Bild: Instagram/pamela_rf
Strong ist das neue Skinny

Das perfekte Leben sieht auf Instagram relativ einfach aus: Outfit-Fotos hier, Kussmünder da. Allerdings: Wer mit der Inszenierung des eigenen Lebens Geld verdienen will, muss vor der Insta-Karriere ordentlich investieren. Pamela Reif hat geschafft, wovon viele träumen. Sie dokumentiert ihr scheinbar sorgloses Lifestyle-Leben und verdient damit ihren Lebensunterhalt.

Die 19-Jährige aus Karlsruhe führt einen der erfolgreichsten Instagram-Accounts Deutschlands, angefangen hat sie vor vier Jahren. Pamela macht Werbung für Schmuck, Luxusuhren und ist Ambassador für einen Entgiftungs-Tee. Als Produktplatzierung gekennzeichnet sind die netten Produkte auf Pamelas Account übrigens nicht.

2,3 Millionen Abonnenten werden nicht müde von den immer gleichen Posen. Hand in die Wallemähne, T-Rex-Hand verführerisch ans Kinn, ein nachdenklicher Blick in die Ferne – und wieder von vorne. Den Fans gefällt’s. "Wie lange hast du für deinen wohl geformten Po gebraucht?", schreiben sie in den Kommentaren. "So beautiful."

So präsentiert sich Pamela Reif auf Instagram:
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Pamela präsentiert ein Leben, das sich auf den ersten Blick um Beauty-Routinen, Workout-Videos und Spiegelselfies dreht.

Höchstprofessionell und ungreifbar

Ist das iPhone erstmal in der Hand, wird das Fotolächeln aufgesetzt. So lange, bis das Ergebnis stimmt. Zwischen zwei und 20 Fotos sind dafür notwendig, erklärt Pamela.

Das Resultat finden viele sympathisch. Aber ist es auch authentisch? Warum interessieren sich die 2,3 Millionen Follower für Pamelas Bilder, die nur schwer von anderen Fashion-Accounts zu unterscheiden sind?

Der Paris-Hilton-Lifestyle der 2000er Jahre ist durch. Stattdessen sprießen plötzlich in allen Dörfern Deutschlands Beauty-Accounts aus dem Boden. Hauptthema: Gesundheit – und die eigene Auslegung dieser. Pamela postet neben High-End-Fotos vor allem Fitness-Übungen für Beginner und Fortgeschrittene.

Komasaufen kennen ernährungsbewusste junge Frauen nur noch von präventiven Anti-Alkoholkampagnen. Lieber halten sie sich fit. "Ich gehe ins Fitness-Studio, damit ich wohl fühle, denn sonst finde ich mich zu dünn", sagt Pamela. Sind Fitnessübungen das neue Eimertrinken? Ist die ständige Selbstgeißelung für einen gesunden Lebensstil, die gar nicht als solche wahrgenommen wird, nicht eine andere Form der Sucht?

„Vielleicht ist man schon ein Prozent süchtig, sonst würde man es ja nicht machen. Das ist dann aber keine schlechte Sucht. Alles in gesundem Maße ist gut“, sagt Pamela. Die Fans danken es ihrem Vorbild, Gönnung bitte nur noch in Maßen.

Die neue Gesundheits-Sucht ist auf jeden Fall weniger kritikanfällig. Gegen zu viel Sport hat noch nie jemand etwas auszusetzen gehabt.

Sportlich ist das neue dürr. Abs sind die neuen Thigh Gaps

Gleichzeitig für einen natürlichen Körper ("Love your flaws") plädieren und den eigenen, ursprünglich dünnen Körper in mühsamen Fitness-Sessions stählen? "Ich finde es besser, sportlich und dünn zu sein als ungesund dünn zu sein", sagt Pamela. Nicht immer hat sie Lust auf die Session, ist aber auch nicht zu streng mit sich, wenn sie eine Woche aussetzt.

„Ich kann halt nichts dafür, dass ich so geboren bin. Aber ich bin trotzdem glücklich mit mir. Ich arbeite an meinem Körper, so, dass ich mich darin wohl fühle.“
Pamela Reif

Pamela bekommt sehr viel positives Feedback: "Ich bin dir dankbar, dass du mich auf den richtigen Weg gebracht hast", schreibt jemand. "Ich habe erkannt, dass feiern und trinken doch nicht das Wahre ist – sondern mich ein gesunder Lebensstil viel produktiver und aktiver werden lässt." Pamela und ihre Fans glauben fest an die selbstauferlegte Disziplin.

Ja, und warum eigentlich nicht, könnte man an dieser Stelle fragen. Warum sollte das Leben nicht daraus bestehen, sich an Ernährungsregeln und Fitness-Dates zu halten? Wenn sich damit auch noch Geld verdienen lässt, kann das Studium auch mal auf unbestimmte Zeit verschoben werden. So hat es zumindest Pamela gemacht. Sie wird oft gefragt, warum sie sich mit ihrem Top-Abschluss gegen ein Studium entschieden hat.

Die Medien lieben diese Fallhöhe: Attraktive Blondine mit Einser-Abi entscheidet sich gegen Studium. Nicht selten wird das eigentlich unwichtigste Detail aus Pamelas Leben in Artikeln hervorgehoben.

"Soll ich jetzt studieren, nur weil jeder meint, man müsste das nach dem Abi tun?", kritisiert Pamela die Anforderungen der Gesellschaft. Den Vorwurf, oberflächlich zu sein, kontert sie. "Wenn ich jetzt die Chancen und Spaß an meinem Beruf habe, sollte ich das nutzen."

Pamela sieht es als Möglichkeit, dem 08/15-Büroleben zu entkommen. Andere können nicht verstehen, warum sie sich für ein Leben vor der Kamera entscheidet, das daraus besteht, ein perfektes Hohlkreuz zu bilden.

Aber wer kann schon von sich behaupten, in regelmäßigen Abständen für die Arbeit nach New York, Mallorca oder Ibiza zu jetten? Ist es nicht genau das Leben, wovon viele Großstädter träumen?

Der neue American Dream heißt Social Media Influencer – und nicht Bankkauffrau. Sie geben den Ton im Social Web an. Da ist die Qualität der Wortbeiträge dann wohl auch eher unwichtig. Alles, was sie schreiben, kommentieren und bewerten, wird von der Community aufgesogen, verbreitet und dabei nicht immer kritisch reflektiert.

Pamela verkauft ihren Erfolg gerne auch mal als feministischen Fortschritt. "Man kann sich mit Frauen-Power selbst etwas aufbauen, wenn man sein Vorhaben wagt und den Mut dazu hat, in der Öffentlichkeit zu stehen."

Dennoch: Nur weil sich eine Frau mit schönen Haaren dazu entschieden hat, im Internet Karriere zu machen, hat das noch lange nichts mit feministischem Fortschritt zu tun. Die Kritik ist nicht, dass Pamela mit ihrem Aussehen Geld verdient. Sondern, dass sie den Anschein vermittelt, etwas Anderes zu tun.

Feminismus wird heute viel zu oft unreflektiert in den Dienst kapitalistischer Praxen gestellt. Selbstliebe verkauft sich eben besser, wenn man so tut, als ob sie mit den richtigen Maßnahmen jeder empfinden könnte.

„Bewusstes Essen mit gesunden Lebensmitteln ist eine vorbildliche Sache. Man kann natürlich cheaten und dann Burger essen, aber in Maßen.“
Pamela Reif

"Cheating" bedeutet nichts anderes, als sich auch mal etwas zu gönnen, das man sich sonst verbietet. Der Begriff steht in einem Zusammenhang mit Essstörungen und Diäten. Ein Fan schreibt: "Mein Trainer hat gemeint, dass Training ohne Gewichte nichts bringt. Aber irgendwie vertraue ich dir mehr als ihm." Mit dem Erfolg kommt Pamela eine große Verantwortung zu. Sobald sich Follower mit medizinischen Belangen an sie wenden, halte sie sich mit Ratschlägen zurück.

„Ich kann es nachvollziehen, wenn Menschen auf den ersten Blick denken: Das ist oberflächlich. Aber ich weiß ja im Prinzip, dass ich nicht so ein oberflächlicher Mensch bin. Deshalb gibt es den Blog, dass ich darüber reden kann.“

Über das problematische Verhältnis zwischen Selbstdarstellung, Authentizität und Perfektion möchte Pamela in Zukunft öfter sprechen. "Ich möchte darüber reden, dass ich mehr bin als auf den Fotos." Um mehr aus seinem Leben zu machen, müsse auch niemand ins Fitness-Center gehen, sagt Pamela. An sich eine gute Botschaft.

"Beauty is not just in the face or body, beauty is a light in the heart", schreibt Pamela weiter auf ihrem Blog. Neben den anderen überinszenierten Fotos wirken Aussagen wie jene reichlich widersprüchlich. Das Problem liegt nicht darin, dass Miss Instagram versucht, ihren Fans eine positive Lebenseinstellung zu vermitteln. Es ist der ökonomische Zweck, der hinter diesem Anliegen steckt. Gute Laune klickt nicht nur gut, sie wird 2016 auch von Firmen gefordert, um Produkte zu vermarkten.

„So, I’m not a superficial person, and those who know me will agree.“
Pamela Reif

Die Frage ist: Was will Pamela eigentlich? Die neue Lena Dunham werden, nur mit dünneren Oberschenkeln?

Check your privilege

Der Antrieb hinter den Blogposts scheint offensichtlich: Mehr zu sein, als nur ein Gesicht. Mehr zu sein, als der Körper. Der Versucht wirkt ein wenig unauthentisch. Der Fokus von Pamela liegt als Social Media Influencerin nunmal woanders. Noch.

„Mein Job ist sicher nicht so ein tiefgründiger wie zum Beispiel Politiker oder ein sozialer Job, ich kann das aber gut mit mir selbst vereinbaren und weiß auch damit umzugehen. Ich weiß, dass das Leben mehr ist als die Bilder.“
Pamela Reif

Fakt ist: Pamela hat erkannt, wie sich online Geld verdienen lässt. Die reichweitenstärkste Instagrammerin Deutschlands führt einen Account, der zu einer perfekt getarnten Werbeplattform geworden ist – die mit Authentizität nur wenig zu tun hat.

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