Heute Abend habe sie Bereitschaft, sagt Helena. Wenn es einen Notfall gebe, müsse sie los. Sie ist 27, arbeitet als Psychologin bei der Kriminalpolizei in Mainz und engagiert sich ehrenamtlich bei der Notfallseelsorge. Wenn Menschen einen Angehörigen verlieren – sei es durch einen Verkehrsunfall, Suizid oder natürlichen Tod – gibt es Menschen wie Helena, die ihnen durch die ersten Stunden helfen. 

Die Polizisten, die die Todesnachricht überbracht haben, gehen wieder, Helena bleibt

Sie erzählt:

Nach meinem Psychologie-Studium meldete ich mich bei der Notfallsorgestelle in Mainz. Ich wollte mich in meiner neuen Stadt engagieren. Jeder Mensch ist Teil der Gesellschaft, mir ist es wichtig, mich einzubringen. 

Gleich der erste Einsatz in meiner Ausbildungszeit war der, der mir wohl am besten in Erinnerung geblieben ist. Ein Mann hatte in seiner Wohnung Suizid begangen, meine Kollegin und ich sollten nun die Polizisten begleiten, um dem Vater die Nachricht zu überbringen.

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Das Furchtbarste an diesem Fall war für mich vor allem die martialische Art und Weise des Suizids. Die Nachricht selbst kam für den Vater dagegen nicht überraschend. Sein Sohn hatte es zuvor bereits einmal versucht. Als er die Tür aufmachte und uns dort stehen sah, sagte er gleich: "Jetzt ist es passiert."

Ein Piepton zerschneidet die Stille, die nach ihren Schilderungen eingetreten ist. "Das ist der Pager", sagt Helena. Sie zieht ihn aus ihrem Rucksack, auf dem Display werden Stichpunkte angezeigt: eine Adresse, ein Kürzel für die Art des Einsatzes, die Zahl der alarmierten Einsatzkräfte. Helena muss los. 

Für die Feuerwehr oder Polizei zählt in so einem Moment jede Sekunde. Aber Notfallseelsorger seien keine medizinischen Ersthelfer, sagt Helena, sie habe also genug Zeit, um bei der Leitstelle anzurufen und sich über den Fall zu informieren. Ihre Stimme ist ruhig, falls sie Anspannung verspürt, lässt sie es sich nicht anmerken. Wenn sie Bereitschaft habe, müsse sie eben mit einem Einsatz rechnen.

Am nächsten Tag reden wir weiter. Sie erzählt vom Einsatz.

Jeder Fall ist etwas Besonderes. Die Angehörigen verhalten sich ganz unterschiedlich. Deshalb gibt es auch keine Muster-Lösungen, wie ich auf sie reagieren kann. Der Suizid damals war schlimm, weil es immer furchtbar ist, wenn man Eltern vom Tod ihrer Kinder erzählen muss. Der Fall gestern Abend war schlimm, weil die Frau so getroffen war.

Sie war tagsüber unterwegs gewesen, als sie nach Hause kam, fand sie ihren Mann im Badezimmer. Er war gestürzt und schon mehrere Stunden tot, er war ganz blau und starr. Ein schrecklicher Anblick für sie. Sie machte sich immer und immer wieder Vorwürfe: "Wenn ich hier gewesen wäre, wäre das nicht passiert.“

In so einer Situation sei es wichtig, die Menschen aus ihren kreisenden Gedanken herauszuholen, sagt Helena. Bei der Frau am Abend zuvor sei das gar nicht so einfach gewesen – sie kam nicht los von ihren Schuldgefühlen, wollte ihren Mann nicht loslassen. Sie bat die Frau dann, ihr ein Glas Wasser einzuschenken. "Den Betroffenen hilft es, wenn sie merken, dass sie das Hier und Jetzt noch kontrollieren können", sagt Helena. Auch als sie das erzählt, macht sie einen mitfühlenden, aber keinen aufgewühlten Eindruck. 

Ich selbst habe eine unverkrampfte Haltung zum Tod. Weil ich schon früh in meiner Kindheit mit ihm in Kontakt gekommen bin. Mein Opa starb, als ich gerade vier Jahre alt war. Er war schon sehr alt und schlief einfach friedlich ein. Er hatte ein Lächeln im Gesicht, daran erinne ich mich. Ich habe seinen Tod damals als etwas Gemeinschaftsstiftendes empfunden. Die ganze Familie hielt zusammen und trauerte gemeinsam. 

In solchen Momenten hilft mir auch der Glaube: Wenn man davon überzeugt ist, dass das Leben nach dem Tod nicht vorbei ist, dann macht das den Tod weniger schlimm. Ich dachte damals: "Der Opa ist nicht weg, er ist immer noch bei uns." 

Dass ich schon selbst den Verlust von Familienmitgliedern erlebt habe, hilft mir auf dabei, mit den Schicksalsschlägen klarzukommen, mit denen ich konfrontiert werde. Die eigenen Verluste zu verarbeiten, darf allerdings nicht die Antriebskraft sein, sich bei der Notfallseelsorge zu engagieren.

Nicht nur solche Erfahrungen helfen Helena, sondern auch ihr Studium. Dass sie Psychologie studiert hatte, war einer der Gründe, warum sie als Ehrenamtliche bei der Seelsorgestelle überhaupt angenommen wurde – denn so junge Notfallseelsorger wie sie sind eigentlich eine echte Ausnahme. Normalerweise engagieren sich eher Ältere, die schon mehr Lebenserfahrung mitbringen. Helena meint: "Nicht die Lebenserfahrung ist entscheidend, sondern wie professionell man mit den Situationen umgeht."

Vor meinem allerersten Einsatz hatte ich Angst, dass ich selbst mitweinen müsste. Dass ich meine Tränen nicht unterdrücken könnte, weil mich das Schicksal so berührt. Aber so ist das nicht. Ich versuche in diesen Situationen, mich in die Menschen hinzuversetzen, ihr Leid zu verstehen – aber natürlich empfinde ich es nicht annähernd so intensiv wie sie selbst.

Wenn mir ein Schicksal doch nahgeht, sage ich mir: "Du bist jetzt nicht dran, deine Zeit ist nach dem Einsatz." Ich bin dann in einer sehr klaren Rolle. Ich bin die Notfallseelsorgerin, nicht die Trauernde.

Erst wenn der Einsatz vorbei ist, bemerke ich, welche eigenen Bedürfnisse ich stundenlang gar nicht wahrgenommen habe: Ich habe Kopfschmerzen, muss vielleicht dringend auf Toilette, habe Hunger. Meistens folgt dann ein richtiger Schokoladenanfall oder ich gehe noch schnell einen Döner essen, so wie gestern Abend. 

Bisher ist es mir meist gelungen, eine professionelle Distanz zu halten. Ich ziehe keine Verbindung von den Einsätzen zu meinem eigenen Leben. Deshalb wäre es auch etwas völlig anderes, wenn nochmal jemand aus meiner eigenen Familie stirbt. Ich wäre dann nicht mehr in meiner Rolle, ich wäre nicht die Notfallseelsorgerin. Ich wäre selbst betroffen. Ich weiß gar nicht, wie ich darauf heute reagieren würde.

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