Bild: Imago
Wir kommen schon an – jeder an seinem Ziel.

Nach einem Sonntagnachmittag auf Instagram ist meine Laune im Keller: Schöne Menschen essen Acai-Smoothie-Bowls, sie drehen Filme in Goa und treffen berühmte Menschen auf der Berlinale. Sie halten Händchen mit ihrer #loveoftheirlife, vor pastellfarbenen Wänden, im wahrgewordenen Pinterest-Traum.

Ich sitze in meinem WG-Zimmer, Zwischenmiete, auf einem Bett, das nicht mal mir gehört. Statt an Super-Food knabbere ich an der letzten Job-Absage. Und die Liebe meines Lebens ist leider auch nicht in Sichtweite. Ich hätte jetzt gern einen Filter für mein #reallife.

Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich mit anderen vergleiche und mich selbst dabei klein mache. 

Warum tue ich mir das überhaupt an? Warum lassen wir das nicht einfach?

Ich sage: Scheißt auf den Vergleich!

Aber so leicht ist das leider nicht. "Der Vergleich mit anderen fördert unsere Entwicklung und liefert Informationen über unseren Platz in der Welt", erklärt mir Vera King, Professorin für Sozialpsychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Wir lernen dieses Verhalten von klein auf – weil es uns hilft.

Wir müssen uns vergleichen, um uns in der Welt zurecht zu finden.

Dieser Instagram-Account zeigt die Realität hinter den schönen Bildern:

Nur, dass die Grenze zwischen hilfreicher Orientierung und lähmender Frustration fließend sind. "Es gibt schon länger einen Selbstoptimierungswahn. Das Sich-Vergleichen kann in diesem Zusammenhang ein gesundes Maß überschreiten", so die Sozialpsychologin. 

Ich kann im Spiegel des anderen wachsen – oder zusammensacken, wie ein geleertes Versprechen. Aus Orientierung wird Neid. Aus Neid Frust.

Aber halt! Auch Neid kann ja gut sein. Wollen wir etwas, das jemand anderes hat, können zwei Dinge passieren: Entweder wir nehmen uns die Person zum Vorbild und strengen uns umso mehr an. Oder wir fangen an, unsere eigenen Fähigkeiten infrage zu stellen – und geben auf. 

(Bild: Unsplash)

Manchmal kämpfe ich mit dem Gefühl, meine Freunde hätten ihr Leben besser im Griff. Mit Anfang 20 wohnten wir alle in WGs, beugten uns gestresst über Klausuren und Hausarbeiten und zogen in den Ferien um die Welt. Wir liebten und litten, zusammen. 

Seit einiger Zeit geht der Fächer auf und die ganze Bandbreite an Lebenskonzepten kommt zum Vorschein: Das kreative Künstlerleben, die eigene Sendung, das Regie-Debüt. Die Eigentumswohnung inklusive Kinderplanung. Der 60-Stunden-Job im Büro mit glänzendem Geschäftsauto und steilem Karriereplan

Und ich? Fahre immer noch mit meinem klapprigen Damenrad abends zur Barschicht. 

Weil das Schreiben noch nicht zum Leben reicht, und auch die vielen Ofenkartoffeln mich nicht davor wahren, jeden Monat mein Dispo auszureizen.

Neid ist anstrengend, aber er bringt uns auch weiter:

Die Wirtschaftswissenschaftler Andres Clark und Claudia Senik fanden 2010 in einer europaweiten Studie heraus: Je mehr Menschen ihr Einkommen mit dem ihrer Freunde und Kollegen maßen, desto unzufriedener waren sie mit ihrem eigenen Leben – und je geringer das Einkommen, desto größer war diese Unzufriedenheit. (The economic Journal)

Was wir dabei vergessen, ist, dass wir uns vielleicht in die gleiche Richtung bewegen – erwachsen, erfolgreich, glücklich werden – aber in unterschiedlicher Geschwindigkeit, auf unterschiedlichen Wegen, mit unterschiedlichen Eigenschaften. Dass wir zwar alle ankommen wollen, aber das Ziel doch für jeden woanders liegt.

Anstatt auf unsere bisherigen Erfolge stolz zu sein, schielen wir ständig auf den Nachbarteller. 

Laut einer Studie der Stanford University in Kalifornien überschätzen wir das Leben der anderen systematisch – vor allem, wenn wir die Menschen nur flüchtig kennen. Soziale Medien verstärken diesen Irrglauben und können uns nachweislich richtig miese Laune machen.

Obwohl ich das weiß und obwohl ich weiß, dass nur die glorreichen und aufregenden Momente in unserer Chronik Platz haben, kann ich einfach nicht anders: Hat jemand über 1000 Facebook-Freunde oder Follower auf Instagram, beeindruckt mich das. Und ich fühle mich langweilig und unbeliebt.

(Bild: Giphy )

Um mitzuhalten, posten wir selbst nur die schönsten Urlaubsfotos, teilen das Lob unserer Lauf-App auf Facebook und inszenieren schnell eine Insta-Story, wenn wir dann doch mal schick essen gehen. Wir sammeln Likes und Herzen und hoffen, sie in Selbstwertgefühl eintauschen zu können. Nur: Lange hält das nie.

Was den Vergleich so toxisch macht, ist der Wettbewerbsgedanke. Als gäbe es nur ein Ziel, als könnte nur einer gewinnen. Wir sehen nicht mehr, woher der andere kommt und wohin er will, sondern nur, ob er in diesem Moment vor oder hinter uns läuft.

Aber: Erstens gibt es nicht nur eine richtige Antwort und zweitens heißt Gleichziehen nur gleich sein – und wer will das schon?!

Stattdessen sollten wir öfter mal stolz sein auf das, was wir alles erreicht haben – und dankbar für das, was wir schon erleben durften.

Ich bin stolz auf einen guten Studienabschluss, auch wenn Theaterwissenschaft nicht die Welt retten wird. Ich bin stolz, dass ich eigene Wünsche und Ziele habe und dafür so einiges an Unsicherheit auf mich nehme. Ich bin stolz, dass ich mich traue, meinen eigenen Weg zu gehen.

Ich liebe meine ungeregelten Arbeitszeiten, denn ich schlafe gern länger. Und ich liebe mein königsblaues Damenrad. Es heißt Liselotte und jetzt mache ich mich damit wieder auf den Weg, die Kartoffeln im Rucksack. Vielleicht brauche ich etwas länger, aber ich komme schon an. 

Wir kommen alle schon an. Jeder an seinem Ziel. 


Gerechtigkeit

Künftige Regierung: Sigmar Gabriel ist raus

Sigmar Gabriel wird in der neuen Bundesregierung keine Rolle mehr spielen. Das teilte der ehemalige SPD-Chef am Donnerstag in einem Statement mit. Bislang war unklar, ob er den Posten als Außenminister bekommt. 

Nun hätten ihn Andrea Nahles und Olaf Scholz – die neue SPD-Spitze – informiert, dass er keinen Ministerposten bekommen wird, schreibt Gabriel.