Liegt's an der gebügelten Wäsche? Dem Essen?

Im Regal stehen ein Pokal vom Beer-Pong-Turnier, Bayern-München-Fanartikel und ein paar Flaschen Alkohol. Daneben steht ein 90-Zentimeter breites Bett, ein Schreibtisch, ein Window-Color-Bild am Fenster. Auf diesen zwölf Quadrametern wohnt der 28-jährige Tom im Haus seiner Eltern in einem Dorf in Niedersachsen. Tom arbeitet als Elektriker. Eine eigene Wohnung hat er nicht. 

Warum auch? Bei seinen Eltern bekommt er alles, was er braucht. 

Tom und seine Familienmitglieder heißen eigentlich anders, wollen in dieser Geschichte aber anonym bleiben. 

Vermisst er nichts? Warum wohnt man mit 28 noch zu Hause?

Tom wohnt nicht allein mit seinen Eltern. Aus der Küche im Erdgeschoss dröhnen Stimmen, im Flur steht ein Foto der fünfköpfigen Familie auf einem Beistelltisch. Tom hat zwei kleine Brüder, Benedikt und Raphael, 25 und 23 Jahre alt. 

Die Tage laufen hier im Haus meist gleich ab: Nach der Arbeit trinken alle zusammen Kaffee, um 18 Uhr gibt es Abendessen

"Wir wollen mindestens eine Mahlzeit am Tag haben, bei der wir zusammensitzen. Wir erzählen von unserem Tag oder sprechen über anstehende Probleme", sagt Toms Mutter Gisela. Wenn es Probleme gebe, würden diese am Tisch mit allen ausdiskutiert.

Tom denke nicht dran, auszuziehen. "Es ist doch super bequem hier", sagt er. 

Männer wohnen länger zu Hause als Frauen: 68 Prozent der Männer zwischen 18 und 24 Jahren lebten 2015 noch zu Hause, mit 25 Jahren taten es noch 34 Prozent, mit 30 Jahren noch zwölf Prozent. Bei den Frauen sind es weniger: 56 Prozent der  18- bis 24-Jährigen lebten 2015 noch zu Hause. (Spiegel Online

Männer zogen 2017 durchschnittlich mit 24,4 Jahren aus, Frauen früher: mit 22,9 Jahren. (Statista)

Außerdem gilt: Je größer der Wohnort, desto geringer der Anteil der Nesthocker (Nationalatlas). Auf dem Land ziehen die Menschen später aus als in der Stadt. Dort ist es nicht ungewöhnlich, wie Tom mit Ende 20 noch bei den Eltern zu wohnen. 

Nicht einmal um den Zahnarzt muss Tom sich kümmern. Seine Mutter macht für die ganze Familie Termine, sein Papa Heinz fährt Tom und seine Brüder hin."Wir machen das so als Familie, seit ich klein bin", sagt Tom. 

Er hatte noch keine feste Freundin, keine Affären, keine Dates. Während er das erzählt, stochert er in seinem Stück Apfelkuchen herum. "Die Frauen reagieren komisch, wenn ich ihnen erzähle, dass ich noch zu Hause wohne. Sie sind irgendwie abweisender und reden weniger."

Trotzdem glaubt er nicht, dass das der Grund dafür ist, dass er keine Freundin findet

Seine Brüder haben ebenfalls keine Partnerin. Benedikt brachte mal eine Frau mit nach Hause. "Die Mädels wären bei uns immer willkommen. Nur wenn es jedes Wochenende eine andere Frau wäre, würde ich mal etwas sagen", sagt Toms Mutter. 

Für seine Eltern ist es selbstverständlich, sich um ihre Söhne zu kümmern. Auch, wenn die dafür eigentlich zu alt sind. Als Gisela und Heinz ihren ersten Sohn bekamen, verließen sie ihren Kegelverein, um mehr Zeit für die Familie zu haben. "Bei unseren Eltern war das früher nicht anders", sagt Heinz. 

Heinz will seine Söhne unterstützen, so gut es geht. "Und wenn das heißt, dass meine Frau und ich kochen und putzen, dann ist das so. Toms Arbeit ist etwa 45 Kilometer entfernt, da verstehe ich, dass er abends keine Lust mehr hat, den Haushalt zu machen." 

Braucht er auch nicht. Wenn Tom abends nach Hause kommt, ist nicht nur der Kühlschrank gefüllt, sondern auch sein Kleiderschrank – mit frisch gebügelter Wäsche.

Das Nesthocker-Dasein hat nur Vorteile für Tom, warum also etwas ändern?

Zum Beispiel wegen Kleinigkeiten wie dem Sonntagmorgen. Wenn Tom seinen Rausch vom Partyabend einfach gerne ausschlafen würde, zerrt sein Vater ihn um halb zwölf Mittags an den Esstisch. Das wäre anders, würde Tom alleine wohnen. "Dann könnte ich einfach im Bett liegen bleiben und ausnüchtern."

Manchmal, da fühlt Tom sich unselbstständig. "Ich habe noch nie eine Stromrechnung bezahlt und kann gerade mal ein paar Gerichte kochen", sagt er.

Seine Eltern sorgen sich um ihn, als wäre er 15, nicht 28. Wenn er am Abend das Haus verlässt, sagen sie "Pass auf dich auf" und "Trink nicht so viel". 

Während Tom dann mit seinen Kumpels einen Kurzen nach dem anderen trinkt, liegt seine Mutter oft wach im Bett. "Ich höre Autos vorbeifahren und denke: schon wieder vorbeigefahren. Ich hoffe dann einfach, dass es meinen Jungs gut geht", sagt Gisela. Sie weiß, dass sie sich weniger Sorgen machen würde, wenn ihre Kinder nicht mehr zu Hause wohnen würden. Allein schon, weil sie nicht immer genau wüsste, was sie gerade machen. 

Es gibt Gründe für den Auszug. Nur die, die dagegen sprechen, überzeugen Tom eben mehr. 

Zum Beispiel das Geld. Leisten könnte sich der ausgelernte Elektriker eine kleine Mietwohnung. Er will nicht. "Ich sehe es nicht ein, mir eine Mietwohnung zu nehmen und für etwas zu zahlen, das nicht mir gehört", sagt er. Lieber spare er, um damit später ein eigenes Haus zu bauen. Dafür wartet er aber noch auf die richtige Frau. "Nachher gefällt ihr nicht, was ich baue", sagt Tom.

Toms Freunde sind keine Nesthocker. Bis auf einen Kumpel sind alle ausgezogen, heiraten und bauen Häuser. Wenn die Jungs nach dem Fußballtraining zusammensitzen, wird nur selten über Toms Situation gesprochen. "Ab und zu kommt ein leises 'Du könntest wohl mal... ', das wars dann aber auch", sagt Tom. 

Er schäme sich nicht, sagt er. Er genieße die Zeit mit seiner Familie. 

In zwei Jahren soll das Leben im Hotel-Mama für Tom vorbei sein. Zumindest, wenn es nach seiner Mutter geht. "Ich habe immer gesagt, dass sie mit 30 langsam mal ausziehen könnten. Damit sie erfahren wie es ist, sich alleine zu kümmern", sagt Gisela.

Langsam mal. Tom schweigt


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