Männer werden deswegen eifersüchtig.

Mein Smartphone macht was mit mir – und dieses Gefühl ist vergleichbar mit dem Gefühl, in jemanden verliebt zu sein. Jemanden zu brauchen. 

Wenn es vibriert, bekomme ich Herzklopfen und in meinem Kopf fliegen Gedanken an die Liebe herum, an eine Nachricht, die mir womöglich gleich den Kopf verdreht. 

Es sieht gut aus, fühlt sich an wie ein Handschmeichler. Ich berühre es gern, lieber als ich Menschen berühre. 

Das schimmernde Gehäuse erinnert mich an die innere Schale einer Muschel, ich lasse oft meine Finger über das kühle Glas wandern, ertaste die schlanke Gestalt, wiege das Gewicht in den Händen. 

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Sie ist 26 und kommt aus St. Petersburg. Und sie hat Fragen: Wie beeinflusst das Internet unsere Dates? Sind wir durch Apps wirklich freier geworden – oder nur freizügiger? Haben wir alle bald Roboter-Sex? In ihrer Sexkolumne will sie die Einflüsse des Internets auf unser Liebesleben diskutieren. Weil es in ihren Geschichten um echte Erlebnisse mit anderen Menschen geht, heißt Mira eigentlich anders. Safety first!

Produktdesigner tun alles dafür, dass wir es lieben, mit technischen Geräten umzugehen – und ja, auch, sie anzufassen. Kein Wunder also, dass mein Smartphone längst mehr für mich ist als nur ein Werkzeug. 

Einmal war mein Handy verschwunden; ich hatte es in London im Taxi liegen gelassen und der Fahrer war schon um die Ecke gebogen, als ich merkte, dass es nicht in meiner Jackentasche steckte. 
 
Ich fühlte mich verlassen, versuchte, es mit dem Laptop zu orten, kaufte mir das erste Mal seit Jahren Skype-Guthaben, um damit Taxizentralen anzurufen, und wartete zwei Stunden auf einer Polizeiwache – in der Hoffnung, jemand könnte mein Handy dort abgegeben haben.

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Natürlich ist es nie wieder aufgetaucht. Was einer Amputation gleichkam. Ständig musste ich an das Handy denken und griff in meine Tasche, um Facebook zu checken. Doch es war weg und das freudige Kribbeln in den Fingern bloß ein Phantom. 

Als ich zurück in Berlin war, kaufte ich mein altes Modell noch einmal. Doch auch wenn Funktion und Optik die gleichen waren, war das Gefühl anders.

Unser Verhältnis war vorsichtiger, zarter. Ich entwickelte Verlustängste und einen Beschützerinstinkt, kaufte fünf verschiedene Schutzhüllen und träumte ab und zu, dass mir mein Handybildschirm zersplittert.

Ich schätze, ich habe eine sexuelle Bindung zu meinem Smartphone. "I love my Computer, you make me feel alright, every waking hour, and every lonely night", sang "Bad Religion" einst – und brachte es damit auf den Punkt: Ich stehe auf meine Elektronik und habe eine leidenschaftliche Beziehung zu ihr, mit allen Höhen und Tiefen. 

Ich stehe auf meine Elektronik und habe eine leidenschaftliche Beziehung zu ihr.

Vertrauen, Streit, der Wunsch, möglichst viel gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen, Zuneigung und Erotik, alles findet statt zwischen mir und meinem Telefon. 

Ich vertraue ihm Gedanken an, die nicht mal meine beste Freundin kennt, wenn ich nach Traumdeutung oder Anzeichen für Fußpilz google. Über die Messenger schreibe ich meiner Mutter vom Zoff mit dem Chef oder meinem Lover über vom ersten Kuss an der Spree.

Streit gibt es nur ganz selten, wenn es ungefragt Updates lädt oder der Akku wieder mal zu kurz hält. 
 
Ich verbringe trotzdem jede freie Minute mit dem Teil. Wenn es mich morgens weckt, nehme ich es mit noch halbgeöffneten Augen in die Hand und schaue der Reihe nach auf Whatsapp, Facebook, Telegram, in den Mails und Nachrichten, was es Neues gibt. 

Abends vollziehe ich dasselbe Ritual. Bis dahin habe ich das Smartphone Hunderte Male berührt, also öfter, als jeden Menschen aus meinem Umfeld. 

Mein Handyfetisch klingt für viele vielleicht nach krankhafter Objektophilie, doch da ich durch mein Handy permanent in Kontakt mit meinen Liebsten stehe, setzt mein Kopf das Smartphone emotional mit ihnen gleich. 

Weil ich sie liebe, liebe ich mein Handy – zumindest in den ersten Millisekunden, in denen ich es sehe.

Und ich bin dank des Handys nie einsam. Es steht für gute Emotionen – und je mehr positive Gefühle mir etwas verschafft, desto lieber habe ich es. Ich wurde konditioniert wie der Pawlowsche Hund, dem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn er das Klingeln hört, zu dem er immer gefüttert wird. 

Ich bin dank des Handys nie einsam.

Allerdings kann das meiner Beziehung zu echten Liebhabern auch im Weg stehen. Männer, mit denen ich ausgegangen bin, waren schon eifersüchtig auf mein Handy. 

Als ich etwa mit einem Mann, den ich ein paar Wochen gedatet habe, unter dem Sternenhimmel an einem See Crémant getrunken habe, las ich dabei auf dem Handy News über den Brexit. 
 
Der Typ drohte mir im Scherz damit, das Handy ins Wasser zu schmeißen. Und er hatte Recht: Wenn ich mich wirklich für ihn interessiert hätte, hätte ich es im Leben nicht vorgezogen, das Handy zu checken. 
 
Bis jetzt hat es niemand geschafft, besser zu sein als mein Smartphone. Interessanter. Überzeugender. Vielleicht finde ich ja wen – mithilfe des Handys. Ob ich Erfolg dabei habe, verrate ich in der nächsten Kolumne.


Style

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