Dabei reden wir sonst über fast alles.

Ich mag vor meinen engsten Bezugspersonen keine (großen) Geheimnisse haben. Deshalb wissen meine Partner, meine Freunde und meine Schwester über meine Arbeit als Sexdienstleisterin Bescheid. Nur meine Eltern nicht.

Der Grund? Ich habe Angst vor einer reflexartigen Verurteilung. Und ich bin nicht sicher, ob das Vertrauen meiner Eltern in mich ein ausreichendes Gegengewicht zum miserablen Stand von Prostitution in unserer Gesellschaft bildet.

Für mich persönlich hat Sexarbeit nichts Ehrenrühriges – ich fühle mich weder beschmutzt, noch beschämt, noch habe ich das Gefühl, meinen Körper oder gar meine Seele zu verkaufen. Vielen Prostituierten in weniger glücklichen Lebens- und Arbeitsumständen geht das leider ganz anders.

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Opfer von Ausbeutung und Missbrauch äußern sich immer wieder in den Medien. Wenn aber Frauen wie ich über das sprechen, was wir Sexarbeit nennen, nehmen es uns die meisten übel – oder sind zumindest irritiert.

Die gängige Reaktion:

  • Entweder wir sind privilegiert und haben deshalb keine Ahnung von der echten Welt.
  • Oder wir verdrängen, wie schlecht es uns geht.

Deswegen haben mich die Facebook-Kommentare unter meinen ersten beiden Kolumnen (hier und hier) nicht überrascht: Ich wäre eine erfundene Person, eine Borderlinerin, missbraucht worden oder nicht repräsentativ.

Über unsere neue Kolumnistin Eva

Bücherwurm, Sonnenanbeterin, Kind der 90er. Lebt und liebt in polyamoren Beziehungen. Neben ihrem Hauptberuf arbeitet sie in Teilzeit als selbstständige Sexarbeiterin. Wie sie sich dabei fühlt und was sie so erlebt, ist das Thema ihrer Sexkolumne.

Das Problem: Es ist alles nicht so einfach und offensichtlich.

Bei einem Großteil der Frauen in der deutschen Sexarbeit handelt es sich um Migrantinnen. Viele Sexworker – egal, ob sie aus dem Ausland oder aus Deutschland kommen – wollen der Armut entkommen. Manchen gelingt das. Andere rutschen ab, manchmal finanziell, manchmal psychisch, manchmal beides.

Manche Frauen sehen keine Alternative zur Prostitution. Für manche ist Prostitution das geringere Übel. Andere werden von ihrem späteren Zuhälter, ihrem "Beschützer", in die Prostitution gelockt. Wieder andere sehen die Arbeit als Chance: Wo sonst würden sie so schnell verdienen – ohne spezielle Ausbildung?

Viele Sexworker wollen der Armut entkommen

Was ich höchst problematisch finde: In der öffentlichen Diskussion verschmelzen Menschenhandel und Prostitution. Viele Menschen wollen uns alle pauschal retten und beschützen – ohne die individuelle Motivation und Situation zu kennen. Das erschwert einen offenen Umgang mit negativen wie positiven Erfahrungen.

Mein persönliches Umfeld macht sich glücklicherweise nicht allzu viel aus Konventionen. Meine Arbeit erschreckt meine Freunde nicht, aber sie sind interessiert und fasziniert.

Immer wieder bekomme ich neugierige Nachfragen: von "Und wie läuft so ein Date ab?", über "Macht es dir was aus, wenn die Kunden älter sind als du?" – bis hin zu: "Erzähl mir alles!". Oder sie sagen einfach: "Das ist ja mal was anderes!"

Meine Freunde aus Grundschulzeiten, die heute in einer Doppelhaushälfte leben, mit Partner und Kindern, sorgten sich anfangs: "Bist du dir sicher, dass du das machen willst?"

Meinen Partnern und Partnerinnen war wichtig, dass es mir gut geht und ich auf mich aufpasse, moralisch hatte keiner von ihnen irgendein Problem damit. Sie ermutigen mich generell dazu, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und sind für mich da, wenn ich Hilfe oder Unterstützung brauche.

Letztlich trauen mir alle Eingeweihten zu, dass ich selbst entscheiden kann, was ich tue oder lasse. So zumindest mein Eindruck.

Und meine Eltern?

Mittlerweile arbeite ich seit mehr als vier Jahren mal mehr und mal weniger in Teilzeit als Sexarbeiterin. Nur ihnen habe ich bisher nichts erzählt. Dabei reden wir sonst über fast alles.

"Bist du dir sicher, dass du das machen willst?"

Mit meinem Vater streite ich leidenschaftlich über Politik. Meine Mutter merkt sich die Namen aller Beteiligten aus den verschiedenen polyamoren Netzwerken um mich herum und packt mir schon mal Kuchenstücke für die Frau des Geliebten der Freundin meines Freundes mit ein.

Wir diskutieren zwar immer mal wieder über die Gefahren der Eifersucht, den Sinn und Unsinn von Polyamorie und die Essenz der wahren Liebe. Letztlich betrachten sie mein Liebesleben aber gelassen – auch wenn sie nicht immer begeistert oder überzeugt sind von meiner Wahl.

Trotzdem konnte ich mir bisher immer sicher sein, dass sie hinter mir stehen – egal welche Entscheidungen ich bisher getroffen habe: "Wenn du glücklich bist, sind wir es auch!"

Würden sie auch diese Entscheidung nachvollziehen können? Würden sie im ersten Moment auch nur die beiden Pole sehen: "reich, dauergeil, macht das nur zum Spaß" und "von Armut bedroht, hat keine Alternative, hasst alle Männer"?

Vielleicht finde ich den Mut, sie auf diese Kolumne aufmerksam zu machen.

Dann würde ich sie daran erinnern, dass ich auch in meinem Bürojob manche Dinge nur tue, weil ich sie tun muss, weil ich dafür bezahlt werde. Die Telefonkonferenzen am Vormittag zum Beispiel. BH tragen. Neun Stunden arbeiten.

Auch in meinem Nebenjob gefällt mir nicht immer alles. Aber dazu mehr in der nächsten Kolumne.

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