Unsere neue Sex-Kolumnistin hat zwei Jobs: einen bürgerlichen und einen gesellschaftlich verpönten.

Ich bin nebenberuflich Sexarbeiterin. Ich weiß, klingt erst mal krass. Nein, einen Zuhälter habe ich keinen. Ja, mein Freundeskreis, meine Familie und meine Lebensgefährten wissen Bescheid. Nein, ich bin nicht drogenabhängig. Ja, klar zahle ich Steuern. Nein, ich habe kein Problem mit mir selbst oder den Kunden oder der Arbeit an sich. Ja, ich mache das schon länger.

Nach den ersten Fragen zum Wesentlichen: Wie stehe ich dazu? Ich sehe mich als Dienstleisterin. Sowohl in meinem "bürgerlichen" Hauptberuf, als auch in meinem gesellschaftlich verpönten Nebenjob mache ich Menschen zufrieden. Dabei genieße ich regelmäßig eine gut bezahlte und manchmal ganz schön aufregende Abwechslung vom Büroalltag.

Über unsere neue Kolumnistin Eva

Bücherwurm, Sonnenanbeterin, Kind der 90er. Lebt und liebt in polyamoren Beziehungen. Neben ihrem Hauptberuf arbeitet sie in Teilzeit als selbstständige Sexarbeiterin. Wie sie sich dabei fühlt und was sie so erlebt, ist das Thema ihrer Sexkolumne.

Aber von Anfang an: Die Idee, selbst Sex gegen Geld anzubieten, kam mir vor ein paar Jahren an einem ganz gewöhnlichen Abend nach der Uni (ja, die habe ich erfolgreich abgeschlossen).

Ich surfte im Internet und wurde über einen Artikel zum Thema Ungewöhnliche Nebenjobs auf den Blog einer Amerikanerin aufmerksam: Sie bezeichnete sich selbst als Kurtisane und ließ sich ihre Zeit und erotischen Dienste teuer bezahlen.

In ihren Texten trat sie aktiv für die Rechte von Sexworkern ein, ich las Beiträge über Sexualität, Feminismus, Konsens und das Recht auf die Kommerzialisierung des eigenen Körpers. Ein seit Jahrzehnten heftig umkämpfter Diskurs, der mir persönlich bis dahin völlig unbekannt war.

Sexkolumnen auf bento:
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Ich war neugierig, las mich mehr in das Thema ein, ich sprach mit Freundinnen und meiner großen Schwester darüber.

Ich hatte bis dahin in meinem Leben Kontakt zu allen möglichen Liebes- und Lebensentwürfen und ging mit offenen Augen durch die Welt. Mein Verhältnis zu meinem Körper war positiv und entspannt – nachdem ich die Teenagerzeit überstanden hatte.

Keine nackten Brüste, keine blöden Sprüche, faire Konditionen

Mir gefiel die Aussicht auf einen finanziellen Zuverdienst. Außerdem hatte ich mir schon länger angewöhnt, darauf zu scheißen, was die Gesellschaft von mir denken könnte.

Ich googelte eine Weile Escort-Dienste, informierte mich in Sexworker-Foren und bewarb mich schließlich bei einer kleinen Agentur, deren Webauftritt meinen Auswahlkriterien entsprach: keine nackten Brüste, keine blöden Sprüche, angenehme Ansprache der Gäste, faire Konditionen, Anonymität für mich, Transparenz und Sicherheitsnetz von Seiten meines Arbeitgebers.

Ich bewarb mich schriftlich und schickte zusätzlich ein Foto von mir aus dem letzten Sommerurlaub, die Haare verdeckten darauf mein Gesicht.

Eine Woche später traf ich mich auf einen Kaffee mit der Agentur-Chefin. Sie beantwortete so herzlich und gelassen meine zahlreichen Nachfragen zu dem Verhalten von Kunden, dem ungefähren Ablauf eines Dates und rechtlichen Bedenken, dass ich mich für eine Zusammenarbeit entschied.

Kurz darauf lichtete mich ein befreundeter Mode-Fotograf in meinen schicksten Klamotten ab. Klassische erotische Posen. "Dreh die Wade ein wenig mehr nach links! Mach das noch mal mit dem Mund! Stop – bleib genau so!"

Stop – bleib genau so!

Dann waren auch schon die vorher anonymisierten Fotos und ein freundlicher Text über mich ("Mit Witz, Charme und bezauberndem Lächeln verführt dich diese ganz besondere junge Frau dazu, ganz unkompliziert die schönsten Seiten des Lebens gemeinsam mit ihr zu genießen") auf der Agentur-Homepage hochgeladen.

Es wäre untertrieben zu sagen, dass ich anlässlich meiner ersten Buchungsanfrage ("Dein Text hat bei mir genau ins Schwarze getroffen und dein freches Lachen hat auch seinen Teil dazu getan! Gerne würde ich – gepflegt, humorvoll, 45 – dich persönlich kennenlernen... ") etwas nervös wurde.

Mein Kleiderschrank war im Wohnzimmer unserer WG explodiert. Die schwarzen Strümpfe, die ich mir extra gekauft hatte, dazu der spitzenbesetzte Strumpfhalter, den ich noch nie getragen hatte. Der rote Lippenstift hielt bombenfest – aber leider auf meinen Fingern. Ich verwickelte mich mehrmals in dem seidenen Unterrock des Elegant-aber-sexy-Kleids aus dem Edelboutique-Ausverkauf.

Schließlich fand ich mich so attraktiv wie das im nervlichen Ausnahmezustand möglich war und las noch fünf bis 20 Mal die SMS mit der Anschrift eines der teuersten Hotels der Stadt und der Zimmernummer des Mannes, den ich in weniger als einer Stunde das erste Mal treffen würde.

Im Hinterkopf hatte ich die Sicherheitstipps: Vor und nach dem Date sollte ich die Agentur anrufen, immer meine Tasche mit ins Bad nehmen, Alkohol meiden, unter keinen Umständen fesseln oder Augen verbinden lassen, einen fremden Vornamen verwenden, Kondome und Gleitgel.

Ich war gespannt, was mich erwarten würde.


Wie geht's weiter? Die nächste Kolumne von Eva erscheint in der kommenden Woche auf bento.

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Trip

Die Bahn wollte den neuen ICE im Livestream begrüßen, doch er kam einfach nicht
"In wenigen Sekunden wird der ICE hier einfahren..."

Die Deutsche Bahn ist mächtig stolz – auf ihren neuen ICE 4. Am Mittwoch wurde der Zug vorgestellt, zur Feier des Tages gab es sogar einen Facebook-Livestream vom Berliner Hauptbahnhof. Dort sollte der Zug feierlich einfahren. "In wenigen Sekunden" sei es bereits soweit, verkündete der sichtbar aufgeregte Bahn-Reporter. Selten vergingen Sekunden so langsam.

Denn bis der Zug (nicht) ins Video rollte, vergingen noch qualvolle Minuten, in denen viel von der "Mobilität der Zukunft", ergonomischen Sitzen und dem "Rückgrat des Fernverkehrs" gesprochen wurde – sicherlich nur Zufall, dass das wie Zitate aus der Pressemitteilung von Erbauer Siemens klang: