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Auf Tinder finden wir nur Sex, aber keine wahre Liebe? Dort treiben sich nur diejenigen rum, die es im echten Leben nicht geschafft haben? Und sowieso geht es dort darum, wer von sich das heißeste Profilfoto zeigt – innere Werte zählen nicht?

Wir leben zwar im Jahr 2016 in einem aufgeschlossenen Land, doch zur Normalität gehören Beziehungen, die online begonnen haben, noch immer nicht – erst recht nicht bei Tinder.

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Am liebsten wollen wir unseren Partner auf hollywoodreife Art kennenlernen – an der Gemüsetheke, wenn beiden gleichzeitig ein Apfel runterfällt, man ihn gemeinsam aufhebt und sich dabei tief in die Augen blickt. Oder auf der nächsten WG-Party: Wer ist dieser süße Typ mit dem Gin-Tonic und der Zigarette in der Hand? Oh mein Gott, jetzt kommt er tatsächlich zu mir rüber.

Aber: Wir wollen nicht mehr auf diese Momente warten. Was ist, wenn er nie kommt? Auf Tinder findet man den schnellen Sex, gute Gespräche, totale Nieten und hofft dennoch darauf: Eines Tages ist der oder die Richtige dabei.

Deutschland ist mittlerweile der siebtgrößte Markt für Tinder und der drittgrößte in Europa, mehr gibt das Unternehmen nicht preis. Bei Parship steigt die Anzahl der Nutzer jede Woche um 28.000.

Unsere Geschichten über Tinder – die Fotostrecke:
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Trotzdem gilt Online-Dating und vor allem Tinder für viele nach wie vor leider als unromantisch – zu technisch, zu oberflächlich. Ständig werden Menschen anhand ihres Aussehens verglichen, ständig sind wieder neue Dates verfügbar. Paare, die sich via App kennengelernt haben, werden nicht selten schief angesehen: Das hält doch nicht lang! Ist das nur eine Affäre? Warst du verzweifelt? Von diesen Sätzen berichten uns Tinder-Partner. Einige von ihnen berichten ganz offen über ihrer Geschichte, andere lügen.

Doch wie sollen Paare mit ihrer Scham umgehen? Paartherapeut Volker van den Boom sagt: Nicht die Wahrheit zu sagen, sei erlaubt – vor allem, wenn bei Tinder der Vorwurf käme, dass es nur um Sex geht. Bevor man sich schiefe Blicke gefallen lassen müsse, solle man die App einfach gar nicht erwähnen. Doch nur wer offen spricht, helfe Vorurteile abzubauen. Wer einen dummen Spruch höre, müsse sich den nicht gefallen lassen.

Also posaunt sie raus, eure Liebe. Der Weg zur Selbstverständlichkeit ist nicht mehr weit. Die prüden Vorstellungen herrschen vielleicht noch bei einigen vor, die seit der Abi-Zeit mit ihrem Freund zusammen sind, oder bei Eltern, die mit der Liebe aus dem Internet nichts anfangen können. Aber selbst die finden häufig nach einer Scheidung ihre zweite Liebe im Netz.

Wir haben Tinder-Nutzer, die in einer Beziehung sind, gefragt, mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen haben und wie sie damit umgehen:
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Sylvie, 35, Madrid
Kennengelernt haben wir uns vor zweieinhalb Jahren in Boston. Jetzt wohnen wir in Madrid und Anfang September heiraten wir. Meine spanische Schwiegermutter hat keinen Schimmer davon, dass wir uns bei Tinder kennengelernt haben. Erst vor Kurzem hat sie noch gesagt, dass sie nicht verstehen kann, wie man sich im Internet mit einem Fremden verabreden kann. Sie kann sich nicht vorstellen, dass man es nicht schafft, sich im normalen Leben zu verlieben. Ihren Mann, meinen zukünftigen Schwiegervater, hat sie zum Beispiel in der Uni kennengelernt. Ihre Vorstellungen sind eben veraltet.
Außerdem möchte mein Verlobter mich beschützen. Er denkt, seine Mutter könnte ein schlechtes Bild von mir haben, weil ich mich einfach so mit einem Unbekannten getroffen habe.
Ich hab das am Anfang mit dem Lügen nicht ganz verstanden und fand es albern. Wir haben schließlich bewiesen, dass es keine kurze Affäre ist. Aber nachdem ich meine Schwiegermutter kennengelernt habe, habe ich es dann doch nachvollziehen können. Alle tänzeln immer ein wenig um sie herum, sie soll sich über nichts aufregen.
Wenn es irgendwann auffliegen sollte, wäre mir das egal, aber mir würde es wegen meines Partners Leid tun. Natürlich hätten wir dann ein Problem, weil sie schlecht auf uns zu sprechen wäre. Doch es ist seine Mama und ich überlasse ihm die Entscheidung.
Unsere Freunde haben wir für die Hochzeit vorgewarnt, sie sollen keine Spiele aufführen, in denen sie auf unser Kennenlernen bei Tinder anspielen. Denn meine Freunde wissen Bescheid. Ich habe damit kein Problem, ich erzähle das ganz offen und habe auch noch keinerlei komische Reaktionen bekommen.
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Constantin, 34, Hamburg

Ich habe immer gesagt, dass ich Online-Dating nicht brauche, um mich zu verlieben. Ehrlicherweise habe ich auch immer alle Leute belächelt, die bei Plattformen angemeldet waren. Wieso sollte man es nicht auch auf normalem Wege schaffen? Dann hat mich Tinder doch gelockt, ich habe das als Spielchen gesehen. Und dann habe ich mich tatsächlich verliebt.
Als die ersten Fragen kamen: „Wir habt ihr euch kennengelernt?“ habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich rumgedruckst habe. Nicht nur vor der älteren Generation, auch bei manchen Freunden. Man versucht das Thema Tinder immer ganz kurz zu halten und dann schnell noch eine romantische Geschichte drumherum zu stricken, um die Beziehung zu rechtfertigen. Und das ist ein unangenehmes, angespanntes Gefühl.
Um das zu verhindern, haben wir schon oft gesagt, dass wir uns anders kennengelernt haben. Bei Tinder bleibt halt immer der bittere Beigeschmack, dass es für die meisten wohl eine Fick- und Vögel-App ist. Online-Dating ist gesellschaftsfähiger geworden, aber Tinder bleibt ein Spezialfall.
Natürlich muss man sich blöde Sprüchen anhören, dass es nur um Sex ginge. Manchmal kann ich da drüber stehen, manchmal nervt es einfach. Mit meiner Freundin habe ich mich am Anfang sehr häufig darüber unterhalten. Wir würden uns beide einfach wünschen, dass wir eine romantischere Geschichte hätten.

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