Bild: Brad O'Reilly / Unsplash. Montage: bento

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Heute: die oversized Jeansjacke

Was ist es? 

Unbeweglich. Unzerstörbar. Gleichzeitig eine Hommage an "Full House", "Manta Manta" und die Zeit, in der man ungestraft auf amerikanische Ureinwohner schießen durfte: die übergroße Jeansjacke.

Wo sieht man es? 

In Mamas Kleiderschrank, Papas Kleiderschrank, Omas Kleiderschrank, Opas Kleiderschrank, jedem Second-Hand-Laden der Welt, auf richtig guten 60er- und 70er-Jahre-Plattencovern (Mavin Gaye! Bob Dylan!) und Fahndungsfotos (RP). Auf Einschulungsfotos von 1982, auf Abschluss-Fotos von 1995. Und heute eben in jedem hippen Kaffee-Laden, jedem Festival – und jedem zweiten Instapost.

Was muss man beim Gebrauch beachten? 

Passt gleichzeitig zu gar nichts und zu allem. Sollte mindestens eine, besser aber zwei Nummern zu groß sein. Angepasste Charaktere kaufen sie schlicht, rebellische Kids individualisieren sie selbst mit Punk-Aufnähern oder Comicfiguren. Wer Nieten dran hat, darf sich zusätzlich darüber freuen, an der Straßenecke mal einen Euro zugesteckt zu bekommen. 

Warum gerade jetzt?

Weiße Wanderer, Plateauschuhe und Boris Johnson: Die Welt und die Popkultur sind voll von Dingen, die viele längst totgeglaubt hatten. Insofern ist es nur konsequent, dass die unzerstörbare XXL-Jeansjacke sich alle paar Jahre aus dem Winterschlaf erhebt, um ihren Anspruch als hartnäckigstes und langlebigstes Fashion-Piece zu zementieren. Dass sie nicht kaputt geht, macht es ihr leichter. 

Was 2019 absolut für die Jeansjacke spricht: Sie ist Unisex und kann von jedem und jeder getragen werden. Süße Pärchen, egal welchen Geschlechts, teilen sich einfach ein Exemplar und tragen es abwechselnd. 

Silke Emig leitet beim Fachmagazin "textilwirtschaft" das Ressort Mode, mit besonderem Fokus auf Contemporary / Denim & Urban. Mit Jeans- und anderen Modetrends kennt sie sich also bestens aus. Sie sagt zu bento: "Genauso wie Streetwear und Mom Jeans sind Jeansjacken ein Teil des 90's Revivals – vor allem die Oversized-Variante." Auch, wenn sich der Schnitt nie groß geändert habe, sei die Jacke durch andere Farben, Risse, Pailletten oder Aufnäher in jeder Generation individualisiert worden.

Doch was bedeutet es, dass sich derzeit alle ausgerechnet in die XXL-Version flüchten? Wecken Jeansjacken in uns vielleicht nostalgische Gefühle an Mama und Papa, die uns an kühlen Spätsommerabenden ihre – für uns viel zu große – Jacke überziehen? Geben sie uns Millennials mit unserer unsicheren Zukunft, zerbröckelnden Familienstrukturen und dysfunktionalen Tinder-Beziehungen dieses wohlige Gefühl, das wir bekamen, wenn unsere Eltern uns "Alles wird gut" sagten?

Ganz und gar nicht, sagt die Expertin. Junge Menschen, die die Jeansjacken gerade wieder populär machen, würden sie gerade komplett neu entdecken. "Die Jeansjacke ist ein Trend der Generationen Y und Z. Wer sie trägt, will definitiv nicht wie seine Eltern aussehen." Damit meint sie also wohl keine 30-jährigen Millennials als Denim-Trendsetter. Den jungen Jeans-Fans gehe es nicht um Kindheits-Nostalgie, sondern um die Assoziation mit Cowboys und Truckern, mit Rebellion, Straße und Dreck: "Die Jeansjacke hatte einfach schon immer etwas Verwegenes", findet Emig.

Unsere Lesart: Die denim-technisch unbedarfte Generation Z trägt die Jeansjacke, weil sie nicht wie ihre Eltern aussehen wollen. Die mitteljungen Millennials adaptieren das, um modisch mitzuhalten, und sehen plötzlich genau wie ihre Eltern aus. Kompliziert – und tragisch! Die noch hoffnungsvollen Jungen denken, sie würden die Welt neu erfinden. Und die Millennials laufen gleichzeitig denen vor und nach sich hinterher. Ein Rennen, das man nur verlieren kann. 

Johnny Depp mimt 1987 in "21 Jump Street" einen eigentlich erwachsenen Polizisten, der Jugendbanden infiltriert und sich dafür jünger anzieht. Womit? Klar: Jeansjacke

(Bild: 20th Century Fox)

Bleibt der Trend oder verschwindet er?

Die Geschichte sagt: Er wird irgendwann wieder verschwinden, kurz darauf bestimmt aber schon wieder da sein. Auch Silke Emig glaubt an weitere Comebacks: "Die Beliebtheit der Jeansjacke kommt in Wellenbewegungen. Aber ganz weg ist sie nie." 

Gib deine Jeansjacke also bloß nicht weg. Gerade für Millennials sind garantiert gewinnbringende Wertanlagen nur noch schwer zu bekommen. 


Musik

SPIEGEL Soundlab: Neue Musik entdecken und Festivaltickets gewinnen
Stimm jetzt ab und gewinne Festivaltickets!

Die Festival-Saison ist fast vorbei, ihr habt aber noch nicht genug Musik gehört? Passend dazu ist nun ein neues Projekt im SPIEGEL-Verlag gestartet – das Soundlab. In dem Online-Musikwettbewerb könnt ihr neue Musik entdecken, für Favoriten abstimmen und mit etwas Glück am Ende sogar zwei Festivaltickets eurer Wahl gewinnen. 

Übrigens: Wer selbst Musik macht, kann sich direkt mit einem Musikvideo für die nächste Runde in 14 Tagen bewerben! 

Hier geht’s zum Soundlab!