Neuro-Linguistisches Programmieren? Ich habe es ausprobiert.

"Schließ deine Augen," fordert mich der Coach auf. "Was ist das Schönste, das du je gesehen hast?" Ein romantisches Klavierstück soll mir auf die Sprünge helfen. Vor meinem inneren Auge möchte trotzdem beim besten Willen kein Bild erscheinen. Der Atlantik vielleicht? Oder wenigstens die Ostsee? "Was ist das Leckerste, das du je geschmeckt hast?", geht es weiter. Ich denke an Lasagne und daran, dass die Mittagspause noch zwei Stunden entfernt ist.

Der Mann, der mir diese Anweisungen gibt, ist ein Trainer für Neuro-Linguistisches-Programmieren, kurz NLP. Das ist eine Coaching-Technik, die mir helfen soll, mein Leben – und auch mich selbst – besser zu machen.

Besseres Leben, besseres Ich? Das könnte ich gerade gut gebrauchen. Mein Studium ist bald zu Ende, ich schiebe Dauerpanik vor der Zukunft. Will ich danach gleich arbeiten? Oder doch noch mal ins Ausland? Ich habe meine Masterarbeit noch nicht einmal angemeldet und fühle mich schon wie kurz vor dem Burn-Out. Höchste Zeit also für eine Neu-Programmierung.

#WerBinIch?

Im Lebenslauf, auf Partys, beim WG-Casting: Ständig müssen wir uns vorstellen, uns erklären. Doch wer sind wir eigentlich – und wie konnte das passieren?

Journalistik-Studierende der Universität Hamburg haben sich auf die Suche nach dem Phantom namens Ich gemacht. Die Ergebnisse erscheinen in den kommenden Wochen auf bento.

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Das Neuro-Linguistische Programmieren wurde in den 1980er Jahren an der University of California entwickelt. Einfach gesagt basiert NLP auf der Annahme, dass Menschen ihre Umwelt auf verschiedene Weise wahrnehmen. Der Lehre nach kann man diese Wahrnehmungsprozesse beeinflussen und damit Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen verändern.

Heute zählt NLP zu den beliebtesten Coaching-Techniken. In fast jeder größeren deutschen Stadt gibt es ein NLP-Institut, das Kurse und Ausbildungen anbietet.

Anwendungsgebiete gibt es viele: So soll NLP Menschen helfen, ihre Ängste und Schwächen zu überwinden. Auch Verkäufer haben NLP für sich entdeckt – um andere zu beeinflussen und ihren Absatz zu steigern.

In wissenschaftlichen Studien konnte bislang niemand nachweisen, dass NLP-Techniken wirken. Kritiker werfen NLP deshalb eine Nähe zur Esoterik vor.

Trotzdem hat NLP viele überzeugte Anhänger. Eine Freundin schwört beispielsweise, mit Hilfe der Methode ihre Angst vor Hunden überwunden zu haben. "Probier' es aus, du wirst schon sehen."

Ich folge ihrem Rat und finde mich in einem Tagungshotel am Stadtrand von Köln wieder. Einer der bekanntesten deutschen NLP-Trainer gibt hier ein achtstündiges Einsteigerseminar. Der Werbetext verspricht mir "anregende Geschichten und Übungen, die Dir Kraft und Motivation aus deiner inneren Mitte heraus geben werden".

Schon bevor ich den Saal betrete, höre ich laute Musik: Eye of the Tiger, was sonst. Im Saal wirft ein Beamer Fotos an die Wand: eine übers Meer gleitende Yacht, ein Mann auf einem Berggipfel, ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Außer mir sind hier noch etwa 60 Menschen, vom Schul- bis ins Rentenalter, allein oder in Kleingruppen. Manche in Sakko und Kostüm, die meisten in Jeans und T-Shirt.

Den Coach entdecke ich sofort. Er ist klein, Mitte 40 mit Bauchansatz und Geheimratsecken. Er lächelt ununterbrochen und begrüßt einige Teilnehmer mit langen Umarmungen. Dann tritt er ans Mikro. "Einen wunderschönen guten Morgen!", ruft er. "Ich habe vor 20 Jahren NLP kennengelernt, und es hat mein Leben verändert." Damals, mit 17, seine erste Lebenskrise: Liebeskummer und Suizidgedanken. NLP habe ihn da rausgeholt, sagt er.

Eigentlich ist er Diplom-Psychologe. Von der klassischen Psychologie hat er sich aber schon lange entfernt. Langwierige Gesprächstherapien findet er überflüssig. Stattdessen setzt er auf NLP als "Kochbuch für unseren Geist". Rezepte für ein besseres Leben.

Mit seinen Übungen soll ich negative Denkmuster erkennen und überwinden. Die Zutaten zum Glücklich-Sein trage jeder von uns bereits in sich, erklärt er.

Das Versprechen: Funktioniert ein Mensch mal nicht so, wie er soll, kann man ihn neu programmieren – wie eine defekte Maschine.

Für mich klingt das alles ein bisschen zu einfach. Trotzdem nimmt mich der Vortrag mit. Der Coach redet lebhaft, in Geschichten und Witzen. Zweiflern begegnet er mit Selbstironie. Aus dem Publikum kommen zustimmende Rufe, Kopfnicken und viel Gelächter.

Als erstes möchte der Coach uns für das "Wow-Projekt Ich" begeistern. Anfangs verstehe ich nur "Bauprojekt". Eine Powerpoint-Präsentation schafft Klarheit: Ich, das sei "ein einzigartiger, wunderbarer Mensch". Mein erster großer Sieg, als schnellstes Spermium auf dem Weg zur Eizelle. Unglaubliche Daten über den menschlichen Körper, die mich an "Fakt-"Seiten auf Facebook erinnern: Wahrheitsgehalt egal, Hauptsache, alle staunen.

Bei der ersten Partnerübung werde ich Sabine zugeteilt. Wir sollen uns gegenseitig anschauen, "wahrnehmen", wertschätzen. Ich fühle mich vor allem beobachtet. "Du bist ein wertvoller Mensch", sagt Sabine schließlich. Muss ich mich bedanken? Ich tue es vorsichtshalber.

Jetzt betrachte ich sie: Ergrauendes Haar, geblümte Bluse, freundliche Augen. Was für ein Mensch sie wohl ist? Bestimmt hat sie Kinder, denke ich. Vielleicht einen Golden Retriever. Sie dekoriert zu jeder Jahreszeit ihr Wohnzimmer um. "Du bist ein wertvoller Mensch", sage ich. Sie lächelt, und bedankt sich.

"Wer von euch hat gerade eine ganz besondere Verbindung zu seinem Gegenüber gespürt?", will der Coach wissen. Sabine meldet sich. Ich hebe auch schnell die Hand. Man will ja nicht unhöflich erscheinen.

"Das Leben ist eine Perlenkette deiner schönsten Momente", setzt der Coach nun an. Deshalb sollen wir uns einen magischen "Wow-Moment" vorstellen. Zur Anregung erzählt der Coach, wie er neulich seine Freundin überrascht hat: Mit Unmengen Teelichtern und langstieligen Rosen in Sektflaschen. Ich bezweifle, dass mein Freund das besonders wow finden würde und stelle mir stattdessen vor, dass ich einen Tag frei habe und an der Elbe sitze. Nicht besonders magisch, zugegeben. Aber doch ein angenehmer Gedanke.

Wenn wir uns mal mies fühlen, könnte das auch an der Körperhaltung liegen, erklärt der Coach und zeigt uns deshalb einen "Power Move": Die Arme weit ausbreiten, wieder zusammenklatschen und "Yes" schreien. "So aktiviert ihr unglaubliche Kräfte in euch!” Weil alle anderen seinem Vorbild folgen, überwinde auch ich mich zu ein, zwei halbherzigen Power Moves.

So aktiviert ihr unglaubliche Kräfte in euch!
Power-Coach

In der Mittagspause sollen wir uns mit anderen Teilnehmern austauschen. Ein paar Leute kenne ich von den Übungen: Corinna zum Beispiel, eine Ergotherapeutin, die sich mit Ende dreißig beruflich umorientieren wollte und jetzt eine NLP-Ausbildung macht. Für den "Practitioner"-Schein war sie schon auf Mallorca und Ibiza. Und natürlich Sabine, die tatsächlich mehrfache Mutter ist und sich von NLP Inspiration für ihren Alltag erhofft.

Obwohl Corinna und Sabine nett sind, gehe ich lieber am Rhein spazieren. Dabei muss ich feststellen, dass ich mich eigentlich ziemlich gut fühle. Ein bisschen beschwingt sogar. Allerdings könnte das auch daran liegen, dass heute zum ersten Mal seit Wochen die Sonne scheint.

Nach der Pause stellt der Coach erstmal sein Seminarangebot vor. Dabei klingt er wie ein Verkäufer in einer Dauerwerbesendung. "Im Branchenvergleich ein echtes Schnäppchen" seien seine Seminare. "Ich will den Menschen einfach zeigen, was möglich ist an wow." Die Preise für ein Einsteiger-Seminar gehen bei 400 Euro los. Neben mir streicht sich Sabine eifrig Termine im Programmheft an. Ich bin froh, durch Zufall einen kostenfreien Platz im Schnupperkurs bekommen zu haben.

Es folgt die nächste Partnerübung. Mark ist um die 20, trägt eine Brille und kann mir beim Sprechen nicht in die Augen sehen. Jetzt soll er mir etwas vortanzen, ich muss die Bewegungen spiegeln. Als wäre das nicht schlimm genug, legt der Coach Tina Turners "Simply the Best" auf. Ich imitiere Marks unbeholfenen Disko-Finger und wünsche mir einen Schnaps.

Die Musik geht aus. Sofort lasse ich meine Hände sinken. Die anderen Teilnehmer wollen aber gar nicht aufhören: Schwitzend und lachend tanzt Sabine mit Peter, Corinna mit Simone. Es kommt zu spontanen Power Moves. YES! YES! YES!

Ob wir eine Pause machen wollen, fragt der Coach. "Nein, weitermachen!" kommt es zurück. "Wir sind süchtig!" ruft jemand.

Schließlich die letzte Übung des Tages: Eine 'Zukunftsreise'. Zur unvermeidlichen Klaviermusik sollen wir uns selbst in einem Jahr vorstellen. Dann in fünf, in zehn Jahren, zuletzt mit 80, 90, und 100 Jahren. Ich grusel mich bei dem Gedanken an all die Falten, die ich dann haben werde. Hinter mir beginnt eine Frau, unkontrolliert zu schluchzen.

Der Coach ist schon wieder im Jetzt. Er gibt uns noch ein paar Sprüche mit Wandtattoo-Potential mit auf den Weg: "Carpe Diem! Nutze den Tag!" Die Anfangstöne von "Conquest of Paradise" füllen den Raum. "Dies ist deine Zeit, dein Leben", lässt er mich wissen. "Mach daraus dein persönliches Meisterwerk."

Acht Stunden sind lang: So langsam möchte auch der Guru nach Hause. Er würgt den epischen Chor ab, verabschiedet sich. Das Publikum feiert ihn mit Standing Ovations und ein paar besonders energischen Power Moves.

Ich schiebe mich schnell in Richtung Ausgang. Mein Kopf tut weh, das beschwingte Gefühl von heute Mittag ist verschwunden.

Kann NLP Menschen glücklicher machen? Ich sehe die anderen Teilnehmer, die den Coach umringen oder ihre Telefonnummern austauschen und denke: für diesen Moment auf jeden Fall. Kann NLP mir persönlich helfen? Eher nicht. Denn dazu fehlt mir wohl vor allem eins: Der Wille, an das alles zu glauben.

#WerBinIch?


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Junge Akademiker über ihre Türkei: "Dieses Land ist ein Gefängnis"
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