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Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss.
Das Herz pochte wie wild, mir lief der Schweiß von der Stirn und der Boden gab plötzlich nach. Todesangst, Machtlosigkeit, Kontrollverlust.
Stefan

So beschreibt der 26-jährige Stefan* seine erste Panikattacke. Die Angst überkam ihn 2012 ohne Vorwarnung, als er Möbel für seine neue Wohnung kaufte. Er war damals gerade von einer Europareise zurückgekehrt und zum Studium nach Bremen gezogen. "Vorher war ich nie krank, mir ging's gut. Ich habe ganz normal gelebt – viel gefeiert."

Seine Panikattacke veränderte alles. Nach der ersten kamen sie immer öfter. In der Straßenbahn, im Hörsaal oder am Bahnhof. Öffentliche Orte mit vielen Menschen stellten auf einmal eine Bedrohung dar. Häufig hyperventilierte Stefan. Er hatte Angst, einen Herzinfarkt zu bekommen. Es war wie eine sich immer weiter hinabbewegende Spirale der Angst, aus der er nicht mehr herauskam. 

Damit "der Körper nicht wieder verrückt spielte", wie Stefan es nennt, mied er fortan alle Situationen, die sich für ihn bedrohlich anfühlten. Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindelanfälle, Ohnmacht – das wollte er nicht mehr. 

Er unterbrach das Semester und zog zurück in seine Heimat. Ein halbes Jahr später setzte er sein Studium zwar fort, belegte aber nur wenige Kurse, um Stress zu vermeiden. "Ein Leben in ständiger Angst", beschreibt Stefan diese Zeit. Wovor er sich da eigentlich fürchtete, wusste er nicht.

2015 durchlebte er die schlimmste Phase. Stefan konnte kaum noch vor die Tür gehen, die Angst bestimmte sein Leben. Sein Arzt überwies ihn schließlich in eine Spezialklinik für Ängste und Zwänge. Dort wurde er über mehrere Wochen hinweg behandelt. Jeden Tag nahm er an mehrstündigen Therapiesitzungen teil. 

Was steckt hinter der Angst?

"Panikattacken sind ein Liebesdienst unserer Psyche", erklärt Klaus Bernhardt, der sich in seiner Psychotherapiepraxis auf Angststörungen spezialisiert hat. Der Kopf signalisiere meist schon viel früher, dass etwas nicht in Ordnung sei, doch das ignorierten die meisten Menschen. Erst bei körperlichen Beschwerden würden sich Betroffene Hilfe suchen. 

Panikattacken sind also eine Art Schutzfunktion, um Dinge, die uns nicht guttun, zu vermeiden. Oder auch ein letztes Warnsignal, das Menschen dazu drängt, sich längst überfälligen Entscheidungen zu widmen. Dem Experten zufolge kann das zum Beispiel eine unglückliche Beziehung oder auch ein mieser Job sein.

Sind Angststörungen ein Phänomen unserer Zeit?

Immer mehr Menschen leiden an Angststörungen: Europaweit sind das etwa 60 Millionen Menschen. In Deutschland zählen Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, zwölf Millionen Menschen sind davon betroffen. Frauen häufiger als Männer (DGPPN). 

Angstexperte Bernhardt stellte in den vergangenen Jahren fest, dass junge Menschen besonders anfällig sind. Vor allem junge Frauen zwischen 18 und 35 Jahren wenden sich an ihn.

Auch eine Studie des Robert Koch-Instituts über die aktuellen gesundheitlichen Entwicklungen in Deutschland zeigt: Angststörungen sind weit verbreitet. Nach Daten der Modulstudie zur psychischen Gesundheit (DEGS1-MH) treten solche Störungen innerhalb eines Jahres bei 15,3 Prozent der Bevölkerung auf. Mehr als doppelt so häufig bei Frauen (21,3 Prozent) wie bei Männern (9,3 Prozent). Von den Betroffenen leiden einige unter einer Panikstörung, andere unter einer Agoraphobie (Angst vor bestimmten Orten). Auch soziale Phobien oder generalisierte Angststörungen sind verbreitet. Meist in Verbindung mit Depressionen, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.

Angststörungen

"Angststörungen sind ein quälendes, andauerndes Gefühl der Angst", schreibt das Robert Koch-Institut (RKI). Demnach gibt es unspezifische Ängste und Panikstörungen oder auch Ängste, die sich auf Situationen oder Orte beziehen. Diese konkreten Angststörungen werden als Phobien bezeichnet, wie etwa Platzangst (Agoraphobie). (RKI)

Bei Angststörungen kann es auch zu Panikattacken kommen. Betroffene bekommen dann oft keine Luft, spüren Enge in der Brust oder im Hals, ihnen wird übel und steigt ein Kribbeln oder auch Hitze zu Kopf (DGPPN). Es kommt  zu einer körperlichen und psychischen Alarmreaktion, auch bekannt als "Fight or Flight"- Modus. 

Viele Erkrankte wissen zuerst nicht, dass es sich dabei nur um eine einige Minuten andauernden Attacke, um eine Panikreaktion handelt (DGPPN). Währenddessen sind sie ganz darauf fokussiert, sie schnell wieder loszuwerden. Im Alltag fürchten sie, ständig die Kontrolle zu verlieren, und wieder einer Panikattacke ausgeliefert zu sein. So entwickeln sie Vermeidungsstrategien, um der Angst aus dem Weg zugehen (Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit). 

Stefan denkt, dass neben dem Umzug und dem Uni-Stress auch sein Social Media-Konsum zur Angst beigetragen hat: "Push-Nachrichten, Erreichbarkeit rund um die Uhr, dazu liken, sharen, kommentieren. Bloß nichts verpassen! Wir sind ständig 'on fire'." Kopfmenschen wie er würden das nicht gut vertragen. 

Der Experte stimmt ihm zu: "Das heutige Nutzungsverhalten junger Leute von sozialen Medien kann Angsterkrankungen begünstigen." Besonders die Selbstdarstellung im Netz könne enormen Stress auslösen

Was hilft gegen Angst?

Stefan wählte Konfrontation. "Ich habe mich gezielt in die vermeintlichen Gefahrensituationen – direkt in die Angst – begeben." Er setzte sich mitten in den vollen Hörsaal und stellte fest: Es passierte nichts. Kein Herzinfarkt. Keine Ohnmacht.

Die Konfrontationstherapie ist die gängistge Behandlungsmethode bei Angststörungen. Stefan nahm zusätzlich unterstütztende Medikamente. Wissenschaftler vermuten, dass bei Patienten wie Stefan die Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA) im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten sind – auch bekannt als Glückshormone (DGPPN).  

Angsttherapeut Bernhardt glaubt jedoch, dass es sich bei dem negativen Gedankenkurassel im Kopf um eine "Fehlprogrammierung" handelt, die mit positiven Gedanken überschrieben werden kann. Im Endeffekt sei Angst nur ein erlerntes Verhalten, das abtrainiert werden könne. So hat er eine neuartige Therapieform entwickelt: Im Kopf werden neue, positive Verknüpfungen gebildet. Patienten wie Stefan werden also zuerst mental gestärkt. Nach dem Prinzip: "Man kann sich auch gesund denken."

Die Methode (Mentaltraining) wird im Profisport seit Jahren verwendet – warum sollte sie nicht auch bei Angststörungen helfen? Dem Experten zufolge plant das Gehirn Panikattacken im Vorfeld, indem es sich ausmalt, dass diese passieren können. Erst das Darüber-Nachdenken löse die Attacke aus, so Bernhardt. Dagegen solle man "sich das Leben vorstellen, wie es richtig klasse ist". So fände eine Neuvernetzung der Synapsen statt. Zum Bespiel, indem man positive Sätze formuliere. In Stefans Fall:

"Ich genieße es, auch mal inmitten großen Menschenmengen zu sein. Ich strahle Zufriedenheit und Selbstsicherheit aus und freue mich darüber, wie souverän und entspannt ich bin."

Dabei helfe es allerdings nicht, den Satz nur vor sich hinzusagen – man müsse ihn mit allen Sinnen durchleben.

Auch die Körperhaltung spielt eine wichtige Rolle bei Panikattacken. Laut Erkenntnissen der Harvard University können Ängste durch tägliches Power-Posing überwunden werden. Aufrechter Stand und geballte Fäuste reichen demnach manchmal schon aus, um mehr Selbstsicherheit zu erlangen.

Und sogar Lachen kann helfen. Die Muskelkontraktion sendet ein klares Signal an das Gehirn, welches schlussfolgert: "Ich lache, also geht es mir gut!" 

Bernhardts Erste-Hilfe-Tipp bei Panikattacken: Bei aufsteigender Hitze könne man sich vorstellen, man stehe unter einer eiskalten Dusche. Bei Enge im Hals könne es helfen, die Luftröhre als Edelstahlröhre zu sehen, die sich durch tiefe Atemzüge langsam weitet.

Heute ist Stefan stolz, seine Panik überwunden zu haben. Immer wollte er "zurück zum alten Ich". Reisen machen ihm wieder Spaß, er genießt es, unter Menschen zu sein. "Ich war gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen – und habe dabei mein Bauchgefühl entdeckt", sagt er. Trotzdem gibt es Phasen, in denen die Angst in leichter Form zurückkehrt. Das lässt sich vielleicht nie ganz ablegen. "Ist aber auch nicht weiter schlimm", sagt Stefan. 

Der Experte stimmt ihm zu: "Im Idealfall wird man die Angst komplett los, bei zu viel Stress ist sie aber auch ein wichtiges Warnsignal." Am Ende gehe es darum, sich mit Gedanken und Menschen zu umgeben, die einem guttun.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert. 

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Gerechtigkeit

Papst hält Homosexualität für eine Mode
Hallo 2018

Frauen lieben Frauen, Männer lieben Männer, Menschen lieben, wen sie wollen – das war schon immer so. Viele aber halten ihre Liebe geheim – oder müssen das sogar. Dass sich die Kirche immer noch mit Homosexualität schwer tut, hat Papst Franziskus jetzt wieder einmal bewiesen – vor allem, wenn es um Menschen in den eigenen Reihen geht.

Was hat er genau gesagt?

Er mache sich Sorgen um Homosexuelle im Klerus und in Priesterseminaren. Es sei eine "sehr ernste Angelegenheit". Menschen mit "dieser tiefverwurzelten Tendenz" sollten seiner Meinung nach nicht in Seminaren zugelassen werden, sagt er in einem Interview auf Spanisch, das am Montag in einem Buch veröffentlicht werden soll.

Seine Aussagen zeigen, dass er Homosexualität wie eine Ausnahme sieht: