Selfie Narzissmus Instagram
Bild: Antoine Beauvillain / Unsplash
Eine Paartherapeutin gibt Auskunft.

Den Begriff "Narzisst" hat jeder schon mal gehört. Man denkt dabei an einen Menschen, der am liebsten in den Spiegel schaut und mit teuren Dingen protzt. Er postet ständig Selfies auf Instagram, am liebsten aus dem Gym. Und er liebt niemanden so sehr wie sich selbst – weshalb eine Beziehung mit ihm nur scheitern kann.

Doch was macht Narzissten abseits dieser Vorurteile tatsächlich aus? Und werden sie in Zeiten von Instagram mehr?

Wir haben mit Paartherapeutin Andrea Bräu über Narzissmus und Beziehungen gesprochen.

Frau Bräu, woran erkenne ich einen Narzissten?

"Narzissmus hat viele Formen, aber meistens ist der 'grandiose' Narzissmus gemeint. Hier geht es um einen Menschen, bei dem sich alles um seinen Status und um Macht dreht. Er zeigt abwertendes Verhalten anderen gegenüber, ist geringschätzig, egoistisch. Er kann nicht mit Kritik umgehen und entschuldigt sich nie – denn er ist ja auch nie schuld, immer nur die anderen. Er zeigt keine Empathie. Wenn jemand ihm nicht mehr nutzt, dann lässt er ihn fallen.

Grandiose Narzissten haben die Gabe, ihrem Gegenüber die Worte im Mund so zu verdrehen, dass der andere irgendwann selbst nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist.

Das Ganze geschieht aber nicht, weil der Narzisst sich selbst so toll findet. Im Gegenteil: Narzissten haben ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Es ist nur ihr Versuch, das zu kompensieren.

Begriffe wie 'Narzissmus' und 'Persönlichkeitsstörung' sind aber sehr sensible Begriffe. Jedem sollte klar sein, dass Narzissmus eine Spektrumstörung ist. Das heißt, in jedem von uns stecken narzisstische Züge, genauso wie auch depressive, zwanghafte und viele mehr. Die Frage ist nur, wie stark sie ausgeprägt sind."

Egoistisch, kritikunfähig – mit einem stark ausgeprägten Narzissten möchte doch keiner zusammen sein. 

"Doch, der Narzisst muss nur sein Gegenstück finden, nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip.

Tatsächlich wird der 'grandiose Narzissmus' auch 'männlicher Narzissmus' genannt. Sein Gegenstück ist der 'unterwürfige' oder auch 'weibliche' Narzissmus. Die heißen tatsächlich in der Psychologie so, weil diese Formen des Narzissmus meistens bei den entsprechenden Geschlechtern auftauchen. Ich spreche aber lieber von einem Narzissten und einem Co-Narzissten, denn es kommt auch andersherum vor.

Der Co-Narzisst hat ebenfalls ein sehr geringes Selbstwertgefühl, zeigt es aber anders: Diese Menschen finden sich selbst minderwertig, sind unterwürfig und suchen sich Bestätigung, indem sie die Nähe zu scheinbar starken, erfolgreichen Menschen suchen, die sie bewundern können – also perfekt für den grandiosen Narzissten, der ja ebenfalls stets Bestätigung braucht. Außerdem suchen die Co-Narzissten Anerkennung durch Überanpassung: sie bringen meist gute Leistungen, sind top ausgebildet. Ihr Aussehen ist ihnen sehr wichtig, sie sind oft übersportlich, toll gestylt, lieben Luxus. Auch Co-Narzissten sehen sich in der Opferrolle, auch bei ihnen sind immer die anderen Schuld. Gleichzeitig sind sie oft neidisch und missgünstig – aus ihrer Unsicherheit heraus."

Also sucht der Co-Narzisst sich einen Narzissten als Partner?

"Ja, genau, aber nicht bewusst. Denn Co-Narzissten wissen oft gar nicht von ihren narzisstischen Zügen. Doch wenn man selbst keine narzisstischen Anteile hätte, wäre eine dauerhafte Paarbeziehung mit einem Narzissten gar nicht auszuhalten. Menschen mit gesundem Selbstwertgefühl lassen sich nicht so abwertend behandeln.

Beide, der Narzisst und der Co-Narzisst, brauchen sich und ziehen sich magisch an, denn sie stabilisieren ihren Selbstwert über den jeweils anderen.

Gleichzeitig können sie aber auch nicht miteinander, denn Beziehungen zwischen extremen Narzissten tun beiden nicht gut. Es dauert aber oft Jahre, bis sie das merken."

Wenn sie nicht mit- und nicht ohne einander können: Sehen Sie als Therapeutin für diese Menschen überhaupt eine Chance, glücklich zu werden?

"Es kommt darauf an, wie ausgeprägt die narzisstischen Züge bei beiden sind. Denn ein Mensch mit sehr starken narzisstischen Zügen ist quasi nicht behandelbar. Durch die fehlende Empathie und Fähigkeit, Kritik anzunehmen, würde er sich auf keine Therapie einlassen. Wenn aber nach jahrelanger Beziehung zum Beispiel der Co-Narzisst merkt, dass er aus der Beziehung heraus muss, dann ist das oft schwer für ihn."

Inwiefern?

"Beziehungen zwischen Narzisst und Co-Narzisst sind häufig On-Off-Beziehungen. Denn der Narzisst erkennt eine Trennung oft nicht an, holt sich seinen Partner wieder zurück. Plötzlich ist er wieder so liebenswert wie am Anfang der Beziehung. Oder er arbeitet mit emotionaler Erpressung: 'Du brauchst mich doch.'

Zusätzlich hat ein extremer Narzisst im Laufe der Beziehung das Selbstwertgefühl des Co-Narzissten so weit runtergedrückt, dass der inzwischen selbst glaubt, ohne den Narzissten gar nicht leben zu können, und es gar nicht erst versuchen möchte.

Als Therapeutin gilt es also, das Selbstwertgefühl des Co-Narzissten aufzubauen, ihn zu stärken, damit er den Absprung schafft. Dann ist ein Kontaktabbruch zum Narzissten meist unumgänglich. Und sich schon im Vorfeld einen Plan B und Plan C zu erarbeiten, was man tut, wenn der Narzisst doch wieder ankommt. Denn ein Narzisst ist extrem kränkbar, darum wird er mit der Zurückweisung, die durch eine Trennung entsteht, kaum umgehen können und alles Mögliche versuchen, um sie rückgängig zu machen."

Und wenn es um weniger extreme Narzissten geht? Können die glückliche Beziehungen führen?

"Wenn beide nur solche narzisstischen Anteile haben, dass sie noch offen und einsichtig sind, dann kann man den beiden zeigen, dass sie ihre Beziehung auch als Chance sehen können. Dass sie tatsächlich miteinander wachsen können. Sie müssen lernen, sich und den anderen zu verstehen und dann muss jeder an sich arbeiten." 

Einige Wissenschaftler behaupten (zum Beispiel hier: IZPP), dass die Häufigkeit von narzisstischen Persönlichkeitszügen in den letzten Jahren zugenommen hat. Stimmt das?

"Das glaube ich auch. Ich kann das allerdings nicht mit Studien und Zahlen belegen, sondern nur aus meinen persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen in meiner Praxis."

Woher kommt das?

"Ich glaube, dass das mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun hat, gerade bei der sogenannten Generation Y oder den Millennials. Es gibt neue und einfachere Möglichkeiten, sich Bestätigung zu suchen – wie in den sozialen Medien: die Followerjagd, die Suche nach Likes.

Das ist alles eine Pseudobestätigung für den Selbstwert. Die sozialen Medien können bereits vorhandene narzisstische Züge meiner Meinung nach sogar verstärken, denn die Suche nach Bestätigung wird immer wieder aufs Neue befriedigt.

Wie gesagt: Jeder von uns hat narzisstische Wesenszüge. Ein gewisses Maß ist auch vollkommen gut und gesund. Unsere große Herausforderung ist aber die richtige Balance.

Vielleicht sollte sich jeder von uns vor seinem nächsten Post mal ganz ehrlich fragen: Warum poste ich das jetzt? Was habe ich wirklich davon, wenn jeder weiß, dass ich gerade im Fitnessstudio bin oder was ich esse – und was die anderen?"


Gerechtigkeit

Millennials bekommen später keine Rente mehr – stimmt das wirklich?
Eine Spurensuche in die Zukunft.

Im Alter bleibt uns nichts. Egal, was wir tun. Wenn ich mit Freundinnen oder Freunden über das Thema Rente rede, höre ich das immer wieder. 

Aktuell liegt die Grenze für das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren. Wir Millennials wurden Anfang der Achtzigerjahre geboren, das heißt, ab 2047 können die ersten von uns ohne Abzüge in Rente gehen. Ich selbst, Jahrgang 1986, wäre 2053 an der Reihe. 

In Studien und Umfragen haben die Deutschen mal mehr, mal etwas mehr, mal sehr viel mehr Angst vor Altersarmut. Auf jeden Fall ist sich immer eine Mehrheit sicher: Die gesetzliche Rente wird nicht reichen. Aber woher kommt dieser pessimistische Blick auf unsere Zukunft? Und stimmt er überhaupt? 

Also habe ich mich auf die Suche gemacht, nach einer Antwort auf die Frage:

Wie viel Geld – wenn überhaupt – wird uns im Jahr 2050 als Rente zur Verfügung stehen?

Wer "unsere generation hat im alter keine rente" in die Suchmaske bei Google eingibt, bekommt als erstes einen Rentenrechner ausgespuckt.

Das Tool gehört zum GDV, dem Verband deutscher Privatversicherer. Denen wird es wohl eher nicht darum gehen, mich zu beruhigen, sondern mir eher ein paar private Vorsorgepakete anzudrehen. Der Rechner dürfte die These vom leeren Rententopf also bestätigen. Ausprobieren will ich ihn dennoch. So sieht er aus: