Martha, 19, fragt:

Ich habe in einer komplett unwichtigen Sex-Nacht alles zerstört, was mir im Leben wichtig war. Ich hatte Sex mit meinem besten Freund. Ich glaube, dadurch habe ich ihn verloren. 
 
Seit ich 16 bin, habe ich keine Familie mehr. Als ich gerade mit der Schule fertig war, starb meine Mutter bei einem Motorradunfall.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Sie lag drei Monate im Wachkoma, das war für mich und meinen Dad eine extrem schwierige Zeit. Wir waren Tag und Nacht im Krankenhaus, haben in der Zeit nur wenig miteinander geredet. Ich hatte das Gefühl, er will das Unglück lieber für sich allein verarbeiten.

Einige Zeit später lernte er im Internet eine neue Frau kennen, was mir viel zu schnell ging. Ich war noch dabei, das Arbeitszimmer meiner Mutter auszuräumen, da überlegte er schon, ob er vielleicht mit der Neuen in eine andere Stadt ziehen soll.

In dieser Zeit habe ich den Kontakt zu meinem Vater abgebrochen, weil ich merkte, das seine Pläne mich verletzten.

Mehr Notfälle? Hier:
"Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?"
"Meine Schwiegereltern mögen mich nicht – soll ich sie dennoch besuchen?"
"Meine Oma kommt auch nach zehn Jahren noch immer nicht mit meiner Homosexualität zurecht. Auf Familienfeiern geraten wir immer wieder aneinander – was kann ich tun?"
"Ich liebe meine Tante, aber sie geht an Weihnachten immer total herzlos mit meiner Cousine, um. Was kann ich tun?"
"Jedes Jahr an Weihnachten findet ein Klassentreffen statt. Was kann ich gegen Gefühl tun, dass alle anderen viel mehr erreicht haben als ich?"
"Ich bin überzeugter Vegetarier, will aber den Familienfrieden beim Weihnachtsessen nicht stören. Lasse ich mich auf die Diskussion mit meinen Eltern ein?"
"Meine Mutter sieht nicht ein, dass ich erwachsen bin. –Was soll ich tun?"
"Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?"
"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen – Ist meine Angst berechtigt?"
"Ich verliebe mich zu schnell – was kann ich dagegen tun?"
Mein Studium überfordert mich und lässt mich jeden Tag leiden. Wo sind nur meine Träume und Ziele hin?"
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Umso enger wurde die Beziehung zwischen mir und einem guten Freund aus der Schule. Wir trafen uns jede Woche mehrmals, er hat auch eine schwierige Familiengeschichte.

Wir waren im Freizeitpark, haben uns Bücher vorgelesen, gekocht. Oft gingen wir zusammen in die Kirche und dachten an meine Mutter. Wir waren uns sehr nah, ohne verliebt ineinander zu sein – das hatte damit überhaupt nichts zu tun.

Am Wochenende waren wir feiern, wir hatten beide nichts getrunken und wollten früher wieder los. Der Nachthimmel war klar, man sah Sterne. Wir saßen stundenlang in meinem Auto und erzählten uns bescheuerte Weltraumgeschichten. Und dann schliefen wir miteinander.

Ich weiß nicht, wieso. Anscheinend war uns danach. Es war auch schön.  

Wir waren uns nah, ohne verliebt zu sein
Martha

Doch seither ist alles anders. Wir haben offen drüber geredet, wir wollen nichts voneinander, wir sagen beide "Ausrutscher". Aber jetzt, da ich so intim mit ihm war, fühlt sich die Freundschaft anders an.

Es ist angespannt, wir lachen kaum mehr. Wenn wir uns mal zufällig berühren, ist das total unangenehm. Er zieht sich auch ein wenig zurück, als habe er gerade genug von mir.

Ich brauche ihn. Das weiß er. Trotzdem scheine ich ihn gerade zu überfordern. Wie können wir die Zeit zurückdrehen?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Martha,

aus deinen Zeilen kann ich große Verzweiflung und Trauer hören, denn du hast etwas verloren, was dir ganz besonders wichtig war. Ein kleiner Ausrutscher, der diese enge Freundschaft so sehr ins Wanken bringt. 

Dein Wunsch, die Zeit einfach zurückzudrehen, ist zwar nachvollziehbar, aber es ist eben leider ein Wunsch, der sich nicht erfüllen lässt. Was passiert ist, ist passiert – und eure Freundschaft wird nie mehr dieselbe sein wie zuvor.

Eure alte Freundschaft loszulassen und anzunehmen, wie sie jetzt gerade ist, ist eine große Herausforderung für dich, da deiner Schilderung nach eine innere Abhängigkeit zu deinem Freund besteht. 

Was passiert ist, ist passiert. Und jetzt?(Bild: Unsplash)

Du hast dich nach dem Tod deiner Mutter und dem Kontaktabbruch mit deinem Vater verloren und einsam gefühlt. Dein Kumpel war in dieser Zeit wie eine Insel, die dir Halt und Geborgenheit gegeben hat – das, was du so dringend gebraucht hast. Der Rückzug deines Freundes macht dir nun natürlich große Angst, das ganz zu verlieren.

Verweile nicht zu lange in deinem Wunschdenken, "es soll alles wieder so sein wie früher", sondern konfrontiere dich mit der Realität. Lass die Trauer, den Schmerz und die Angst, die damit einhergehen, zu. Erlaube dir, dich von dem, was mal war, zu verabschieden

Möglicherweise findet ihr eine neue Form der Freundschaft
Kathrin Hoffmann

Erst wenn dieser Schritt des inneren Loslassens vollzogen ist, kann etwas Neues entstehen. Das kann zum Beispiel die Offenheit und Bereitschaft für eine oder mehrere neue Freundschaften oder eine Beziehung sein. Möglicherweise nähert du und dein Kumpel euch langsam wieder an und findet eine neue Form der Freundschaft.

Das soziale Gefüge, in dem wir leben, ist eine der wichtigsten Quellen für unser Sicherheitsgefühl, unseren Selbstwert und unsere allgemeine Zufriedenheit.

Natürlich ist die Qualität der Beziehungen wichtig, aber auch die Anzahl der Bezugspersonen. Bildlich gesprochen ist es besser, wenn ich von mehreren starken Säulen getragen werde als nur von einer. 

Denn wenn diese eine (aus welchen Gründen auch immer) wegbricht, hat das enorme Auswirkungen auf mein psychisches Gleichgewicht und kann zu einer tiefen Krise führen.

Wenn du magst, male einmal ein Herz auf ein Blatt Papier. Zeichne in dieses Herz die Personen ein, zu denen du eine emotionale Bindung hast. Das können auch Menschen sein, die schon verstorben sind (etwa Großeltern, deine Mutter). 

Entscheide intuitiv, wie viel Platz der- oder diejenige in deinem Herzen hat. Außerdem kannst du zusätzlich alles eintragen, was dir sonst noch wichtig ist und dir ein gutes Gefühl gibt (etwa Tiere, Natur, Interessen, bestimmte Musik, Spiritualität). 

Betrachte dann das Bild und schau, was du daraus ablesen kannst: 

  • Gibt es noch unausgefüllte Bereiche, ist also noch Platz für neue Beziehungen oder Lebensinhalte? 
  • Wie ist die Verteilung?
  • Gibt es mehrere wichtige Personen oder ist ein großer Bereich von nur einer Person ausgefüllt?
  • Welchen Beziehungen oder positiven Lebensbereichen könntest du vielleicht mehr Platz geben? 
  • Gibt es Beziehungen (zum Beispiel zu deinem Vater), die einen Akt der Vergebung und des Neuanfangs benötigen?

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin


Queer

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Freunde berichten, er sei von Uniformierten abgeführt worden. (Stern)