Bild: Tom Parsons / unsplash

Brexit, Klimawandel und Syrien-Krieg: Oft scheint die Welt nur aus schlechten Nachrichten zu bestehen –  und aus Menschen, die für diese schlechten Nachrichten verantwortlich sind. Das ist nicht nur für den Moment unangenehm: Zu viele schlechte Nachrichten können uns deprimieren, den Schlaf rauben und uns Angst machen (Welt), sie können sogar Stress-Hormone aktivieren, die bei manchen Menschen langfristige Schäden wie Herzkreislauferkrankungen auslösen (Time).

Gerade deshalb ist es wichtig, sich ab und zu daran zu erinnern, dass sich heute Millionen Menschen gegenseitig geholfen haben; dass irgendwo Fremde gemeinsam Kinderwagen kaputte Rolltreppen hochgeschleppt haben und Türen aufgehalten, dass Geld gespendet wurde und Essen verschenkt. 

Also wollten wir von unseren Leserinnen und Lesern wissen: Was war das Netteste, was ein Fremder für dich getan hat? 

Marie, 17 Jahre

Als ich vor einigen Monaten abends alleine nach Hause lief, wurde ich von zwei Paaren angesprochen. Sie hätten einen älteren Mann beobachtet, der mich in der U-Bahn wohl durchgehend angeschaut und mit seinem Begleiter über mich gesprochen haben soll. Dem Gespräch entnahmen sie, dass er extra nicht an seiner Haltestelle austieg, sondern sitzen blieb, weil er aussteigen wollte, "wo das junge hübsche Mädchen" aussteigt. 

Als er das tatsächlich tat, folgten sie uns. Sie brachten mich bis vor meine Tür, um sicherzugehen, dass ich heil ankomme. Der Mann drehte um, als er sah, dass ich von den Paaren angesprochen wurde. Ich weiß nicht, ob etwas Schlimmes passiert wäre, wenn sie es nicht getan hätten, aber ich fand es einfach unfassbar nett, dass sie mich begleiteten.

Ich hatte seither noch keine Chance, mich zu revanchieren und jemandem aus einer ähnlichen Situation zu helfen. Mittlerweile höre ich in Bus und Bahn aber keine Musik mehr, um aufmerksamer zu sein und gegebenenfalls einschreiten zu können. 

Wiebke, 21 Jahre

(Bild: privat)

Ich reiste 2011 mit meiner Familie nach London. Zur gleichen Zeit fanden in der Stadt gewalttätige Ausschreitungen statt. Wir wohnten im Londoner Stadtteil Peckham in einem Bed & Breakfast. Peckham war einer der Brennpunkte der Ausschreitungen und wir konnten eines Abends nicht mit dem Bus zurück zur Unterkunft fahren – der ganze Bezirk war großräumig gesperrt. Wir waren ratlos, weil es schon ziemlich spät und wir ziemlich müde waren. Eine Frau sprach uns an und erklärte, dass ihre Bekannte ein paar Straßen weiter einen Pub besitze und dass wir da mit dem Taxi hinfahren könnten.

Als der Taxifahrer erfuhr, dass wir Touristen waren und eigentlich in Peckham wohnten, sagte er, dass er uns aufgrund der Sperre nur bis zu dem erwähnten Pub fahren könne, er uns aber später, wenn sich die Lage beruhigt hat, gerne zu unserer Unterkunft fahren würde. Er gab uns seine private Telefonnummer, damit wir ihn erreichen konnten. 

Als der Bezirk später endlich wieder freigegeben war, riefen wir ihn an und er kam tatsächlich, obwohl es schon sehr spät war und er eigentlich keine Schicht mehr hatte, und fuhr uns zu unserer Unterkunft. Als meine Eltern ihn bezahlen wollten, lehnte er ab, mit der Begründung, dass er sich, falls er oder seine Familie in Deutschland mal in Not gerieten, über Hilfe freuen würde.

Lukas, 20 Jahre

(Bild: privat)

Vergangenen Sommer war ich mit ein paar Freunden in Frankreich campen. Auf dem Fußballplatz passierte mir ein Missgeschick und meine Kniescheibe sprang raus. Ein paar Einheimische waren sofort zur Stelle und halfen mir auf die Beine. Das Problem: Ich sprach nur wenig Französisch, sie sprachen leider kein Englisch – wir konnten uns nicht verständigen und sie konnten mir nicht weiterhelfen. 

Das nächste Krankenhaus war circa 35 Kilometer entfernt und die Franzosen holten eine Frau, die ursprünglich aus Deutschland kam. Sie versorgte mich und fuhr mich ins Krankenhaus. Dort fungierte sie für meine Freunde und mich als Dolmetscherin und half bei der Kommunikation mit den Ärzten. Wir werden in diesem Jahr wieder dorthin reisen, um uns ordentlich bei ihr zu bedanken.  

Luisa, 26 Jahre 

(Bild: privat)

Meine Schwester und ich vergaßen während unseres Roadtrips durch Neuseeland beim Franz-Josef-Gletscher unsere Pässe im Hostel. Wir merkten es aber erst, als wir schon lange weg waren. Der Weg zurück hätte uns über etliche Serpentinenstraßen geführt. Um uns kurz zu sammeln und zu überlegen, wie wir weiter vorgehen sollten, fuhren wir in die nächstbeste Hofeinfahrt. 

Es dauerte nicht lange, bis ein junger Mann aus dem Haus kam und fragte, ob er uns helfen könne. Wir erzählten ihm von unserem Problem und er gab und Tipps zur Route und welche schönen Plätze wir auf dem Weg besuchen konnten. Er ging wieder und wir, immer noch etwas neben der Spur, suchten dann auf der Karte die Route. Kurz bevor wir losfahren wollten, kam er mit einer Flasche Wein zurück und sagte: "Für die Fahrt. Solange ihr keinen Pass habt, könnt ihr ja auch keinen Alkohol kaufen. Genießt den mal schön." 

Um uns beim Karma für diese nette Aktion zu revanchieren, nahmen wir in den Tagen danach ziemlich viele Tramper ein Stück mit. Das tat ich bis dahin nie und hatte es auch nicht vor, aber nach dem, was uns passiert ist, wollte ich anderen Reisenden eine Freude bereiten.

Lars, 19 Jahre

Es war der zweite Arbeitstag meines Bundesfreiwilligendienstes und ich wollte selbstverständlich pünktlich sein. Also schnappte ich mir mein Fahrrad und fuhr sehr früh los, weil ich frisch hergezogen war und die Route überhaupt nicht kannte. Nach 20 Minuten Fahrt fielen zwei Schrauben vom Kettenblatt meines Fahrrads ab und es war unmöglich, weiterzufahren. Ich nahm den Bus und kam zu spät. 

Nach der Arbeit schaute ich mir die Karte auf meinem Handy an und realisierte, dass ich das Fahrrad über eine Dreiviertelstunde nach Hause schieben müsste. Meine Laune war am Nullpunkt. Als ich mit dem Bus schließlich mein an einer Laterne angeschlossenes Fahrrad erreichte, glaubte ich meinen Augen nicht. 

Jemand hatte mein Fahrrad repariert. Die Person brachte eine sogenannte Kurbelschraube an meinem Fahrrad an und zog die losgelösten Schrauben fest. Ich fand einen Zettel, der an meine Bremse gesteckt wurde:

(Bild: privat)

"Bitte, sehr gerne. Kurbelschrauben waren schwer zu bekommen. Eine habe ich bekommen und die andere Halbe auf die Rückseite geklebt. Johannes." 

Was andere Leserinnen und Leser erlebt haben, könnt ihr hier in den Kommentaren lesen:


Fühlen

Warum ich künftig extra laut nach einem Tampon fragen werde
Die UN nennen den "period shame" eine "Bedrohung der Menschenrechte"

Die Hand wühlt in der Tasche herum, tastet nach einer kleinen, glatten Rolle. Vergeblich...shit. Mein Blick schweift über die Redaktion, ich rolle meinen Stuhl zur Nachbarin. "Hey, hast du zufällig einen Tampon dabei?", frage ich. Leise. Natürlich! Immer leise – schließlich möchte sicher niemand darüber nachdenken müssen, dass ich gerade tagelang zwischen den Beinen blute.

Aber warum eigentlich nicht? Warum schämen wir uns für unsere Periode?

Vom Moment, an dem wir das erste Mal unsere Tage haben, wird uns Frauen signalisiert, dass wir darüber nicht offen sprechen sollten. In der Familie war das vielleicht noch in Ordnung. Spätestens in der Schule, in der Uni, im Büro, beim Sport wird von uns erwartet, die Tage vornehm zu verschweigen.

Und fast immer, wenn sie sich doch bemerkbar macht, ist das ein Horrormoment

Zum Beispiel, als die Jungs beim Schwimmen mit der Schulklasse auf das blaue Bändchen zeigten, das aus dem Badeanzug herausguckte, und "ihhh" riefen. Oder als man auf der Straße die unangenehm berührten Blicke bemerkte und erst später, vor dem Spiegel feststellte, dass sich auf der Hose ein roter Fleck ausgebreitet hatte. Und jeder kennt die typische Filmszene, in der eine Frau aus Versehen ihre Handtasche fallen lässt und Tampons herausfallen. Große Aufregung, panisches Einsammeln – peinlich!

Aber warum eigentlich peinlich? Warum darf niemand wissen, dass eine Frau einmal im Monat blutet?

Was stimmt mit unserer Gesellschaft nicht, dass eine ganz normale Körperfunktion – die übrigens dafür verantwortlich ist, dass es uns alle überhaupt gibt – als eklig und schamvoll empfunden wird?

Die US-amerikanische Comedienne Amy Schumer sagt in ihrem aktuellen Netflix-Special "Growing", wir Frauen würden uns verhalten, als sei die Periode eine unangenehme Eigenart: "Als ob wir es uns ausgesucht hätten! 'Uch...ich kann diese Gewohnheit einfach nicht ablegen, ich würde so gern!'", äfft Schumer und erzählt, wie selbst in einer Frauen-Umkleide die Frage nach einem Tampon zu einer absurd-komischen Situation führte.

Das Phänomen der Perioden-Peinlichkeit ist weltweit so verbreitet, dass es dafür sogar eine Bezeichnung gibt: Auf Englisch nennt sich das Ganze "period shame". Seit einigen Jahren kämpfen Frauen gegen diese Scham an. Auf Social Media finden sich unter Hashtags wie #endperiodshame und #periodproud künstlerische Bilder von Blutflecken, witzige Cartoons und ironische Sprüche, die zeigen sollen: Die Menstruation ist etwas völlig Normales und wir können miteinander darüber sprechen.