Ich fand Olivia ja sofort toll. In den zehn Minuten, seit wir uns kannten, hatten wir uns schon über Indian Pale Ale, "The Life Aquatic with Steve Zissou" und das Michael-Cera-hafte in meinem Blick unterhalten. Sie hatte ein unfassbares Talent, immer genau das Richtige zu sagen.

Wir standen auf der Terrasse eines Clubs, der mal die Bahnhofshalle dieser amerikanischen Universitätsstadt gewesen war. Ich wollte sie küssen für das, was sie sagte, wie sie es sagte. Und weil sie so schön war. Am Ende dieser perfekten zehn Minuten kam ihre Mitbewohnerin. Müde, genervt von einem aufdringlichen Kommilitonen, fertig mit diesem Abend. Sie hatte die Autoschlüssel. Sie wollte nach Hause. Jetzt.

Olivia war "not that kind of girl". Seriously. Well, actually. Sie wollte so gerne, aber quälte sich sichtlich. I mean, ten minutes! Wenn sie mich mitnahm, musste ich auch übernachten. Sie zog ihre Mitbewohnerin an den Rand der Terrasse, ich sah die beiden diskutieren.

Was ich mir in dem Moment dachte: Liebe Olivia, der Grund, der dich gerade mehr hemmt als mich, ist blanker gesellschaftlicher Sexismus. Du bist so smart und aufgeklärt, du musst vor niemandem einen Anschein wahren. Und, by the way, ich glaube, deine Mitbewohnerin mag mich sogar. Klar können wir jetzt jeweils alleine nach Hause fahren, für irgendwann ein Date ausmachen und hoffen, dass wir den Faden nochmal aufnehmen und so kunstvoll verweben können wie diesen Abend.

Oder wir sind so verunsichert, dass wir uns bei Baguette und Pasta einen Abend lang freundlich abtasten, mit einem Kuss auf die Wange verabschieden und uns zuhause in den Arsch beißen, dass wir solche sozial normierten Feiglinge waren. Egal, wo das mit uns hingeht: 

Irgendwelche "Küssen nach zwei, Sex nach drei Dates"-Konventionen helfen uns nicht weiter. 

Wenn wir heute Nacht miteinander schlafen, morgen nebeneinander aufwachen und dann in dem Wald neben deiner Wohnung spazieren gehen, finden wir viel schneller raus, ob das nur flüchtige Anziehung oder Liebe ist. Und mehr Spaß haben wir dabei so oder so.

Solange ich dich in unserer, zugegeben recht kurzen, gemeinsamen Zeit wenigstens überzeugen konnte, dass ich kein Vergewaltiger oder Generalarschloch bin, dann können wir hier eigentlich nur gewinnen. Ich war fast fertig, mir meine Spontan-Predigt im Kopf zurechtzulegen, als Jen, die Mitbewohnerin, zurückkam: "You wanna come with us?", fragte sie und schob leise, leicht verschwörerisch nach: "I think she likes you. Really likes you."

Am Ende war es weder flüchtige Anziehung noch die große Liebe. Olivia und ich hatten viele schöne Abende, an denen wir zu vielen Flaschen IPA ganze Bob-Dylan- oder Leonard-Cohen-Diskografien durchhörten. Wir wurden kein Paar, blieben aber, bis ich wieder nach Deutschland zurückging, hochgeschätzte fuck buddies.

Olivia hatte die Trennung von ihrem Freund, der für einen Job in DC weggezogen war, noch nicht verdaut und wollte nichts richtig Ernstes. Sie hatte Angst, sie würde mir das Herz brechen damit. Ich antwortete, was ich mich nur Olivia, der Königin der Indie-Culture-Referenz, zu antworten traute: "My body is your body, I won't tell anybody, if you wanna use my body, go for it."

Sie verstand, was ich meinte.

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