Wie soll man sich zu dritt treffen, wenn man nur zu zweit raus darf?

"Vielleicht können wir übermorgen mal eine Runde spazieren gehen – mit zwei Metern Abstand, natürlich", sage ich am Telefon zu meinem Freund und lege auf. Dann gehe ich rüber in die Küche, wo mein Freund gerade Abendessen macht. 

Klingt verwirrend, ist es derzeit auch: Ich führe eine Beziehung mit mehr als einer Person. Mit meinem langjährigen Freund, der gerade kocht, lebe ich zusammen, nennen wir ihn Oskar. Seit bald zwei Jahren haben in unserer Beziehung auch andere Personen einen Platz – mal mehr, mal weniger regelmäßig.

Eine dieser Personen ist Mael*, den wir seit ein paar Monaten treffen, mal gemeinsam, mal ich allein. Er wohnt zwei Straßen von uns entfernt und verbringt im Normalfall viel Zeit mit uns. "Im Normalfall", weil seit einigen Wochen beziehungstechnisch unser Leben ziemlich Kopf steht. Wie soll man zu dritt eine Beziehung führen, wenn man sich nur zu zweit treffen darf?

Herausforderungen einer offenen Beziehung 

Ein offenes Beziehungskonzept kann auch ohne Coronavirus und Kontaktverbot schon kompliziert sein. Eine Herausforderung ist zum Beispiel Eifersucht. Auch ich habe schon mal im Nachhinein gemerkt, dass es mich trotz meiner vorherigen Zustimmung doch sehr getroffen hat, als Oskar mit einer Freundin von uns geschlafen hat. Auch Oskar war schon verletzt, zum Beispiel als er nach einer Reise zurückkam und ich nicht wie abgesprochen zu Hause auf ihn wartete, sondern noch mit Mael im Restaurant war. Immer wieder müssen wir uns fragen: Wie fühlen wir uns gerade? Was ist für alle Beteiligten okay, was geht nicht? Wie teilen wir unsere Zeit auf? Kommunikation ist dabei bedeutend wichtiger als in der klassischen Paarbeziehung – und noch einmal wichtiger, wenn aufgrund der Corona-Ansteckungsgefahr gerade nicht alle Partnerinnen und Partner die gleiche Möglichkeit haben, sich zu sehen.

Klassischerweise wohnen in offenen Beziehungen nicht alle Partnerinnen und Partner zusammen. In manchen Fällen – unserem, zum Beispiel – jedoch zwei schon. So entsteht ein Ungleichgewicht, das unter normalen Umständen nicht so sehr ins Gewicht fallen würde. Doch jetzt sind Oskar und ich in Selbstquarantäne, weil ich eine Vorerkrankung habe und weil er zwischendurch Husten hatte. Wir verbringen also schon seit Wochen Tag und Nacht zusammen. Durch die lange Beziehung, die ich mit Oskar führe, haben wir auch eine ganz andere Basis als Mael und ich. 

Ungleichgewicht zwischen den Partnern

Ein weiterer Unterschied zu sonst: Wir alle können keine weiteren Freundinnen und potentiellen Partner treffen oder kennenlernen. Weil ich emotional mit Mael involvierter bin, als Oskar es ist, gerät unser Verhältnis weiter ins Ungleichgewicht: Ich kommuniziere mehr mit Mael als er, so fühlt Oskar sich manchmal ausgeschlossen. Durch das Kontaktverbot, nach dem maximal zwei Personen, die nicht zusammenleben, gemeinsam draußen unterwegs sein dürfen, können wir uns nicht zu dritt treffen. Diese Ausgangsbeschränkung ist für traditionelle Zweierbeziehungen gemacht, für Poly-Menschen wird sie zum Problem.

Mael und Oskar hatten vor einiger Zeit beide unabhängig voneinander Krankheitssymptome, sodass ein Treffen zu Hause unverantwortlich wäre und nicht infrage kommt. Wir alle wollen die Kurve flach halten und üben uns daher in Social Distancing. Unsere soziale Verantwortung können wir nicht einfach für ein bisschen Küssen und Kuscheln über den Haufen werfen. Hier geht es um mehr. Unsere aktuelle Abstinenz kann Leben retten, so dramatisch das klingt, daher bleiben wir zu Hause – und vermissen uns.

Zwischen Vermissen und Ängsten

Mael habe ich seit mittlerweile 33 Tagen nicht geküsst und ich weiß nicht, wann wir das wieder können werden. Um mich, ihn, Oskar und andere zu schützen, verzichten wir auf Nähe. Umarmt haben wir uns in diesem einen, sehr langen Monat vielleicht zwei Mal – mit weggedrehten Köpfen und sehr schlechtem Gewissen. Eine Beziehung mit mehreren Personen birgt in Corona-Zeiten eine größere Ansteckungsgefahr als die klassische Paarbeziehung, besonders mir als Risikopatientin wird das im Moment mit voller Härte bewusst. Ab und an gehen Mael und ich zu zweit mit einem unnatürlichen Sicherheitsabstand spazieren, dann fehlt uns Oskar. Wenn ich mit Oskar zu Hause bin, fehlt mir manchmal Mael, den ich gefühlt immer mehr aus dem Blick verliere und aus dessen Leben ich nicht mehr viel mitbekomme. Wann wir uns zu dritt wiedersehen werden, wissen wir nicht. Immerzu fehlt mir einer der beiden, das ist ein quälender Zustand.

Außerdem machen mir Verlustängste zu schaffen: Wann immer ich Streit mit Oskar habe, befürchte ich, dass er mich verlassen könnte und sich eine Partnerin sucht, die nicht in jemand weiteres verliebt ist. Andersherum habe ich auch Angst, dass Mael unsere Konstellation zu anstrengend wird. Er muss ohnehin häufig hinter Oskar zurückstehen, durch die aktuelle Situation wird dieses Gefühl noch verstärkt. Dieser Druck wird für mich manchmal sogar so groß, dass ich Panikattacken bekomme. Dann kann ich kaum atmen, habe Herzrasen und weine ununterbrochen. Liebeskummer trifft mich gleich doppelt, und das ist anstrengend. 

Natürlich weiß ich, dass ich privilegiert bin im Vergleich zu Menschen, die momentan einsam sind und gänzlich ohne Körperkontakt auskommen müssen. Einer davon ist übrigens Mael, denn seine Mitbewohnerin ist ebenfalls immunsupprimiert. Um sie vor dem Virus zu schützen, verzichtet er komplett auf Nähe zu Freundinnen und Freunden.

Und jetzt?

Wir hoffen nun, dass es nicht noch lange so weitergehen muss. In fast jedem Gespräch, das wir führen, ist die Entwicklung eines Impfstoffes oder Medikaments Thema. Wir setzen große Hoffnungen in die Wissenschaft. Der Normalzustand kommt uns nach mehreren Wochen immer entfernter und unwirklicher vor. Manchmal sehe ich Mael so lange nicht, dass unsere Ménage à trois in meiner Erinnerung fast wie ein Traum erscheint. Ist das alles wirklich passiert? 

Die Balance in Poly-Beziehungen zu halten, ist schon unter normalen Umständen wirklich kompliziert. Allerdings schöpfe aus meinen Beziehungen auch neue Kraft und sehr viel Glück. Im Corona-Lockdown jedoch steigen die emotionalen Herausforderungen durch Sehnsucht, Eifersucht und Verlustängste immens. Ich kann noch überhaupt nicht absehen, in welcher Beziehungskonstellation ich mich in einigen Wochen oder Monaten befinden werde.

*Mael bleibt, ebenso wie die Autorin dieses Textes lieber unerkannt.


Uni und Arbeit

Chaos wegen Corona: Wie Medizinstudierende unter der Debatte ums Staatsexamen leiden

Eigentlich sollten sie vom 15. bis zum 17. April ihr zweites Staatsexamen schreiben. Doch dann kam die Corona-Pandemie – und das Chaos begann. Tausende Medizinstudierende in Deutschland fragten sich in den vergangenen Wochen: Kann das Examen wie geplant stattfinden? Oder wird es abgesagt? Und was bedeutet das für mich und meine Ausbildung?

Am Montag änderte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schließlich die Approbationsordnung für Ärzte: Mit der Verordnung werden die Prüfungen grundsätzlich um ein Jahr verschoben, die Studierenden sollen vorzeitig ins Praktische Jahr (PJ) starten, um die Kliniken beim Kampf gegen die Pandemie zu unterstützen. Gleichzeitig erlaubte Spahn den Bundesländern, von dieser Regelung abzuweichen und das Examen doch schon jetzt abzuhalten.

Für die Studierenden bedeutet das zusätzliche Verunsicherung: Manche Länder haben mehrere Tage nach Inkrafttreten der Verordnung noch immer nicht entschieden, ob das Examen stattfindet oder nicht. Andere, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zum Beispiel, halten am geplanten Prüfungstermin fest. Baden-Württemberg und Bayern dagegen führen das sogenannte Hammerexamen ein: Dort wird das zweite Staatsexamen erst nach Ende des PJ stattfinden, unmittelbar vor dem dritten Staatsexamen. So bleibe viel zu wenig Zeit zum Lernen, kritisiert die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland – und warnt vor schweren psychischen Belastungen.

Wir haben mit drei Medizinstudierenden gesprochen: über die Ungewissheit der vergangenen Wochen, den Frust über das Hammerexamen und die Frage, welche Lösung sie am gerechtesten gefunden hätten.

Helene von Hertell, 25, Ludwig-Maximilians-Universität München