Bild: Maike Hansen

Es geistert seit den Anschlägen in Paris durch Frankreich. Politiker sprechen davon, die Medien zitieren es zumindest: das Wort "Krieg“, "Krieg gegen den Terrorismus“. Auch der #guerre ist auf Twitter nach den Attentaten sprunghaft angestiegen. Wir haben junge Franzosen gefragt:

Fühlt ihr euch im Krieg?
(Bild: Maike Hansen)
Manon, 19

Nach den Ereignissen in Paris ist das Wort "Krieg“ noch so frisch. Für mich wirkt es in dem Kontext neu. Natürlich haben wir vorher Syrien bombardiert. Aber irgendwie ging es uns, die Bevölkerung, nichts an. Der Krieg gegen den Terrorismus war für mich immer etwas Abstraktes. Jetzt komme ich in meine Universität in Nancy nur noch mit meinem Studentenausweis rein, auf den Straßen treffe ich häufig Polizei, teilweise sogar das Militär. Frankreichs politische Situation bleibt nicht im Fernsehen, sondern schleicht sich in meinen Alltag.

(Bild: Maike Hansen)
Mélanie, 19

In Frankreich gab es vorher nichts Vergleichbares, soweit ich mich erinnere. Durch die Attentate am 13. November sind wir alle betroffen. Jeder kennt jemanden, der dabei war, der Paris in dieser Nacht und den Tagen danach erlebt hat. Für mich ist es der Beginn eines Krieges. Wir befinden uns im Ausnahmezustand für die kommenden drei Monate, und ich habe das Gefühl, dass sich der Kampf gegen Daesh (So nennen Franzosen die Terrororganisation IS) ausweiten wird. Mir hilft der Gedanke, dass die Polizei momentan sehr aufpasst und mehr Befugnisse hat als sonst.

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Loan, 22

Der Krieg gegen den Terrorismus beinhaltet für mich alles, was nach dem 11. September passiert ist. Da wir die Amerikaner auch vor den Anschlägen in Paris unterstützt haben, war Frankreich schon länger in diesen Konflikt involviert. Jetzt wurden wir im Herzen der Nation getroffen, wir bombardieren verstärkt zurück. Wir kämpfen gegen den Terrorismus, aber mit dem Wort "Krieg“ im Sinne der Weltkriege hat es weniger zu tun. Der aktuelle Konflikt läuft punktueller ab.

Bomben lösen das Problem aber auch nicht. Anschläge können wir nur mit Veränderungen in der Innenpolitik bekämpfen. Wir müssen unsere Werte stärker vertreten, der Geheimdienst muss solche Gefahren schneller erkennen. Außerdem muss Europa näher zusammenrücken, wir brauchen eine europäische Regierung. Das wird die Aufgabe meiner Generation werden, gemeinsam können wir den Terrorismus eindämmen.

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Oriane, 18

Seit den Attentaten in Paris, gehe ich nicht mehr sorglos spazieren. Ich weiß, dass es nicht richtig ist: Wir sollten gerade jetzt nicht aufhören, zu leben. Aber eine gewisse Angst bleibt. Die Angst vor neuen Anschlägen ist für mich das einzige Anzeichen von Krieg in Frankreich. Es gibt ihn, den Krieg gegen Daesh, aber wir spüren ihn hier nur sehr abgeschwächt. Die Menschen in Syrien werden es im Alltag eher Krieg nennen.

(Bild: Maike Hansen)
Soline, 18

Ich fühle mich als Französin von den Anschlägen betroffen. Aber ich weiß, dass ich nicht unmittelbar in Gefahr bin. Unser Eingreifen in Syrien beschreibt für mich den Krieg gegen den Terrorismus ziemlich genau. Die Art, wie dieser Krieg geführt wird, ist neu. Informationen und Soziale Netzwerke spielen eine große Rolle. Daesh nutzt das alles. Andererseits kämpfen wir momentan nicht mit Bodentruppen auf deren Territorium. Es sind zu wenige Soldaten stationiert, um von einem Krieg im klassischen Sinne zu reden. Wenn ich mit Freunden spreche benutzen wir das Wort nicht.

(Bild: Maike Hansen)
Guillaume, 22

Das ist der erste Krieg, den meine Generation erlebt. Freunde von mir sind bei der Armee, und sie haben das Gefühl, dass sich mehr Männer in unserem Alter für ihren Job interessieren als vor dem 13. November. Klar dürfen wir jetzt palle in einen Topf stecken und sagen „Wir führen Krieg gegen den Islam“, Extremisten gibt es überall.

Aber wir müssen intervenieren. Ich denke, Hollande ist da noch recht zaghaft. Eigentlich müsste man mit Bodentruppen nach Syrien ziehen und den IS platt machen. Bombardieren allein hilft nicht viel. Die Innenpolitik kann gegen Daesh auch wenig tun. Auch wenn die Attentäter teilweise aus Belgien kamen, das Problem stammt aus dem Nahen Osten. Die Ideologie des "Islamischen Staates" ist nicht europäisch. Deswegen muss sie dort vernichtet werden, wo sie herkommt.

(Bild: Maike Hansen)
Birgül, 21

Der Konflikt berührt meinen Alltag in Frankreich nicht, ich würde es auch nicht Krieg nennen. Aber ich habe muslimische Wurzeln, meine Familie stammt aus der Türkei in der Nähe der syrischen Grenze. Zu Hause versuche ich das Thema nicht so anzuschneiden, die Debatten kosten nur Zeit. Nach den Ereignissen in Paris sind hier alle aufgelöst – was meine entfernteren Verwandten in der Türkei erzählen, kommt der Bedeutung "Krieg" aber viel näher. Dort gibt es auch sehr viele Menschen, die aus Syrien vor Daesh flüchten.

Angst bekam ich nur vergangene Woche: Meine Eltern besuchen gerade meine Familie in der Türkei. Sie flogen am Dienstag, bis Sonntag hörte ich nichts von ihnen. Das ist nicht ungewöhnlich, ein Telefonat von der Türkei nach Frankreich kostet viel. Durch die aktuelle Situation in der Region hatte ich aber ein mulmiges Gefühl und war froh, als mein Handy endlich klingelte.

(Bild: Maike Hansen)
Davina, 24

Ich pendle aus Luxemburg jeden Morgen zur Uni nach Frankreich und die täglichen Kontrollen haben mich nachdenklich gemacht: Ich fühlte mich wirklich wie in einem alten Film, wie im Krieg. Außerdem muss ich oft erklären, warum ich zu spät zu Seminaren komme, durch das Polizeiaufgebot und die Ausweispflicht. Die Ausnahmesituation hat schon etwas Bedrohliches.

Natürlich geht es uns in Europa nicht schlecht, die momentane Situation kann nicht mit den Weltkriegen verglichen werden. Aber es ist wie ein mentaler Schock. Genau das bezwecken Terroristen ja auch mit den Anschlägen: Angst. Obwohl ich keine Französin bin, habe ich mir die Fahne auf meinem Facebook-Profilbild hinterlegt. Ich kann die Situation hier nachempfinden. Dabei wäre das beste Mittel im Krieg gegen den Terrorismus einfach, normal weiterzuleben. Es würde Daesh an seiner empfindlichsten Stelle treffen.

(Bild: Maike Hansen)
Axel, 19

In Syrien haben wir einen bewaffneten Konflikt, es gibt keinen Krieg. Weder sind französische Truppen gegen Daesh im Krieg, noch bieten andere europäische Großmächte ein Aufgebot an Militär. Alles, was momentan passiert, sind punktuelle Eingriffe.

Vielleicht wird es ja irgendwann mal in der Retroperspektive Krieg genannt, weil sich die Art der militärischen Operationen geändert hat. Inzwischen geht es vielmehr um Informationen und Material wie Drohnen als um Soldatenmassen. Ich fühle mich deswegen als Franzose durch die Anschläge auf Paris angegriffen. Aber für mich sind wir momentan nicht im Krieg.

(Bild: Maike Hansen)
Pierre, 19

Für mich hat sich nichts geändert. Der Hype um Paris in den Medien und sozialen Netzwerken betrifft meinen Alltag nicht, bleibt eher ein Hintergrundrauschen. Ich gehe trotzdem raus, zur Uni, auf Weihnachtsmärkte. Ob es nun ein Krieg ist oder nicht, finde ich eher nebensächlich: Gewalt wird angewendet, Menschen sterben – in Syrien als auch bei den Anschlägen in Paris. Die Form hat sich vielleicht subjektiv ein bisschen geändert, der Terror ist in Frankreich präsenter.

(Bild: Maike Hansen)
Moran, 21

Als Journalistik-Student fiel mir auf, dass in den französischen Medien oft Politiker mit dem Wort "Krieg“ zitiert werden. Kein Blatt traute sich, das selbst zu schreiben. Ich denke auch, dass wir keinen Kriegszustand haben. Frankreich engagiert sich in einem Konflikt, ohne dabei eine Bodenoffensive zu starten. Wer kritisiert, dass wir das Wort "Krieg“ dafür einfach missbrauchen hat Recht: Warum sollte der Sinn eines Wortes verändert werden, nur weil es uns dann besser passen würde? Wir haben ein Problem mit dem "Islamischen Staat" und deren terroristischen Attentaten und lösen das unter anderem mit Waffengewalt. Das Wort "Krieg“ im Sinne der Weltkriege hat damit wenig zu tun.