Bild: dpa/Maurizio Gambarini
Wir müssen reden. Über Bodyshaming bei dünnen Menschen.

Eigentlich wollte Stefanie Giesinger nur ihre mittlerweile relativ gut verheilte Narbe nach einer schweren Operation am Bauch auf Instagram zeigen. Dazu postete sie ein Foto von sich, oben ohne, sie trägt eine weit-geschnittene Marlene-Hose. 

Das Model geht offen damit um, dass sie das Kartagener-Syndrom hat. Das bedeutet: Die inneren Organe liegen seitenverkehrt im Körper, das kann zeitweise zu Bauchschmerzen und Übelkeit führen. Wie es ihr mit ihrer Krankheit geht, teilt sie regelmäßig mit ihren Followern – und jetzt zeigte sie eben ihre Narbe am Bauch. 

Aber die Instagram-Nutzer und wenig später auch einige Medien interessierten sich nicht für ihren Narbe. Das Foto nahmen sie zum Anlass, Stefanie Giesinger zu beleidigen, weil sie "zu dünn" sei, aussehe "wie ein Knochen".

Moment mal: Was passiert hier eigentlich gerade?

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Wenn Body-Shaming doch an anderer Stelle kritisiert wird, kommt hier plötzlich niemand auf die Idee zu sagen: Puh, Bodyshaming, uncool? Warum nicht? 

Weil Stefanie Giesinger dünn ist. Wie so viele andere Frauen und Männer. Und bei schlanken und dünnen Personen ist es offenbar irgendwie in Ordnung, das Äußere be- und abzuwerten. Oder ihnen sogar schwere psychische Störungen wie Bulimie oder Anorexie zu unterstellen.

Nicht nur Stefanie Giesinger wird in regelmäßigen Abständen vorgeworfen, magersüchtig zu sein – wenn es nicht die 21-Jährige ist, ist es irgendein anderes Model, eine andere Influencerin, die in den Kommentaren ihrer Fotos als "krankhaft dünn", "eklig dünn" beschimpft wird. 

Man stelle sich einmal vor, es sei umgekehrt: Ein Plus-Size-Model postet ein Bild. Darauf sieht es dicker aus als auf den Fotos zuvor. Und plötzlich steht da hundertfach in den Kommentaren: Das Model sei bestimmt esssüchtig, wie widerlich sei das denn. 

Was bitte, wäre dann wohl los? 

Bewusstsein für Essstörungen und einen krankhaften Schönheitswahn zu schaffen, unterstütze ich. Zu fragen, ob jemand ein Problem hat, ist okay. Wenn man zum Beispiel mit der Person befreundet ist. 

Bei schlanken und dünnen Personen ist es offenbar irgendwie in Ordnung, das Äußere be- und abzuwerten.
Kathrin

Was nicht okay ist: Dünne und magere Menschen zu beleidigen, weil man das ganze Bodyshaming-Ding nur in die eine Richtung denkt.

Niemand hat das Recht, jemand anderen zu beleidigen, weil derjenige zu viel wiegt. Genauso hat niemand das Recht, jemanden zu beleidigen, weil er zu dünn ist. Das ist nicht weniger schlimm oder gar moralisch mehr okay. Auch nicht, wenn jemand seinen Körper bei Instagram zeigt. Es gibt nämlich einen sehr großen Unterschied zwischen Kritik und ehrlicher Sorge.

Ich weiß, dass das Internet nicht gerade der Ort ist, an dem die meisten diesen Unterschied kennen. Beleidigen ist einfach, es kostet wenig Energie.

Aber merkt es euch:

Uns allen wäre damit geholfen, wenn wir aufhörten, uns das gegenseitig anzutun: Das Abwerten, das Abchecken. 

Bodyshaming ist keine Meinung. Es ist psychische Gewalt.

Die wir nicht hinnehmen sollten. Wir verletzen andere Menschen damit. Wir tun das, weil wir zu ignorant sind, um zu merken, dass das einem anderen Menschen weh tut. 

Es hilft keinem. Niemals.

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