Bild: Cameron Kirby/Unsplash
Nikotinabhängigkeit ist eine psychische Störung, die man behandeln kann.

Früher gehörte Zigarettenqualm einfach dazu. Ob im Flugzeug, Büro oder Restaurant: überall wurde geraucht. Das kann man sich heute zwar kaum noch vorstellen und die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken, dennoch raucht immer noch ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland (DHS). 

Junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren zählen zu der Altersgruppe, die am zweithäufigsten raucht. Männer greifen öfter zur Zigarette als Frauen, aber gerade junge Frauen holen auf. Das ist gefährlich, weil sie laut Experten weniger Nikotin vertragen (APG). Dazu sei Nikotin in Kombination mit der Anti-Baby-Pille besonders krebsgefährdend

Im Jahr 2013 etwa starben 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens - das sind dreißigmal mehr als durch Verkehrsunfälle im gleichen Jahr (SPIEGEL ONLINE). 

Viele Raucher möchten aus gesundheitlichen Gründen aufhören, schaffen es aber nicht. Warum? 

Weil Nikotin direkt wirkt. "Der Kick, der Flash – der erste Zug geht gleich ins Gehirn", sagt Diplom-Psychologe Ulfert Hapke. Er beschäftigt sich am Robert Koch-Institut mit psychischer Gesundheit in Verbindung mit dem Rauchen. 

Nikotin wirke stimulierend und anregend, ähnlich wie Koffein, sagt er. Raucher und Raucherinnen hätten gelernt, dass eine Zigarette sie wachmache oder vermeintlich Stress lindere. Dabei mildere Nikotin bloß die Entzugserscheinungen.

Demnach ist Rauchen erlerntes Verhalten, also klassische Konditionierung. In einer Auslösesituation, wie nach einer Mahlzeit oder bei Alkoholkonusm, wird automatisch zur Zigarette gegriffen. Diese hat eine belohnende Wirkung (DHS). Das macht es besonders schwer aufzuhören.

Rauchen kann zu einer psychischen Störung werden: der Nikotinsucht. 

Die Tabak- oder Nikotinabhängigkeit ist die weltweit am stärksten verbreitete Suchterkrankung und eine der häufigsten psychischen Störungen. Man spricht davon, wenn regelmäßiges Rauchen zur Notwendigkeit wird und eine Person dadurch beeinträchtig ist oder sogar leidet. Der Wunsch nach einer Zigarette ist bei ihnen besonders stark und wird anderen Dingen vorgezogen. Betroffene spüren körperliche und psychische Entzugssymptome wie schlechte Laune oder Schlafstörungen, weiß Psychologe Hapke.

Nach der Definition des psychiatrischen Klassifikationssystems "DSM" galten bei einer Erhebung im Jahr 2011 zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren als tabakabhängig - und damit als psychisch gestört (DHS). 

„Das Label 'psychische Störung' will kein Raucher hören.“
Psychologe Ulfert Hapke vom Robert Koch-Institut

Bin ich als Raucher psychisch gestört?

Nicht jeder rauchende Mensch ist nikotinabhängig. Ob eine Abhängigkeit besteht, wird anhand verschiedener Diagnosekriterien bestimmt. Die drei großen deutschen Studien darüber ergaben, dass etwa jeder zweite regelmäßige Raucher nikotinabhängig wird. Das sind über fünfeinhalb Millionen Deutsche.

Sie schaffen es nur selten, ohne professionelle Hilfe aufzuhören. Obwohl eine Psychotherapie dabei helfen kann, wird sie noch nicht von Krankenkassen bezahlt. In der Wissenschaft fordere man dies dabei seit Jahren, erzählt Hapke. 

In Österreich etwa würden die Behandlungen mittlerweile unter bestimmten Bedingungen übernommen, sagt der Experte. In Deutschland bekomme man hingegen nur bei ambulanten Entwöhnungskursen etwas dazu.   

Auch im Netz kann man feststellen, ob man süchtig ist. Beim Fagerström-Test wird das Rauchverhalten in sechs Fragen analysiert und geprüft, ob eine Tabakabhängigkeit vorliegt. Es gilt: Je höher der Wert im Test, desto stärker ist die Abhängigkeit (dkfz).

Doch die Sucht nach der Zigarette wird wenig beachtet.

Suchtkrankheiten werden als psychische Störungen oft unterschätzt. Auch weil sie ein bestimmtes Image vermitteln. "Die Zigarette steht für ein Lebensgefühl", sagt Hapke. Rauchen werde mit dem Selbstbild verknüpft.

„Wir kennen den Mann aus der Zigarettenwerbung, der frei durch die Prärie reitet. Oder die moderne Frau, für die Rauchen Emanzipation bedeutet.“
Ulfert Hapke

Dass die Nikotinabhängigkeit in der Gesellschaft so wenig thematisiert wird, erklärt der Experte so: 

  • Rauchen werde sozial akzeptiert. Eine Zigarette sei kaum mit sozialen Auffälligkeiten oder Einschränkungen verbunden.
  • Nikotinsucht sei so weit verbreitet, dass sie als normal angesehen werde.  

Hapke sagt, viele rauchende Menschen würden behaupten, es sei ihr freier Wille und sie könnten jederzeit aufhören. Sie redeten sich raus und rechtfertigten ihre Sucht. Das Ausmaß ihrer Abhängigkeit würden sie erst erkennen, wenn es schon zu spät sei, warnt der Psychologe. Denn sobald man gesundheitliche Schäden bemerke, helfe oft auch das sofortige Aufhören nicht mehr.

"Es ist eine wirklich schwere Sucht", weiß Hapke als ehemaliger Raucher selbst. Er kenne einige Mediziner und Medizinerinnen, die es nicht schafften auf Nikotin zu verzichten, obwohl sie wüssten, wie schädlich es sei. Typische Grundannahmen wie "Ohne Rauchen fehlt mir was" oder "Ohne Zigaretten funktioniere ich nicht so gut", spielten eine entscheidende Rolle bei ihrem Verlangen. Experten nennen dies "Craving" (DHS). Zudem müsse man keine sozialen Konsequenzen fürchten, niemand zwinge einen, das Rauchen sein zulassen. Bei Drogen oder Alkohol sei der Druck höher, so Hapke. 

Doch auch die Politik könnte etwas ändern.

Nichtraucherarzt Joachim Kamp findet, Tabaksucht sei kein individuelles Problem, sondern politisches Versagen. Der deutsche Staat lasse der Tabaklobby freie Hand: Überall gebe es Werbung und Schleichwerbung, zudem kein Verbot für Zusatzstoffe. Er kritisiert die politische Neutralität in Deutschland gegenüber Zigaretten. In den USA etwa sei das anders, sagt Kamp: "Dort wird die Tabakindustrie nach den Gesetzen gegen das organisierte Verbrechen als 'kriminelle Vereinigung' eingestuft."

„Der individuelle Ansatz, jeder könne selbst entscheiden und habe persönliche Freiheit, hilft am Ende nur der Tabaklobby.“
Nichtraucherarzt Joachim Kamp berät Jugendliche, wenn sie aufhören wollen.

Ist Deutschland also ein Lobbyparadies für die Tabakbranche? Fest steht: In keinem anderen EU-Land ist Tabakwerbung in einem solchen Ausmaß erlaubt wie hier. Ein umfassendes Werbeverbot wird von Experten seit Jahren befürwortet - von der Politik umgesetzt wurde es bislang aber nicht (SPIEGEL ONLINE).

Wenn du aufhören willst zu rauchen, sind das die Tipps vom Experten: 

  1. Bewegung: Besonders Ausdauersportarten sollen es erleichtern, mit dem Rauchen aufzuhören. Nichtraucherarzt Kamp hat hierfür etwa eine Facebook-Gruppe gegründet: "Sport-für-rauchfrei".
  2. Außerdem sei es leichter, gemeinsam mit jemandem aufzuhören. Man könne aber auch Freunde einbeziehen, damit ein Rückfall möglichst peinlich werde.
  3. Es gebe heutzutage außerdem viele gute Nichtraucher-Apps, die es einem erleichtern sollen, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie visualisieren etwa den stetigen Fortschritt und gesundheitliche Verbesserungen durch das Nichtrauchen.
  4. Dazu könne man eine Spardose anlegen und das Geld einwerfen, das man sonst für Zigaretten ausgegeben hätte. So belohne man sich.



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