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Laut einer Umfrage hat jede dritte Frau wegen Zuwanderern mehr Angst.
"Jede dritte Frau fühlt sich in den letzten zwei Jahren infolge der Zuwanderung zunehmend unsicherer. 62 Prozent aller Frauen meiden abends bestimmte Straßen, Parks oder Plätze. Ein Drittel tut das nach eigenen Angaben seit zwei Jahren häufiger."

Der AfD-Politiker Björn Höcke nimmt diese neue Umfrage als Beleg dafür, dass Frauen Opfer von "Merkels wahnhafter Einwanderungspolitik" sind. Sicherheit sei für deutsche Frauen nicht mehr selbstverständlich, behauptet er. (Björn Höcke auf Facebook)

Kann das sein? Die Kollegen und ich sind irritiert. Für mich persönlich scheint Deutschland nicht gefährlicher zu sein als vor zehn Jahren, als ich mit meinen Freunden zum ersten Mal in die Disco ging. Furchtlos fuhren wir mit dem Fahrrad durch die Dunkelheit nach Hause. Auch heute habe ich keine Angst.

Fühle ich mich zu sicher? Müssen Frauen in Deutschland Angst haben? Hat Björn Höcke Recht?

Ich rufe beim Forschungsinstitut Infratest Dimap in Berlin an, um mehr über die Umfrage herauszufinden. Infratest Dimap hat die Umfrage im Auftrag des NDR durchgeführt. Ich möchte wissen, wie die Forscher vorgegangen sind und was genau sie gefragt haben.

Mit mehr als 1000 Teilnehmern gilt die Befragung als repräsentativ. Das heißt: Wenn man die gesamte deutsche Bevölkerung befragen würde, wäre das Ergebnis ziemlich ähnlich. Befragt wurden nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Eine der zentralen Fragen lautete:

"Wenn Sie an die letzten zwei Jahre denken, in denen viele Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Fühlen Sie sich auf öffentlichen Plätzen, Straßen, in Parkanlagen oder auch in öffentlichen Verkehrsmitteln heute weniger sicher als vor zwei Jahren, sicherer oder hat sich da nicht so viel geändert?"

Schließen die Forscher durch die gezielte Frage nach Flüchtlingen andere Gründe für die Angst aus? Das frage ich Roberto Heinrich, der die Umfrage mit entwickelt hat. Er sagt: "Wir haben die Frage bewusst nicht noch direkter formuliert. Also: 'Fühlen Sie sich durch Flüchtlinge bedroht?' Insofern war die Frage sehr offen gestellt." (NDR, PDF-Datei)

Im Gegensatz zum AfD-Politiker Höcke findet der Forscher die Ergebnisse der Umfrage nicht schlimm. Im Gegenteil: Mehr als die Hälfte der Befragten hat keine konkrete Personengruppe im Kopf, von der sie sich in der Öffentlichkeit besonders bedroht fühlen.

Von denen, die sofort an eine bestimmte Personengruppe denken, nennt jeder Dritte Ausländer und Flüchtlinge. Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet heißt das: 15 Prozent nehmen Ausländer und Flüchtlinge als Bedrohung wahr.

Ich finde das ist sehr wenig. Die Umfrage zeigt gerade, wie wenig konkrete Angst Menschen vor Flüchtlingen und Ausländern haben.​
Roberto Heinrich, Infratest Dimap

Das Gespräch zeigt mir: Das Ergebnis einer Umfrage kann verschieden interpretiert werden.

Aber muss ich nun mehr Angst haben? Ich frage beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden, ob Deutschland weniger sicher ist. Die Sprecherin des Bundeskriminalamts, Marianne Falasch, sagt mir, dass die Zahl der erfassten Straftaten in Deutschland nur geringfügig angestiegen ist: Im Jahr 2014 wurden rund 5.926.000 Straftaten registriert. Ein Jahr später waren es rund 5.928.000.

Das klingt nicht besonders dramatisch. Es gibt aber doch einen starken Anstieg in der Statistik: Im Jahr 2015 wurde bei 206.201 aufgeklärten Straftaten mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger ermittelt. Verstöße gegen das Ausländerrecht nicht mit eingerechnet. Das ist eine Steigerung von 79 Prozent gegenüber dem Jahr 2014.

Allerdings ist der Anteil von Zuwanderern unter den Kriminellen immer noch gering: Er liegt bei 6,5 Prozent. (Dokument beim BKA)

In der Umfrage von NDR und Infratest Dimap gaben 42 Prozent der Frauen an, Angst davor zu haben, beklaut zu werden. Vor sexuellen Übergriffen fürchten sich 17 Prozent. Laut Bundeskriminalamt begehen kriminelle Zuwanderer am häufigsten Diebstahl: 83.496 Fälle im Jahr 2015. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gab es deutlich weniger: 1683.

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, ist trotzdem sehr gering. Eigentlich müsste niemand jetzt mehr Angst haben. Aber bei einigen ist nun mal Angst da – und damit müssen wir umgehen.

Ich glaube aber nicht, dass Menschen aufgrund ihres Passes oder ihrer Nationalität kriminell werden. Viele Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren aus dem Ausland zu uns kommen, sind traumatisiert. Viele warten monatelang auf eine Entscheidung, ob sie bleiben und wo sie leben dürfen. Wenn wir Kriminalität von Flüchtlingen vermeiden wollen, müssen wir uns besser um sie kümmern.

Eine weitere Zahl aus der Umfrage: 31 Prozent der befragten Frauen vermeiden abends öffentliche Verkehrsmittel.

Ich muss an die Aufnahmen der Überwachungskameras aus der Berliner U-Bahn denken: Im vergangenen Dezember hatte ein Mann einer Frau in den Rücken getreten. Sie stürzte die Treppe hinab und fiel aufs Gesicht. Bei dem Täter handelte es sich aber nicht um einen Flüchtling. (bento)

Sind öffentliche Verkehrsmittel gefährlich?

Ich frage bei Petra Reetz nach, Pressesprecherin bei der BVG. Sie beteuert, wie sicher die Berliner Verkehrsbetriebe seien: "Ich bin eine Frau, habe zwei Töchter, ich hatte noch nie Angst", sagt sie. Schließlich sei man gerade in Berlin nie alleine in einer Bahn.

Versuchen sie mal, nach Mitternacht einen Sitzplatz in der Bahn zu bekommen, wenn sie am Alexanderplatz einsteigen. Alles voll.
Petra Reetz, BVG

Überall gebe es Kameras, die Zahl der Straftaten in den BVG-Anlagen ginge zurück. Einziges Problem: Taschendiebstähle. Nur die würden zunehmen. Das allerdings europaweit, sagt Petra Reetz.

Ich muss also nicht mehr Angst haben. Aber was ist mit denen, die trotzdem Angst haben? Was können die tun?

Ich rufe bei Sung-Ho Kim an. Er betreibt einen Kampfsportgym in Hamburg und lehrt bei seinen Kursen auch Tipps zur Selbstverteidigung. Er sagt, wann immer die Medien vermehrt über einen Vorfall berichten, steigen bei ihm die Anfragen. So war es auch nach dem Berliner Vorfall. "In dieser Situation hätte auch der beste Verteidigungskünstler sich nicht helfen können", sagt Kim.

Die Menschen, die ihm schreiben, fragen nicht nur nach Selbstverteidigungskursen, sondern nach konkreten Tipps. "In den meisten Fällen hilft es, einfach wegzulaufen und nicht auf Konfrontation zu gehen", sagt Kim. Und zur Verteidigung helfen selbst Kugelschreiber, Deospray und ein Schlüssel in der Handtasche.

Kampfsport für mehr Selbstbewusstsein, das ist eine Möglichkeit, mit Angst umzugehen. Was man sonst noch tun kann, frage ich Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg. Seine Tipps:

  • Eine Methode mit der Angst umzugehen, ist zu begreifen, wie sie zustande kommt. Die Meisten haben ja persönlich keine schlechte Erfahrung mit Zugewanderten gemacht. Wir entwickeln ein großes Maß an Angst aufgrund der Berichterstattung in den Medien – Politiker bauschen Themen auf, wir reden im Freundeskreis darüber. Die Silvesternacht in Köln ist dafür ein Beispiel. Weil darüber viel berichtet wurde, steigt in der subjektiven Wahrnehmung die Angst und wir überschätzen die Häufigkeit, mit der solche Ereignisse vorkommen. Wenn man sich über diesen Mechanismus bewusst wird, mindert das unsere Angst.
  • Was auch helfen kann, ist, sich unserer Angst zu stellen. Das heißt, man könnte nachts allein um den Häuserblock gehen und am Ende feststellen: Es ist gar nichts passiert. Angst schränkt uns ein, unser Lebensraum wird kleiner und damit auch die Lebensqualität. Angst ist nicht nur schlimm für denjenigen, der sie hat. Sie ist auch schlimm für diejenigen, die die Angst auslösen. Wenn wir uns zum Beispiel in der Bahn nicht mehr neben Menschen setzen, die ausländisch aussehen, dann ist das eine Form der Diskriminierung. So etwas sollten wir vermeiden.
  • Man muss sich mit der Kriminalitätsstatistik beschäftigen: In den vergangenen zwei Jahren sind viele junge männliche Flüchtlinge zu uns gekommen. Man weiß, dass auch junge deutsche Männer im Gegensatz zu Frauen oder Alten eher Gesetze missachten. Wahrscheinlich unterscheiden sich Zuwanderer und deutsche junge Männer gar nicht so sehr. Außerdem tauchen in der Kriminalitätsstatistik Bagatelldelikte auf. Man weiß, dass in der Nähe von Erstaufnahmeeinrichtungen die Zahl der Schwarzfahrer steigt. Eine wirkliche Gefährdung bedeutet das für uns nicht. Auch das müssen wir uns vergegenwärtigen.

Nach meiner Recherche fühle ich mich nach wie vor sicher in Deutschland, so wie die Mehrheit der Frauen. Ich kann aber auch die verstehen, die mehr Angst haben – und ich hoffe, dass sie ihre Angst überwinden können.


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