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Es ist das erste Mal, dass wir uns angezogen treffen. In normalen Klamotten, an einem kalten Donnerstagabend, in ihrer gemütlichen Eigentumswohnung am Rande einer Großstadt. Neben dem grauen Ecksofa steht eine riesige Stehlampe im Industrial Look, dahinter geht das Wohnzimmer in die moderne Küche über. 

Bislang kenne ich Laura und Marc nur von Partys in Lofts und Gewölbekellern. Aber auch wenn wir dort keinen Sex miteinander hatten, fühlt es sich vertraut an, sie heute wiederzusehen. Laura* trägt Brille, Pferdeschwanz und einen gemusterten Pulli, Marc lehnt sich in einem weißen T-Shirt entspannt in die Kissen zurück. Wir haben uns getroffen, um zu reden: über ihre offene Beziehung, gemeinsame Grenzen und Gefühle beim Sex mit anderen.

Die Beziehungsweisen

In dieser Reihe reden wir mit Paaren, deren Beziehungen nicht "klassisch" sind: über Eifersucht und Sexpartys, über Geld und Liebe, über Konflikte und Geheimnisse.

Ich weiß, dass ihr zusammenlebt und euch nebenbei mit anderen Partnern trefft. Aber wie genau läuft das ab – und wie nennt ihr selbst das, was ihr tut?

Marc: Ich würde sagen, unsere Beziehung ist irgendwie offen monogam. Wir heiraten dieses Jahr, da klingt "offene Beziehung" zu oberflächlich. Wir gönnen uns einfach unsere Freiheiten.

Laura: Ich finde den Stempel gar nicht so wichtig. Es ist bei uns beiden auch unterschiedlich:

Ich bezeichne mich als polyamor – ich brauche Emotionen, um mich jemandem sexuell zu nähern.
Laura

Mir ist es schon ein paar Mal passiert, dass ich mich verknallt habe. Marc möchte sich nur sexuell ausleben, wenn er sich mit anderen Frauen trifft.

Du hast dich sogar schon in andere verliebt? Das stelle ich mir aber ziemlich belastend vor…

Laura: Beim ersten Mal war es für mich wahnsinnig verwirrend. Es ist bei einem Mann passiert, mit dem ich befreundet war und manchmal Sex hatte. Da haben sich die Gefühle bei mir einfach entwickelt – aber er wollte leider nur den Sex. Plötzlich kam ich mit Liebeskummer nach Hause, da stand meine Welt natürlich Kopf. Ich habe höchsten Respekt vor Marc, dass er mich dann einfach unterstützt hat.

Kurz habe ich Angst, nachzufragen. Was, wenn die beiden nicht darüber reden, was Marc in so einer Situation wirklich fühlt? Wenn ich peinliches Schweigen auslöse? Aber darum geht es hier ja – also frage ich.

Aber Marc, ganz ehrlich: Fühlt sich das nicht total strange an, wenn deine Freundin auf der Couch sitzt und Liebeskummer wegen einem anderen Mann hat?

Marc: Das war beim ersten Mal komisch, klar. Aber ich will ja immer, dass es Laura gut geht und wenn es schlecht läuft, bin ich natürlich an ihrer Seite. Für uns beide ist klar, dass unsere Beziehung über allem steht. Laura und ich sind jetzt beide 30 und seit neun Jahren zusammen. Wir haben schon so viel miteinander erlebt und ich habe den höchsten Respekt vor unserer Beziehung.

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Und wie ist es für dich, Laura? Wenn Marc dich tröstet, weil du Liebeskummer hast – ich würde denken, dass ich da ein schlechtes Gewissen hätte…

Laura: Natürlich erschreckt man sich in so einer Situation auch vor sich selbst. Seit der Kindheit hat man dieses Bild im Kopf, dass man monogam und treu sein soll. Davon muss man sich lösen und sich klarmachen: Das ist schon okay, was ich hier tue – ich bin keine Schlampe und ich verletze Marc damit nicht. Wir haben das alles gemeinsam beschlossen und es ist richtig so.

Lass uns Freunde werden!

Okay, ihr scheint das echt im Griff zu haben. Aber warum macht ihr das denn überhaupt im Alleingang? Ben und ich haben zwar Sex mit anderen Leuten, aber wir sind immer nur zusammen unterwegs. Hat das bei euch auch so angefangen?

Marc: Wir haben uns online kennengelernt. Wir waren beide mit unseren Partnern im auf einer Plattform für sexuelle Dates, Partys und Freundschaften angemeldet und wollten uns mal zu viert sehen. Dann gingen beide Beziehungen in die Brüche, aber unser Kontakt blieb und wir haben uns irgendwann zu zweit getroffen.

Laura: Für uns war klar, dass wir in der Szene bleiben wollen, sonst fehlt uns etwas. Wir waren auf Partys oder haben andere Paare getroffen, das Getrennte hat sich über die Jahre entwickelt. Marc hat mich dazu angestiftet. Ich hatte mich mit dem anderen Mann freundschaftlich getroffen und Marc wusste, dass er mir gefällt, dann hat er gesagt: Starte doch mal etwas mit ihm – und das habe ich gemacht.

Und wie kam dann der Switch zur offenen Beziehung?

Marc: Dann habe ich mir gedacht, wenn sie alleine loszieht, kann ich das auch versuchen. Ich habe über Tinder Frauen kennengelernt und so hat sich das ganz gut entwickelt. Ich finde es unheimlich spannend, neuen Menschen näherzukommen. Es sind immer sehr intensive Unterhaltungen und wenn es passt, kommt der Sex dazu.

Eigentlich bräuchten die beiden mich gar nicht. Die beiden lachen viel im Gespräch, grinsen sich immer wieder verschwörerisch zu. Auch ohne meine Fragen reden sie weiter und weiter – ich schalte mich trotzdem nochmal ein.

Laura, bist du denn nie eifersüchtig? Wenn du weißt, dass Marc gerade eine andere Frau trifft und vielleicht mit ihr ins Bett geht?

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Laura: Wir können da sehr gut mit umgehen. Am Anfang war es auch mal schwierig, aber wenn jetzt so ein Gefühl auftaucht, kann ich es einordnen. Vielleicht geht es mir gerade nicht so gut und ich brauche Marcs ungeteilte Liebe? Es geht nie darum, dass ich nicht will, dass er das tut.

Aber ich muss zugeben, dass ich nicht zu viele Details brauche. Sonst neigt man ja schon dazu, sich zu vergleichen – und ich frage mich vielleicht: Was findet er an ihr so toll? Deshalb reicht es zu wissen, wo der andere gerade mit wem ist, mehr aber auch nicht.

Mir ist trotzdem noch nicht ganz klar, wie ihr das organisiert: Du, Marc, verabredest dich einfach ab und zu mit anderen Frauen. Gibt es dabei irgendwelche Grenzen?

Marc: Ich habe ein paar Mädels, die ich treffe, wenn es sich ergibt – und da gibt es für mich emotionale Grenzen: Wenn ich merke, dass bei ihr Gefühle entstehen, ziehe ich mich zurück.

Ich suche immer eine langfristige Freundschaft Plus mit Frauen, die ich interessant finde.
Marc

Ich brauche keine stumpfen One-Night-Stands mit irgendwelchen Porno-Tanten. Da mache ich mir lieber allein einen schönen Abend, wenn Laura bei einem Date oder einfach mit Freundinnen unterwegs ist.

Laura, du hast Beziehungen mit Männern und mit Frauen, richtig?

Laura: Ich habe mich schon immer auch zu Frauen hingezogen gefühlt und lebe das aus, seit ich 20 bin. Letztes Jahr hatte ich dann erstmals eine Beziehung mit einer Frau. Das ging leider auseinander, weil sie Single war und mehr wollte – und ich meinen Hafen bei Marc schon gefunden hatte. Aber für ein paar Monate lief es toll. Ich habe mit Marc abgesprochen, wann ich sie sehe und wir haben auch oft etwas zu dritt unternommen.

Marc: Sexuell hatten wir nichts zu dritt, aber ich habe mich super mit ihr verstanden und wir waren auch mal zusammen im Zoo oder so. Ich fand es cool, dass alles so funktioniert hat.

Wie ist das denn zum Beispiel auf Familienfeiern? Geht ihr auch zu dritt zu Mamas Geburtstag? Oder du mit deiner Freundin, Laura?

Laura: Nein, unsere Familien wissen das nicht – und das geht sie auch nichts an, finde ich. Wir reden mit den meisten Freunden darüber, viele sind auch selbst aus der Szene. Bisher haben die Beziehungen leider nie sehr lange gehalten, deshalb hat sich die Frage nicht langfristig gestellt. Wenn es so weit kommen würde, müssten wir sehen, wie es wird. Wir würden schon eine Lösung finden.

Gab es denn mal eine Phase, in der ihr an eurem Modell gezweifelt habt?

Laura: Natürlich gab es auch schwierige Zeiten. Gerade am Anfang waren wir auf so vielen Partys und hatten so viele Dates. Diese erotische Welt sollte ein I-Tüpfelchen sein – aber sie hat zu viel Platz in unserem Leben eingenommen.

Außerdem hatte ich das Gefühl, immer funktionieren zu müssen: immer sexy sein, immer Lust haben.
Laura

Wir mussten erst lernen, solche Gefühle klar anzusprechen. So ähnlich war es auch, als die Einzeldates anfingen. Auch da musste man mal sagen: Es wäre cool, wenn wir auch noch Zeit zu zweit hätten. Aber wir haben gelernt, die Balance zu finden und sind daran gewachsen.  

Krass. Ich gebe zu, ich bin beeindruckt von Marcs und Lauras Offenheit. Aber ich hätte trotzdem Angst, dass meine Beziehung und mein Liebesleben darunter leiden. Zeit für eine Suggestivfrage.  

Habt ihr denn nie das Gefühl, der andere holt sich das, was er sexuell will, einfach woanders?

Marc: Nein, gar nicht. Wir machen das ja nicht ständig, ich treffe aktuell vielleicht einmal im Monat andere Frauen – und das ist ja ein ganz anderer Ansatz als der innige Sex mit dem eigenen Partner. Es ist auch nicht so, dass Laura und ich sonst jeden Tag Sex hätten. Das ist vermutlich wie bei den meisten Paaren, die lange zusammen sind.

Laura: Die Leute denken manchmal, wir tun zu Hause total verrückte Sachen, aber wir sind ja kein Porno-Pärchen. Unsere Beziehung profitiert jedenfalls davon: Meistens bringt man von solchen Treffen eine ganz besondere Energie mit und oft sind wir so aufgeladen, dass wir dann gemeinsam Sex haben – und der ist immer auf einer ganz anderen Ebene.

Okay, das kann ich nachvollziehen, das ist vermutlich ähnlich wie nach gemeinsamen Partybesuchen – da zehrt man ja auch immer lange von. Das heißt aber, ihr verbringt nicht die ganze Nacht bei euren Dates oder bei anderen Partnern?

Marc: Früher habe ich das mal gemacht, aber mittlerweile nicht mehr. Mir ist es auch wichtig, dass ich immer lieber zu Hause bin als woanders. Wenn Leute von unserer Form der Beziehung erfahren, fragen manche, ob wir überhaupt zusammenwohnen. Das finde ich total absurd: Wir sind ja eigentlich ein ganz normales Paar – nur mit einem kleinen Zusatz in Klammern.

*Die Namen von Marc und Laura wurden von der Redaktion geändert


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