Funktioniert "Socialmatch"? Unser Autor probiert es aus

Ich kenne Victoria gerade einmal zwei Stunden. Und schon reden wir übers Heiraten. Unruhig trommelt sie mit ihren Fingern auf dem Tisch und vermeidet es, mir in die Augen zu schauen. "Du bist mir sofort aufgefallen, deshalb wollte ich dich fragen, ob du mich heiraten willst", sagt sie.

Diese Szene stammt nicht aus einem verunglückten Date, sie ereignet sich so beim "Socialmatch". Ein Kennenlernspiel gegen das Alleinsein.

Neuer Job, neue Stadt – und vieles ist fremd. An der Uni war es leicht, Leute kennenzulernen. Im Arbeitsleben wird es für mich zur Herausforderung. Einfach in eine Bar spazieren und Menschen ansprechen? Ohne mich.

Ich suche keine Beziehung und auch keine Affäre, deswegen würde Tinder mir gerade wenig bringen. 

Ich suche Freunde. 

Fälle wie mich hatten Patrick und Valentin im Sinn, die beiden Macher von Socialmatch. Bei einem privaten Brettspielabend kamen sie auf die Idee, Spieleabende zum Kennenlernen zu veranstalten. Seit 2015 bieten sie in einigen Großstädten dazu Events an. 

Ein Brettspiel, das zu Freundschaften führen soll. Kann das funktionieren?

(Bild: Socialmatch)

Die Idee: Zehn Leute, die einander nie begegnet sind, spielen ein Brettspiel. 

Es gibt Fragen und Aufgaben. Klingt krampfig, genau wie die Beschreibungen auf der Homepage.

Die Betreiber werben mit einer "lockeren Atmosphäre", "coolen Bars und angesagten Kneipen". Aha. 25 Euro kostet die Teilnahme, Getränke nicht inbegriffen. 

20 Uhr, ein Café in der Düsseldorfer Altstadt. Wird das der Abend, an dem ich endlich Freunde finde?

So früh ist es in dem Laden weder angesagt noch cool, sondern einfach nur leer. Am Socialmatch-Tisch sitzen die beiden Spielleiterinnen Elisa und Sati. "Hier ist es ruhig, wir können gut spielen", sagt Sati. 

Socialmatch bietet das Spiel für verschiedene Altersgruppen an, unsere geht von 20 bis 35. Nach und nach kommen die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 

Mit einem leicht verschämten Lächeln nicken wir einander zur Begrüßung zu.

Sati und Elisa platzieren Männer und Frauen abwechselnd um den Tisch. Eine Maßnahme, die mich an meinen Biolehrer erinnert, der damals für Ruhe unter den Kindern sorgen wollte. Dann geht es ohne Vorstellungsrunde los. 

Nacheinander muss jeder würfeln, um anschließend seine Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfigur auf ein Aktionsfeld zu setzen. 

Dort warten entweder Fragen zur Persönlichkeit oder Aufgaben wie Improvisation und Pantomime. Für jede richtige Antwort und jede erfüllte Aufgabe gibt es einen Punkt. Erinnert an Activity oder Tabu.

Gleich beim ersten Zug bekomme ich eine Improvisations-Aufgabe: Sitznachbarin Caro und ich sollen einen Beziehungsstreit spielen, weil wir angeblich gerade zusammenziehen. Äh, okay.

Es ist eine Szene, die mir mit meinen Freunden bestimmt Spaß machen würde, aber in einer Runde aus Fremden kostet das einfach nur Überwindung

"Nichts funktioniert hier, der Strom ist kaputt", schimpfe ich. "Es ist doch schön, dass wir endlich zusammen wohnen", sagt Caro. Ich überlege. Dann wiederhole ich: "Aber wir brauchen doch Strom!" Was für ein sinnfreier Dialog.

Nach einer knappen Minute erlöst Sati uns und die anderen von dem unbeholfenen Schauspiel.

Als nächstes müssen einige Spieler Fragen beantworten, doch auch das bringt uns nicht näher zueinander. Ich erfahre, dass Marie Grundschullehrerin ist und Caro Friseur-Azubine – darüber hinaus aber nur wenig.  

Was ich tun würde, wenn ich für einen Tag eine Frau wäre? Meine Antwort:

Vermutlich nichts anderes als jetzt auch.

Teilnehmer Flo beschwert sich, ich hätte für diese unspektakuläre Antwort keinen Punkt verdient. Eli und Sati geben ihn mir trotzdem.

Hin und wieder gibt es auch Aufgaben, bei denen die Gruppe eine Person einschätzen muss. Ob Caro lieber Segelflugzeug fliegen oder Fallschirmspringen würde, kann ich nur an Oberflächlichkeiten festmachen. Durch ihr Tattoo schätze ich sie als abenteuerlustige Fallschirmspringerin ein. Falsch gedacht.

Dann mal los.

(Bild: Socialmatch)

Nach einer Stunde gibt es eine kurze Pause für Klogänge und zum Rauchen. Ich bleibe still am Tisch sitzen. Noch eine Stunde Spielen liegt vor mir. Am liebsten würde ich nach Hause gehen

Die Fragen werden persönlicher und interessanter. Friseurin Caro überrascht mit der Info, dass sie Slawistik studiert hat, aber lieber einen kreativeren Beruf ausüben wollte. 

Doch vertiefen lässt sich das nicht, weil ständig weitergewürfelt werden muss. Gespräche zu zweit sind unmöglich. 

Die Stimmung wird trotzdem ungezwungener und offener. Ich fühle mich gerade wohler – da sind die zwei Stunden um. Es gibt eine Packung Weingummis, als wäre das hier ein Kindergeburtstag.

Ist das Konzept des Abends aufgegangen? Sind Freundschaften entstanden?

Für mich ist es so: Mit Freundschaften ist es wie mit der Liebe. Entweder es passt direkt – oder eben nicht. Kein noch so ausgeklügeltes Kennenlern-Spiel kann daran etwas ändern. Das wusste ich vorher. Aber einen Versuch war es wert.

Die meisten müssen am nächsten Tag arbeiten, niemand kommt auf die Idee, weiterzuziehen. Um in Kontakt zu bleiben, gründen wir eine WhatsApp-Gruppe

Am Anfang schreiben einige noch. Ich mische mich nicht ein, lese nur mit. Ich bekomme noch mit, dass manche ein zweites Treffen planen. Ich werde nicht hingehen.


Gerechtigkeit

Verfassungsschutz-Präsident sieht keine Beweise für "Hetzjagd" in Chemnitz
Wir haben die Aussagen geprüft.

Nach Sachsens Ministerpräsident Kretschmer hat jetzt auch Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen Berichte über Hetzjagden in Chemnitz angezweifelt. Der "Bild-Zeitung" sagte er: "Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben."

Über ein vielbeachtetes Video, das rassistische Angriffe zeigen soll, sagte Maaßen außerdem: "Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist."