"Hallo Liebes, wie gehts? Schön. Mir auch. Leo und ich schlafen auch mit anderen."

Japaner haben keine Haare und kleine Penisse. Latinos sind klein, haarig und ausdauernde Liebhaber. Afrikanerinnen sind wild und Ossi-Frauen ohnehin am liebsten nackt. Und rothaarige Frauen erst… Ich könnte die Liste von Vorurteilen wahrscheinlich unendlich weiterführen.

Doch Vorurteile beruhen auf Klischees – auf nicht belegten Annahmen, die oft sogar rassistisch sind. Die Wahrheit sieht dann doch immer anders aus.

So ist es auch im Swingen.

Wer ist Anna Klausner?

Es gibt sie wirklich, sie heißt aber anders. Geboren in den Achtzigern, ehemaliges Landei, fühlt sich überall und nirgends zu Hause. Ist notorisch neugierig und meint, man müsse alles einmal probieren, bevor man es doof finden darf. So auch eine offene Beziehung, das Thema ihrer bento-Kolumne.

Paare, die ihre Beziehung öffnen, müssen viele Fragen beantworten. Etwa: Seid ihr nicht mehr glücklich? Und natürlich: Wessen Idee war es? Wer opfert sich hier wem zu Liebe?

Auch Leo und ich sprachen über das "Warum", bevor wir tatsächlich eine offene Beziehung führten. Was soll das Ganze? Was erhoffen wir uns? Woher kam der Impuls?

Wir definierten es für uns als Abenteuer. Uns ist klar, dass dieser Schritt keine Beziehung retten kann. Wenn etwas zwischen zwei Menschen fehlt, dann finden sie das sicher auch nicht in einem Swingerclub oder bei einem Viererdate.

Aber wir brauchten auch gar keine Rettung.

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Im Gegenteil: Der erste Besuch einer Party zeigte uns, dass wir beide voller Fantasien sind, die wir gerne ausleben wollen. Und dass diese neue Exotik vor allem auch unsere Lust aufeinander immer weiter steigerte. Ein Date mit jemand anderem und wir freuten uns danach noch mal mehr auf den vertrauten Körper des anderen. Manchmal vergingen Monate, bevor wir beide wieder Lust auf ein fremdes Date hatten – einfach, weil wir uns genügten.

Uns selbst konnten wir das "Warum" also sehr entspannt beantworten. Bis Leo mir eines Tages eröffnete, dass er es gerne seinem besten Freund erzählen würde. Nicht weil er Rat brauchte, sondern weil er auch vor ihm keine Geheimnisse haben wollte und auch diesen Aspekt seines Lebens mit ihm teilen wollte.

Ich konnte ihm nachfühlen. Meine seit fast zwanzig Jahren beste Freundin wusste weder, dass ich bisexuell war, noch dass Leo und ich uns auch mal mit anderen vergnügten.

Wir entschieden uns für einen Beichtsonntag.

Da leider einige hundert Kilometer zwischen unserem und den Wohnorten unserer Freunden lagen, musste es wohl das Telefon tun.

Tut, tut, tut.

Hallo Liebes, wie geht’s. Schön. Mir auch. Leo und ich schlafen auch mit anderen. Ich übrigens auch gern mit Frauen.

Bäm!

Okay, ganz so abrupt war es dann doch nicht. Gefühlt aber schon.

Denn am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

Und auch wenn ich wusste, dass meine Freundin und ich uns alles anvertrauen können, hatte ich nun Angst, hier einen Schritt zu weit gegangen zu sein.

Würde unsere Freundschaft das aushalten? Kann sie mich verstehen? Oder denkt sie jetzt, dass ich sie vielleicht anbaggern könnte?

"Warum?", fragte meine Freundin stattdessen.

Ich erklärte es ihr. Die Sache mit der Neugier, der Abenteuerlust. Ein Date, das dich die Liebe zu deinem Partner danach so stark spüren lässt – wie wenn du dich nach einem Bungeesprung so richtig lebendig fühlst.

Denn das war mir am Wichtigsten: Sie sollte verstehen, dass wir uns nicht in unser Unglück stürzten, sondern einfach nur in ein Abenteuer, dass jeder von uns wollte. Und dass gerade unsere tiefe Liebe füreinander uns diese Reise ermöglichte.

Wissen es eure Familien eigentlich?
Freundin

Leo steckte kurz den Kopf in unser Schlafzimmer, in dem ich mich verschanzt hatte. Ich reckte den Daumen, um ihm zu signalisieren, dass sie es gut aufgenommen hatte. Er verzog das Gesicht und zeigte auf den Hörer in seiner Hand, an dessen Ende sich sein bester Freund gerade über die Gefahren unseren Abenteuers ausließ.

Zugegeben, er hatte sich gerade nach fast einem Jahrzehnt von seiner Freundin getrennt, weil auch sie mit anderen Männer schlafen wollte. Und dies auch tat. Allerdings ohne sein Wissen.

Ich wandte mich wieder meinem eigenen Telefonat zu: "Wissen es eure Familien eigentlich?"

What the fuck! "Natürlich nicht", sagte ich ihr. Ich konnte es praktisch sehen, wie ich meinem entgeisterten Vater sagte: "Papa, ich hab’ gern Sex mit Frauen. Und manchmal teile ich sie auch mit Leo." Während meine Mutter – zum ersten Mal in ihrem Leben – sprachlos sein würde. Meine Eltern waren ein traditionelles, sprich monogames, Paar: seit vier Jahrzehnten verheiratet, Kinder inklusive. Dafür liebte ich sie – doch ihr Lebensentwurf passte nicht zu mir.

Aus meiner Familie weiß nur meine Schwester von unserer offenen Beziehung. Wir sind uns eigentlich nie einig und haben grundsätzlich zu allem eine verschiedene Meinung. Deshalb wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, sie in mein Liebesleben einzuweihen.

Dass es doch so kam, ist einem ziemlich schrägen Urlaub geschuldet.

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