Sind es die günstigen Mieten? Ein neuer Job? Oder die Liebe? Was auch immer der Grund ist: Viele in Westdeutschland aufgewachsene Menschen ziehen in die östlichen Bundesländer. 2017 gab es erstmals seit der Wende im Osten mehr Zugezogene als Abwandernde.

Doch an jungen Menschen mangelt es vielen der ostdeutschen Flächenländern noch immer (tagesschau). Vor allem außerhalb von Städten wie dem hippen Leipzig und dem historischen Dresden ist der Altersdurchschnitt häufig hoch und der Ost-Hype lässt auf sich warten. 

Manche jungen Leute zieht es dennoch dorthin. Wir haben vier "Wossis" gefragt, warum sie nach Ostdeutschland gezogen sind. 

Sie erzählen, wie sie ihren Alltag fernab der gehypten Ost-Metropolen erleben und was sie dabei über sich selbst und ihre Nachbarinnen und Nachbarn gelernt haben.

Lara*, 30, Koordinatorin in der politischen Bildung in Magdeburg

(Bild: privat)

"Es hätte mich vielleicht verunsichern können, als ich im Bewerbungsgespräch mehrmals gefragt wurde, ob ich wirklich nach Magdeburg ziehen möchte. Hat es aber nicht und ich bin froh darüber.

Aufgewachsen bin ich in Niedersachsen. Nach zehn Jahren in Berlin, wo ich Islam- und Afrikawissenschaften studiert habe, war es mir dort zu voll, zu laut, zu hip. Ich wollte weg, hatte aber nicht viel Hoffnung, einen Job zu finden, der zu meinem Studium passt – dann habe ich die Stellenausschreibung gesehen. Sie passte perfekt.

In meinem jetzigen Job richten wir Workshops über den Islam und ethno-religiöse Konflikte an Schulen aus. Das ist spannend, denn mit Religion können viele Menschen hier wenig anfangen. In den Kursen geht es dann manchmal nicht vorrangig um den Islam, sondern generell um ein Verständnis von Religion.

Magdeburg selbst hat viel Potenzial, die Stadt ist schön grün und liegt direkt an der Elbe. Der Großteil der Menschen hier ist offen, freundlich und sehr pragmatisch. Doch Rassismus begegnet mir hier deutlich häufiger als in Berlin.

Auffällig sind die offen rassistischen Kommentare, die ich zum Beispiel in der Bahn höre. Sie richten sich gegen geflüchtete Menschen und ausländische Studenten. Was mich daran stresst, ist das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ich traue mich nicht immer, weil ich Angst vor den Reaktionen der Menschen habe. Hier gibt es dieses Korrektiv nicht, auf das ich in Berlin vertrauen würde."

* Name geändert.

Andreas Beinhauer, 30, Opernsänger in Chemnitz

(Bild: privat)

"Die urbanen Metropolen im Osten sind bisher hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben. Das ist aber auch ein Vorteil. Ich komme gebürtig aus Aalen auf der schwäbischen Alb. In Städten wie Stuttgart wird nur noch darüber diskutiert, was nicht funktioniert. In Magdeburg und Chemnitz ist man hingegen viel freier im Kopf und schaut nach vorn. Es geht mehr darum, was man alles versuchen und ausprobieren könnte. Hier gibt es eine richtig spannende Stadtentwicklung.

Meine Frau und ich werden bald in Magdeburg ein Haus bauen. Natürlich wäre es manchmal schöner, näher bei meiner Familie zu sein. Auf der anderen Seite ist meine Frau Polin und so sind wir nun genau in der Mitte zwischen ihrer und meiner Familie.

Obwohl ich ein bisschen in meiner Theaterblase lebe, merke ich immer wieder, dass die Probleme mit Rechts sehr prominent sind – vor allem in Chemnitz. Zum Zeitpunkt des Totschlags auf dem Stadtfest Ende August 2018 war ich für eine Sommeroper mehr als einen Monat lang weg. Die Tragweite des Geschehenen habe ich also erst verstanden, als mich Leute anriefen, die ich teilweise seit dem Abitur nicht mehr gesehen hatte und mich fragten, wie es mir geht.

In den kommenden Landtagswahlen gehe ich trotzdem nicht davon aus, dass die AfD gewinnt. Im Wahlprogramm stehen extrem unappetitliche Dinge: Kultur soll nur noch gefördert werden, wenn sie nach AfD-Verständnis 'identitätsstiftend' ist. Da sagt eine Partei der Kultur den Kampf an. Das bereitet uns am Theater große Sorgen."

Lisa Marie Zinßer, 27, studiert Soziale Arbeit in Neubrandenburg und wohnt in Rostock

(Bild: privat)

"Viele Leute in meinem Studiengang kommen aus Mecklenburg-Vorpommern oder leben hier schon lange. Das ist schon auffällig und zeigt sich auch in meinem Rostocker Freundeskreis. 

Im hessischen Alsfeld, wo ich herkomme, sind fast alle Menschen in meinem Alter weggezogen. Wenn allerdings von hier jemand nach Berlin zieht, dann wird gesagt: Du hast es hier nicht geschafft.

Ost und West – das war für mich vorher kein Thema. Wir haben auch in der Schule wenig über die DDR-Geschichte gelernt. Hier ist das Thema hingegen omnipräsent. Wessis werden Charaktereigenschaften zugeschrieben, wie: Sie seien eher an Geld interessiert statt an einem guten Zusammenleben, Rücksicht und Solidarität. Selbst die Menschen in meinem Freundeskreis, also Leute zwischen Ende 20 und Anfang 30, denken immer noch so. Ich glaube, durch eine solche Abgrenzung zum Westen findet hier viel Identitätsbildung statt. 

Mir wird bei solchen Sätzen dann immer ein entschuldigender Seitenblick zugeworfen, der sagt: Nichts gegen dich, Lisa. Ich identifiziere mich aber auch nicht mit diesem Klischee des Westens, obwohl mir natürlich klar ist, dass es noch immer deutliche Unterschiede zwischen Ost und West gibt, beispielsweise was den Lohn oder die Infrastruktur betrifft."

Judith Eittinger, 30, Kulturmanagerin in Zwickau

(Bild: privat)

"Insgesamt lebe ich nun seit vier Jahren in Sachsen. Ich habe in Görlitz mein Masterstudium gemacht, mich in die Stadt verliebt und fühlte mich danach irgendwie sachsenaffin. Eigentlich wollte ich danach eher in die großen Städte, aber man muss sich auch nach den Jobs richten, also bin ich nach Zwickau gezogen.

Ich arbeite im Bereich der Industriekultur. Dabei geht es darum zu verstehen, was die Industrialisierung mit den Menschen gemacht hat. In Sachsen ist das ein wichtiger Ansatz, um die vielen wirtschaftlichen Umbrüche nach der Wende anzusprechen. Da gibt es immer noch sehr viel Redebedarf – von damaligen Job- und Existenzverlusten bis hin zur heutigen Armut vieler älterer Menschen.

Die Rückmeldungen meiner Familie und Freunde auf den Umzug nach Ostdeutschland waren größtenteils positiv. Mein Vater ist Bayer, meine Mutter Schwäbin. Wenn ich zu Hause in Ulm bin, muss ich mir regelmäßig anhören, dass ich das Sächsische schon ein wenig übernommen habe – aber viel mehr auch nicht. 

Manche Bekannten sind aber sehr vorurteilsbehaftet. Sie reden über den 'braunen Osten', machen Witze über den Soli und wissen währenddessen nicht mal, dass auch Ostdeutsche den Solidaritätszuschlag zahlen. Inzwischen kann ich bei solchen Kommentaren allerdings mit meinen vielen positiven Erfahrungen gut dagegenhalten."

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Fühlen

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