Bild: Matthew Hamilton / Unsplash
Eigentlich lebt unser Autor offen queer. Eigentlich.

Es war zuletzt bei der Schlüsselübergabe. Ich war happy und erleichtert, nach langer Suche endlich eine neue Wohnung in Berlin gefunden zu haben. Doch dann fragte meine Vermieterin beim Blick auf den Ring an meinem Finger: "Zieht Ihre Verlobte hier auch ein?" 

Ich hätte sagen können, dass ich keine Verlobte habe, weil ich nicht auf Frauen stehe. Dass ich gerade auch keinen Freund habe. Es wäre ein kurzer Hinweis darauf gewesen, dass ich queer bin. Stattdessen verkürzte ich: 

„Nein, ich bin Single.“

Ich kenne solche Momente sehr gut, solche kurzen Irritationen. Sie sind wie winzige Widerhaken, die sich ins Fleisch bohren – nicht sehr schmerzhaft, aber doch lästig. Sie bleiben stecken, lassen mich zweifeln. 

Denn eigentlich bin ich gerne queer. Schäme mich nicht dafür, lebe offen, schreibe darüber. Und doch passieren sie mir immer wieder, diese Momente, in denen ich mich verleugne: beim Arzt, an der Supermarktkasse, unter Arbeitskollegen. 

Danach ärgere ich mich und frage mich, wieso ich nicht wie selbstverständlich gesagt habe: Nein, ich bin schwul.

Ich möchte wissen, wie andere queere Menschen das erleben und ob sie einen Weg gefunden haben, damit umzugehen. Im Freundeskreis, auf Twitter und Facebook habe ich gefragt: Kennt ihr das auch? Es ist nicht genug Platz, um alle Antworten aufzuführen. Diesen Platz braucht es aber auch gar nicht, denn die Erfahrungen lassen sich kollektivieren. Die Antwort war bei fast allen: ja.

Charlotte ist eine von ihnen: Ihr wurde schon auf offener Straße ins Gesicht gesagt, dass sie ekelhaft sei, weil sie die Hand ihrer Freundin gehalten hat. Eine Erfahrung, die sich eingeprägt hat und sie in den kleinen Momenten wieder einholt: "Beim Arzt zum Beispiel, da spreche ich nur geschlechtsneutral über meine Partnerin oder wechsle direkt das Thema." Anders als ich kann sie den Grund ziemlich genau benennen: "Ich denke, es ist ein Schutzreflex, weil gleichgeschlechtliche Beziehungen oft noch ein Grund sind, unangemessene, viel zu persönliche Fragen zu stellen."

Der Klassiker unter diesen Fragen ist "wer ist der Mann und wer die Frau?". Die Frage geistert noch in vielen Köpfen herum – geprägt von Jahrhunderten dieses zweigeschlechtlichen Denkens, in dem es nur zwei Pole gibt: Mann-Frau, Rosa-Blau, Stark-Schwach. Charlotte hat Angst, all diese Diskurse aufzuwirbeln, wenn sie beim Arzt offenlegt, lesbisch zu sein. Auf der Straße konnte sie wenigstens schnell weitergehen. Eine Arztbehandlung kann lange dauern.

Es gibt Menschen, für die ist es einfacher. Mir selbst wurde schon öfter gesagt, dass ich gar nicht schwul wirke. 

Das sollte wahrscheinlich ein Kompliment sein, ich fand es mehr als zweifelhaft. Durch die "unschwule" Außenwirkung habe ich bisher immerhin kaum auf mich bezogenen Schwulenhass erlebt. Dennoch habe ich mitbekommen, wie er gegen andere gerichtet wurde. In der Kochausbildung etwa, wo "Schwuchteln" geächtet waren. 

Bei einem Kellner, der mit mir zusammen gearbeitet hat, habe ich habe gesehen, wozu ein Outing führen kann: zu Beleidigungen, Ausgrenzung und wie Spucke ausgerotzten Worten. Aus dieser Zeit ist sicherlich etwas zurückgeblieben in mir. Etwas, das mich heute verkürzt sagen lässt: "Nein, ich habe keine Freundin."

"Es ist ein hohes Stresslevel, eine freischwebende Aufmerksamkeit, die viele queere Menschen kennen", bestätigt Markus Behrens. Der Psychologe arbeitet in Berlin viel mit LSBTIQ-Menschen. Immer die Bereitschaft aktvieren zu müssen, sich Menschen gegenüber zu offenbaren, führe bei vielen seiner Patientinnen und Patienten zu Problemen. Sein Rat: sich nicht die Schuld geben für das Gefühl, sich verleugnet zu haben. 

Es sei das gute Recht, sich in einigen Situationen zu schützen: "Ich schaue mit den Patientinnen und Patienten, wann so ein Outing passt und wann der Selbstschutz wichtiger ist". Dann gelte es vor allem, seinen Frieden damit zu machen.

Marcel ist ein guter Freund von mir. 

Er ist mit einer Frau verheiratet, gerade versuchen beide, ein Kind zu bekommen. Vorher hat er in einer Dreier-Beziehung gelebt, mit seiner jetzigen Frau und einem weiteren Mann. Er trägt gerne bunte Kleidung und regenbogenfarbene Rucksäcke,  versteckt seine Identität also nicht. Als ich ihn besser kennenlernte, erzählte er mir offen von seinen Beziehungen – und von seinem Begehren, das Männer genauso wie seine Frau einschließt.

Und dennoch: "Wenn ich etwa in einem neuen Job anfange, dann halte ich mich zurück", sagt er. Die Frage nach der Partnerin kann er bejahen. Für viele, vor allem heterosexuelle Menschen, hat sich jede weitere Frage damit erledigt. Trotzdem merkt Marcel, dass sich dann irgendwann etwas in ihm wehrt. Er möchte eben als queerer Mensch gesehen werden. Als der, der er wirklich ist.

Ich weiß, wie zerrissen Marcel sich dann fühlt. Für meine heterosexuelle Vermieterin ist die höfliche Frage nach meiner Verlobten einfach nur eine Frage. Für mich ist sie eine Prüfung. 

Denn sie impliziert Normalität, sie schließt alles abseits der Norm aus. Soll ich meine Identität verschweigen und mich als ihr "normal" ausgeben? 

Viele queere Menschen, ich eingeschlossen, fühlen sich bei dieser Prüfung so, als würden sie die Geschichte verraten, wenn sie nicht zu sich stehen: die langen Phasen der Unterdrückung, oder das Dasein in einer Subkultur, deren Erkennungszeichen und Ideen vom Mainstream geräubert und als seine Erfindung ausgegeben wurden. (bento I / bento II) 

In dieser – vergleichsweise sicheren – Situation offen zu sagen "Ich stehe auf Männer, nicht auf Frauen" ist ein kleiner Schritt am Ende einer langen Linie größerer Kämpfe. 

Aber ich möchte diesen Schritt gehen. Ich möchte offen dazu stehen, wer ich bin. 

Ich möchte dazu beitragen, das Verständnis von "normal" zu ändern. Selbst, wenn es wehtut, wenn ich mich rechtfertigen oder streiten muss. 

Vielleicht aber auch gerade deshalb. 


Gerechtigkeit

Luisa Neubauer bringt Armin Laschet bei Klimawandel-Diskussion zur Verzweiflung
Die Aktivistin ruft den Ministerpräsidenten zur Verantwortung

Immer wieder greift er sich in die Haare, atmet laut aus, rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet kam am Samstag beim SPIEGEL-Live-Gespräch mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer auf der Frankfurter Buchmesse offenbar an seine nervlichen Grenzen. Während er über das Klimapaket und die Fortschritte der Politik in Sachen Kilmawandel sprechen will, bohrt die 23-jährige Aktivistin immer wieder nach (für ihn) leidlichen Themen wie dem Hambacher Forst und dem Versagen der CDU. 

Der Großteil der Anwesenden im Conference Center ist nicht wegen des CDU-Politikers hier, sondern wegen Neubauer.