Bild: Pixabay

Als ich meinen Körper lieben lerne, bin ich von Nackten umgeben. Es ist einer der ersten warmen Frühlingstage, ich stehe im Außenbereich einer Therme im unterfränkischen Niemandsland, irgendwo zwischen Frankfurt und Würzburg. Zwischen meinen Zehen spüre ich das feuchte Gras. Meine Augen sind geschlossen, ein leichter Wind streicht über meine Haut. Und in mir macht sich ein Gefühl der Befreiung breit.

Noch vor einer Stunde saß ich im Auto, mein Kopf voll mit Gedanken wie: Mist, ich habe meine Beine nicht rasiert, ich habe bestimmt zugenommen über den Winter, mein Bauch ist aufgebläht – und jetzt nackt in die Sauna? Ich bin mir unsicher, ob ich meinen Körper der Öffentlichkeit zumuten kann.

Und so schauen übrigens Menschen, wenn sie nackt sind:
1/12

Gedanken wie diese kennen viele: Laut Paula-Irene Villa, Soziologin an der LMU in München, ist es seit Jahren ein Trend, Frauen - aber auch immer mehr Männern - einzureden, dass ihre Körper grundsätzlich falsch sind: zu haarig, zu dick, zu schwabbelig. "Davon leben ganze Märkte wie die Kosmetikindustrie oder die sogenannten Frauenzeitschriften", so Villa. "Uns werden zwar ständig nackte oder halbnackte Körper zum Beispiel in der Werbung gezeigt, doch es mangelt an echter und vor allem nicht sexualisierter Nacktheit."

Ob auf Plakaten oder beim Durchscrollen von Instagram-Accounts: Perfekte Menschen lächeln dich mit ihren perfekten Körpern an. Die Industrie propagiert ein Körperbild, das es so kaum gibt. Trotzdem hat es sich dank Photoshop und Snapchat-Filter in unser Gehirn, in unser Unterbewusstsein eingegraben. Und auch ich habe angefangen, mich daran zu messen.

Alle tragen eine klassische Wampe und Ganzkörperbehaarung – und alle präsentieren ihren Körper in voller Pracht, Gemächt inklusive.

Wie sehr, wird mir bewusst, als ich mich mit einem Handtuch umschlungen im Außenbereich der Therme umschaue. Eine Frau Mitte 40 steigt ins Eisbecken, über ihren Rücken zieht sich ein großes Drachentattoo. An ihr ist so ungefähr gar nichts so wie in den Zeitschriften und bei Instagram: Schwangerschaftsstreifen ziehen sich über ihren Bauch, sie hat gut 20 Kilo zu viel auf den Rippen. Reiterhosen und Cellulite zieren ihre Oberschenkel. Aber all das scheint sie überhaupt nicht zu interessieren.

Nach dem Eisbecken schlendert die Frau vollständig nackt durch den Garten der Therme, ihr Handtuch hat sie in der Hand. Ich schaue mich weiter um, hinter mir sonnen sich auf einer Reihe Liegestühle Männer mittleren Alters. Alle tragen eine klassische Wampe und Ganzkörperbehaarung – und alle präsentieren ihren Körper in voller Pracht, Gemächt inklusive. Auch sie entsprechen nicht im Entferntesten irgendeinem Schönheitsideal. Aber auch das scheint hier niemanden zu stören.

 

Nacktsein unter Leuten ist nicht für jeden etwas, findet eine andere Autorin:

Mein Blick streift an meinem Körper herunter: Beine stoppelig, Fußnägel nicht lackiert, ein wenig Cellulite, ein wenig Speck. Alles ist noch einigermaßen straff, aber das ist ja auch kein Wunder mit 25. Und auf einmal fällt jedes Schamgefühl von mir ab. Ja Mann, ich bin nicht perfekt, ist aber auch sonst keiner. Und deshalb passt das so. Mich erfüllt ein grimmiger Trotz, meinen nackten Körper genauso zeigen, wie er nun mal ist: unperfekt. Schaut doch her, denke ich mir, guckt doch! Passt euch nicht? Nicht mein Problem.

Provokativ warte ich schon fast darauf, mit meiner inneren Rebellion Aufsehen zu erregen. Aber auch für mich interessiert sich hier keiner – weder für meine unrasierten Beine noch für meinen Winterspeck an der Hüfte. Der Trotz verwandelt sich in Stolz und zum ersten Mal seit langem fühle ich mich befreit von dem Imperativ der ständigen Selbstverbesserung, von dem Gedanken, mein Körper müsse so aussehen wie bei den Frauen in der Werbung.

Nackt unter Nackten – ich kann es nur empfehlen. Es tut gut, zu sehen, dass die Realität nichts mit Instagram-Accounts und Frauenzeitschriften zu tun hat, auch wenn wir das eigentlich wissen sollten. Also lasst uns endlich damit aufhören, uns daran zu messen. 


Today

Polizisten setzten Pfefferspray gegen friedliche Demonstranten ohne Erlaubnis ein

Polizisten haben Anfang April Pfefferspray gegen junge Menschen eingesetzt, die mit einer friedlichen Sitzblockade gegen einen rechten Aufmarsch in Sonneberg in Thüringen protestiert hatten (bento). Wie sich jetzt herausstellt, hatten die Polizisten dafür gar keine Erlaubnis vom Innenministerium. Das berichtet Thüringen24.

Warum das Pfefferspray dennoch eingesetzt worden sei, werde derzeit geprüft, sagte Innenstaatssekretär Udo Götze am Donnerstag im Innenausschuss des Landtages in Erfurt. Nach einem Erlass aus dem Jahr 2016 solle das Gas grundsätzlich nur sehr zurückhaltend eingesetzt werden.