Bild: Jacek Dylag/Jonas Hoss/Unsplash (bento-Montage)

Früher wollte ich unbedingt vom Dorf in die Stadt ziehen. Heute lebe ich in Hamburg und denke oft an die Zeit in meinem Heimatdorf und der daran angrenzenden Kleinstadt zurück. Warum wollte ich noch mal in die Großstadt ziehen? Auf dem Dorf war es doch so schön ruhig.

Die Großstadt ist anstrengend. Sie ist laut, stinkt und macht krank. 

Stress, Lärm und die Anonymität der Großstädte können den Ausbruch psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie und Angsterkrankungen begünstigen. (Spiegel Online

Der Ansicht, dass bei Stadtbewohnern das Risiko für stressbedingte Erkrankungen höher liegt, ist auch der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli. Aus Untersuchungen gehe hervor, dass die Stressverarbeitung im Gehirn von Stadtbewohnern anders sei als bei Landbewohnern. Das Gehirn einer Stadtbewohnerin reagiere zum Beispiel empfindlicher auf Stress, die stressverarbeitenden Hirnregionen seien aktiver, erklärt Adli.

Dieser Stress sei sozialer Stress. Er resultiere aus dem Zusammenleben von Menschen auf begrenztem Raum, so Adli. Er entsteht aus der Gleichzeitigkeit von sozialer Dichte und sozialer Isolation. Das bedeutet: Wer sich sozial ausgeschlossen oder einsam fühlt, sich zusätzlich noch in einem überfüllten Raum aufhält und das Gefühl hat, seiner Umwelt ohne Kontrolle ausgeliefert zu sein, leide unter "Stadtstress". "Soziale Isolation erklärt mehr vorzeitige Todesfälle als Übergewicht oder Alkoholmissbrauch", sagt Adli. 

Der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli beschäftigt sich mit psychischer Gesundheit in der Stadt.

(Bild: Mazda Adli)

Warum ziehen trotzdem immer mehr – gerade junge Menschen – in die Großstadt?

Nach meinem Abitur wollte ich raus aus meinem Heimatdorf. Ich fühlte mich dort eingeengt. Dass sich alle kannten war zwar schön, aber auch anstrengend. Als ich einmal Müll aus der Garage nach draußen stellte, klingelte nur wenige Sekunden später das Telefon. Mein Nachbar meinte, ich sollte noch einmal nachsehen, ob ich wirklich alle gelben Säcke aus der Garage geholt hätte – normalerweise seien es mehr. Ich bedankte mich und legte mit einem seltsamen Gefühl auf. Ich fühlte mich beobachtet und bevormundet. 

Auch Adli sagt, dass es für junge Menschen oft besonders attraktiv sei, der sozialen Kontrolle auf dem Land zu entfliehen. Die Anonymität in der Stadt ermöglicht ihnen persönliche Entfaltung. 

Andererseits sei aber auch der Umgang jedes Menschen mit dieser Anonymität ausschlaggebend. Manchen Menschen setze sie mehr zu als anderen. Weil sie sich schwer damit tun, Kontakte zu knüpfen und mit der loseren Verbindungsstruktur umzugehen. 

Ich verstehe Adlis Bedenken. Die Anonymität der Großstadt kann schön sein, wenn man morgens verkatert in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause ist. Sie kann auch einsam machen. Damit es gar nicht erst so weit kommt, müsse man selbst aktiv dagegen vorgehen, empfielt der Stressforscher deshalb.  

Es ist wichtig, sich nach und nach ein gutes soziales Netzwerk aufzubauen.
Mazda Adli

Wer neu in einer großen Stadt sei, könne versuchen, sich die Stadt vertraut zu machen: die eigene Straße, die Nachbarn, die Geschäfte in der Nähe. Es helfe, dabei offen und kompromissbereit zu sein.

Ich war zwar froh über die vielen Möglichkeiten und Freiheiten der Großstadt, aber mir fehlte dort das dörfliche Gemeinschaftsgefühl. Ich stellte fest: Meine Sehnsucht nach dem Dorf ist eine Sehnsucht nach Zusammenleben. Weg von der Anonymität der Großstadt hin zu einem Gefühl von Gemeinschaft. 

Meine Stadt, mein Dorf.

In Hamburg musste ich meine Idee von Zuhause, von Heimat und Nachbarschaft erst einmal neu überdenken. Aus einem kleinen Mehrfamilienhaus in meiner Uni-Stadt, in dem ich alle Nachbarinnen und Nachbarn kannte, zog ich in ein Haus mit vier Mal so vielen Wohnungen – in denen ich niemanden kannte. 

Die Anonymität der Großstadt ärgerte mich. Ich wollte nicht allein sein, sondern wissen, mit wem ich zusammenlebe und mich zugehörig fühlen.

Irgendwann beschloss ich, ab sofort jeden, der mir im Treppenhaus oder in der Nähe der Wohnungstür entgegenkam, konsequent zu grüßen und mich vorzustellen – sobald ich sicher war, dass wir beide im selben Haus wohnen. Nur eine Woche später lieh sich die WG von gegenüber einen Korkenzieher. Und zu Weihnachten bekam ich Schokolade von der Nachbarin über mir geschenkt.

Der Psychiater Adli ist der Meinung, dass es jungen Menschen leichter falle, sich in den wachsenden Städten zurechtzufinden als älteren. Das habe vor allem mit der höheren digitalen Kompetenz zu tun. 

Heute ist das Smartphone ein Zugang, sich die Stadt zu erobern.
Mazda Adli
(Bild: Foursquare Swarm/giphy)

Mit unterschiedlichen Apps könne man die Stadt in ein Netzwerk zerlegen: Wo ist das nächste Geschäft? Welcher Friseur hat gerade noch offen? Und wo sind die nächsten Flirtmöglichkeiten? Das helfe dabei, sich eine Stadt besonders schnell zu erschließen.

Die Urbanisierung ist eine der wesentlichen Veränderungen, der die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten ausgesetzt sein wird.
Mazda Adli

Wenn das Leben in der Stadt das Risiko für stressbedingte psychische Erkrankungen erhöht, stehen wir also als Gesellschaft vor einer großen Herausforderung: "Wir müssen dafür sorgen, dass der soziale Zusammenhalt in den Städten gepflegt wird", sagt Adli. Dazu gehören gute Nachbarschaftsstrukturen aber auch eine Stadt, die dazu einlädt, sie zu entdecken und auf die Straße zu gehen. Eine aktive Streetlife-Kultur, die Menschen an öffentlichen Plätzen zusammenbringt. 

Man kriegt das Kind aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Kind.

Das Gemeinschaftsgefühl meines beschaulichen Heimatdorfs finde ich in Hamburg mittlerweile in dem kleinen Kiosk gegenüber meiner Wohnung, in dem mich der Besitzer schon so gut kennt, dass er mich mit Namen grüßt. In dem Café nebenan, wo ich den Kuchen auf einem Teller mit in meine Wohnung nehme, wenn alle Tische besetzt sind. Mein "Dorf"-Konstrukt wächst nicht nur an den Rändern meiner Straße. Meine selbst erschaffenen Dorfstrukturen sind durch U-Bahn-Stationen miteinander verbunden.

Mein "Dorfzentrum" liegt in der Sternschanze und St. Pauli. Dort treffen sich alle meine Freunde, dort verbringen wir die meisten unserer gemeinsamen Abende und Wochenenden. Wir haben unsere Lieblings-Kneipen und treffen andere Freunde auf dem Weg zur nächsten Bar. Wir plaudern auf den Straßen und fühlen uns Zuhause. 

Genau damit bediene ich das Klischee der jungen Frau, die vom Land in die Stadt gezogen ist, perfekt. Und bin Teil des Problems, mit dem sich die Landbevölkerung konfrontiert sieht. 

Denn während die Versorgung durch den Einzelhandel im ländlichen Raum zurückgeht, konzentrieren sich Unternehmen auf betriebwirtschaftlich sinnvollere Standorte: die Städte (Nahversorgt). 

Malte Obal ist Diplom-Ökonom und Fachmann für zukunftsfähige Nahversorgungsstrukturen in ländlichen Räumen. Er sagt: Es gibt immer weniger Einzelhandel auf dem Land, was dazu führt, dass die Landflucht immer stärker wird – und der Einzelhandel noch weiter zurückgeht. Dabei würden auf dem Land die Bäckereien oder das Wartezimmer der Arztpraxis immer häufiger die Funktion von Orten der Begnung erfüllen. "Ziehen sich auch diese Infrastrukturen zurück, wächst das Gefühl des Abgehängtseins. Wer kann, zieht fort", sagt er. 

Aber warum verschwindet der Einzelhandel auf dem Land? Lebensmittelmärkte benötigen einen Einzugsbereich, der ausreichend Potenzial verspricht. Nur so entsteht für sie langfristig wirtschaftlicher Erfolg. "Während die Bevölkerungszahl einzelner Dörfer in den peripheren ländlichen Regionen häufig kaum mehr als 300 bis 800 Personen umfasst, leben allein im 'hippen' Karolinenviertel des Hamburger Stadtteils St. Pauli rund 4000 Menschen", erklärt Obal. 

Aber auch die Altersstruktur der Bevölkerung in größeren Städten unterscheide sich deutlich von der kleiner Kommunen. "Neue Konzepte wie Bio-Märkte, Unverpackt-Läden oder Vegan-Stores entstehen zumeist dort, wo Standorte über eine zahlenmäßig ausreichende Klientel verfügen." Und die seien eben in jungen und wachsenden Stadtteilen Hamburgs wie Altona oder St. Pauli eher zu finden, als in den Dörfern der Eifel, des Harz-Kreises oder der Uckermark, sagt Obal.

Und wer geht, nimmt vielleicht mehr mit, als er glaubt.

Dass ich mir mein Dorf in die Stadt hole, bedeutet also nicht nur, dass ich mir hier meine eigenen Strukturen und meine Idee von Heimat und Zuhause neu erschließe. Sondern in gewisser Weise auch, dass ich tatsächlich dafür verantwortlich bin, dass ich auch das, was mein Dorf zu meinem Zuhause gemacht hat, in die Stadt hole: die Gemeinschaft. Das Dorffest, mit dem ich aufgewachsen bin, wird seit zwei Jahren nicht mehr gefeiert, weil es nicht genug junge Leute gibt, die es organisieren. In der kleinen Bäckerei in der Dorfmitte steht jeden Vormittag ein halbes Dutzend ältere Herren um einen eizigen winzigen Stehtisch, weil es sonst keinen Ort gibt, an dem sie sich treffen können.

Die ländlichen Regionen stehen vielleicht vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie große Städte – die Gemeinschaft zu erhalten.

Wir müssen die Strukturen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land ändern, damit alle Menschen an einem Gefühl der Gemeinschaft teilhaben können. Von mir selbst kann ich aber sagen: Es ist die innere Einstellung und der Wille, aktiv zu werden, die dafür sorgen, dass wir uns Zuhause fühlen. Egal, wo wir in Zukunft leben.


Gerechtigkeit

Nadjas Bruder kämpfte für den IS – jetzt will sie seine kleinen Söhne aus Syrien retten
Wie sie und andere dafür kämpfen, IS-Angehörige nach Deutschland zurückzuholen.

Manchmal träumt Danisch einen besonders bösen Tagtraum. Darin steht ein gesichtsloser Bundestagsabgeordneter in einem Flüchtlingslager in Syrien. Dieser müsse dabei zusehen, wie ein Kind stirbt. "Hier, sieh zu wie das Kind verreckt", sagt Danisch bitter. Doch der Tod ist kein gewaltsamer. Das Kind verhungert über mehrere Monate, siecht vor sich hin, verliert jede Kraft. "Und der Politiker muss dann daneben stehen und die ganze Zeit zuschauen." 

So erzählt es Danisch. Und so malt er sich aus, wie die Wirklichkeit für seine Tochter Aaliya wohl gerade aussieht – nur, dass kein Politiker und keine Politikerin aus Deutschland an ihrer Seite steht. 

Aaliya wurde von der Mutter nach Syrien verschleppt, da war sie gerade drei Jahre alt. Heute, fünf Jahre später, kämpft er immer noch darum, seine Tochter aus dem Kriegsgebiet zu holen.

Danisch Farooqi sitzt in einem Straßencafé in Hamburg, es ist einer der heißesten Tage des Jahres. Junge Frauen in Hotpants und Miniröcken spazieren an seinem Tisch vorbei, eine Kellnerin bringt eine Cola frisch aus dem Kühlschrank. Danisch erzählt davon, wie es ist, wenn die eigene Tochter im syrischen Bürgerkrieg verschollen ist.

Der Hamburger war 30 Jahre alt, als Aaliya geboren wurde. Heute ist er 38, seine Tochter hat er seit ihrer "Entführung", wie er es nennt, weder gesehen noch gesprochen.