da und voll billig!" – Warum wir anders über Osteuropa reden sollten

"Oh mein Gott! Du bist aus Budapest? Ich liebe Budapest! Es ist so schön da und voll billig!"

Ich bin in Moskau geboren, in Budapest aufgewachsen und habe in Deutschland Freie Kunst studiert. In den Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe, habe ich diese Sätze oft gehört. Praktisch jedes Mal, wenn ich jemand neues kennenlernte, durfte ich mir anhören, warum alle Budapest "liiieben". Die Gründe waren immer eine Variation von "schön und billig".