Bild: Wolfgang Kumm/dpa
Auseinandersetzung mit den Verbrechen an Jüdinnen und Juden tut weh, ist aber unumgänglich.

Als wir in den Bunker kommen, scheint mir Kunstlicht ins Gesicht. Es regnet schon den ganzen Tag hier in Berlin. Drinnen ist die Luft kühl und trocken, zwei Mitarbeiterinnen unterhalten sich leise hinter der Kasse. Eine Freundin und ich besuchen heute eine Dauerausstellung im Story-Bunker Berlin. Alles, was wir heute sehen werden, steht unter einer einzigen Frage: Wie konnte das geschehen? "Das" ist Hitler. Der Nationalsozialismus. Der zweite Weltkrieg. Der Holocaust. Zerstörte Städte. Zerstörte Familien. 55 Millionen Tote.

Wir zahlen 13,50 Euro für ein Kombiticket inklusive Audioguide und schließen unsere feuchten Rucksäcke in einem Schließfach ein.

Ich weiß, dass ich in dieser Ausstellung keinen Spaß haben werde.

Stattdessen wird sie mich aufwühlen. Ich werde gleich immer stummer werden. Ich werde fassungslos sein. Ich werde auf einer der Bänke sitzen und nicht bemerken, dass ich weine.

Warum besuche ich die Ausstellung trotzdem? 

Weil ich das Gefühl habe, dass ich es muss. Weil ich glaube, dass Museen, Dokumentationszentren und Ausstellungen nicht nur für Schulklassen gemacht sind. Und dass jeder von uns sie regelmäßig besuchen sollte. 

Weil man sich regelmäßig daran erinnern sollte, was vor achtzig Jahren passiert ist. Überall in Deutschland, in Europa, auf der Welt. Auch nach der Schule. Auch, wenn es niemand mehr für einen organisiert. 

Während meiner Schulzeit waren der NS-Staat und dessen Grausamkeiten ständig Thema. 

Ich habe Ausstellungen besucht und Vorträge zum Nationalsozialismus, zur Judenverfolgung, dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg gehört. Ich erinnere mich, wie wir in der siebten Klasse im Religionsunterricht "Schindlers Liste" sahen und wie verstört ich danach war. Ich erinnere mich an historische Videoaufnahmen von deportierten Jüdinnen und Juden, die wir in der zehnten Klasse im Geschichtsunterricht sahen, und danach an die leiseste große Pause aller Zeiten. 

In der elften Klasse besuchten wir das Konzentrationslager Buchenwald. Ich erinnere mich an Stille und an das Scharren von Sneakern auf Schotterwegen. Ich erinnere mich an ein Gebäude, in dem Stellwände mit Fotos aus dem Lager hingen. An furchtbar abgemagerte Menschen, dunkle Augen und Männer in Uniformen. 

Auf einem der Fotos lagen etwa fünfzehn nackte Leichen übereinander vor einer kleinen Treppe. Mir wurde schlecht. Ich wollte an die frische Luft und trat aus der Tür, drehte mich nach links und stand direkt vor der Treppe, die ich gerade auf dem Foto gesehen hatte. Ich erinnere mich, dass ich sehr lange auf diese Stelle vor der Treppe gestarrt habe. Und ich erinnere mich an den Horror, den ich in diesem Moment gefühlt habe.

Nach der Schule war da niemand mehr, der darauf Wert legte, dass ich Dokumentationszentren oder Lesungen Holocaust-Überlebender besuchte. Niemand zwingt mich heute dazu, mich weiter mit diesem Kapitel deutscher Geschichte zu beschäftigen. 

Dennoch versuche ich, mir das Grauen regelmäßig vor Augen zu rufen. 

Ich sehe den Film "Das Leben ist schön" oder lese Paul Celans "Todesfuge". Ich besuche Ausstellungen wie die im Story-Bunker, Mahnmale, Denkmäler und jüdische Friedhöfe in deutschen Städten. Alles, was in mir ein Gefühl zu all dem auslöst, was geschehen ist.

Ich mache das nicht, weil ich es spannend finde oder meine eigenen Grenzen austesten will. Sondern weil ich glaube, dass uns nichts anderes dieses Kapitel der Geschichte irgendwie näherbringen kann. Dass nur, wer fühlt, auch verstehen kann, dass so etwas nie wieder passieren darf. Dass das viel mehr bildet und berührt als alle Fakten.

Ich kann hunderte Male hören, dass sechs Millionen Jüdinnen und Juden in Deutschland ermordet wurden. Diese Zahl sagt mir wenig, sie ist zu abstrakt.

Aber in der Ausstellung sehe ich, was mit den Menschen passiert ist, die diese Zahl sind.

Der Judenverfolgung und dem Holocaust sind im Bunker mehrere Räume gewidmet, in denen die Ereignisse von der Machtergreifung bis zur Befreiung durch die Alliierten zusammengefasst sind. Einen der Räume muss ich kurz verlassen, weil ich ein Foto nicht mehr ertrage, auf dem eine nackte Frau auf dem Boden vor Männern in Uniform liegt. Ich stelle mich neben den Türrahmen. Atme ein paar Mal langsam ein und aus und gehe wieder hinein. Es fühlt sich an, als würde man in etwas untertauchen. Soldatenbriefe, erschossene Kinder, Berge aus Brillen, zermahlene Knochen, mit denen im Winter die Wege gestreut werden. Ein Mann, der in die Kamera blickt, eine Waffe am Kopf, vor einer Grube, in der schon andere liegen.

Im nächsten Raum eine Tafel: "Widerstand? Eine einzige Tafel Widerstand – mehr gibt es nicht." Bilder von den Geschwistern Scholl, gescheiterte Attentate. Gegenüber eine Holzbank. Ich setze mich und starre geradeaus. Merke irgendwann, dass ich weine. Merke irgendwann, dass meine Freundin sich neben mich gesetzt hat. Ich lehne mich an sie. Wir sitzen eine ganze Weile zusammen und schweigen. So wie alle, die an uns vorbei kommen. Wir sehen das, was wir nicht in Worte fassen können, in den anderen, sind seltsam verbunden miteinander. 

Müllhaufen der Geschichte.

(Bild: Berlin Story)

Das kann keine Geschichtsbuch. Gefühle lassen sich nicht erzwingen, aber man kann bereit dazu sein, sie zuzulassen. 

Manchmal frage ich mich, ob es moralisch in Ordnung ist, diese Menschen, ihre Bilder und ihre Schicksale zu betrachten, um zu versuchen, das, was passiert ist zu verstehen. Aber so funktioniert die menschliche Psyche. Das, was wir fühlen und erleben, hinterlässt einen intensiveren Eindruck als das, was wir uns einfach nur rational erfahren. 

Im Sommer lernte ich einen Mann kennen. Er kommt aus Tel Aviv. Er ist Jude, aber nicht gläubig. Ich war ein bisschen verliebt. Es wurde nichts aus uns. Ich dachte daran, was gewesen wäre, wenn wir uns vor 80 Jahren kennengelernt hätten. Seine Familie lebte in Hamburg. Fast alle wurden ermordet.

Im Bunker denke ich daran. Ich bin nicht mehr verliebt. Trotzdem merke ich, dass sich meine Sicht ein wenig verändert hat, eine neue Perspektive dazugekommen ist. Einfach, weil sich in meinem Leben Dinge geändert haben. Und das wird wahrscheinlich auch so sein, wenn ich mich das nächste Mal mit diesem Thema auseinandersetze. Wie bei jedem von uns. Wer mit dreißig noch einmal ein Konzentrationslager besucht, erlebt das anders als mit achtzehn.

"Haben wir nicht langsam mal genug darüber gesprochen?", höre ich manchmal Menschen genervt sagen, wenn es um den Holocaust geht. Nein, das haben wir nicht. Seht es euch noch einmal an. Alles. Und dann muss es doch offensichtlich sein, dass wir über Unaussprechliches niemals aufhören können zu sprechen. 

Was vergangenen Mittwoch in Halle passiert ist, zeigt das auf eine furchtbare Weise ganz deutlich. 

Wie können Ermittlungsbehörden nach so einem antisemitischen, antimuslimischen, einem rassistischen Gewaltakt noch von Einzeltätern sprechen, wenn Rechtsextremismus überall in Deutschland und im Internet immer präsenter wird? Wie kann man so tun, als würde es den ganzen Rest nichts angehen?

Es geht uns alle an. Deswegen wünsche ich mir, dass wir uns immer wieder dem Grauen stellen. Der Bildungsauftrag an uns selbst darf nach der Schule nicht vorbei sein. 

Wir sollten uns wieder und wieder bewusst machen, warum es so wichtig ist, sich zu erinnern: Weil es aktuell für Jüdinnen und Juden in Deutschland als für zu gefährlich betrachtet wird, in der Öffentlichkeit die Kippa zu tragen (SPIEGEL). Weil es immer wieder zu antisemitischen Angriffen kommt, wie Anfang Oktober in Bayern, wo eine 27-jährige Israelin mit einem Stein beworfen wurde. (BR

Ich glaube, dass das der einzige Weg ist, etwas am kollektiven Bewusstsein zu verändern. 

Jeder und jede kann immer nur bei sich selbst beginnen. Nur so kann eine gemeinsame Zivilcourage den Anfeindungen und dem Hass, der sich in Deutschland gerade zusammenbraut, begegnet werden. Wir müssen sofort und gemeinsam bemerken, dass dumme Sprüche gegen Jüdinnen und Juden nicht in Ordnung sind. Wir müssen gemeinsam aufstehen, wenn wir erleben, dass jemandem Ungerechtigkeit widerfährt. Damit Antisemitismus und Rassismus keinen Boden gewinnen können.

Was in Halle passiert ist, ist schwer in Worte zu fassen. Ich bin traurig. Ich bin sprachlos. Ich bin wütend. 

Es ist beschämend. Was Annegret Kramp-Karrenbauer als "Alarmzeichen" bezeichnet, ist in Wahrheit bereits die Eskalation eines voranschreitenden Rechtsrucks und rechtsextremen Strukturen in Deutschland.

"Sobald man beginnt, Menschen als minderwertig einzustufen, ist das der erste Schritt zum Völkermord. Ohne Rassismus hätte Hitler nicht töten lassen können", steht auf einer der Tafeln im Bunker. 

Wie konnte das geschehen? Ich will das nicht fragen müssen. Nie wieder.


Gerechtigkeit

In Haft wegen einer Abtreibung – Ein ganzes Land kämpft für die Freiheit dieser Frau
"Es geht darum, die kritische Stimme einer jungen Frau auszulöschen."

Immer wenn Hajar Raissouni ihren Job gut macht, ist die Regierung sauer. Die 28-jährige Journalistin arbeitet für eine der wenigen unabhängigen Zeitungen in Marokko. Immer wieder berichtet sie über Menschenrechtsverletzungen im Land. Das ist keine Straftat: Offiziell herrscht Pressefreiheit.

Jetzt sitzt Hajar trotzdem im Gefängnis. 

Ende August griffen Polizisten Hajar auf, als sie eine Klinik verlässt. Kurze Zeit später verurteilt ein Gericht sie zu einem Jahr Haft wegen unerlaubtem Sex und einer angeblichen Abtreibung. 

Außerehelicher Geschlechtsverkehr und Schwangerschaftsabbrüche sind in Marokko unter bestimmten Bedingungen illegal. Hajar sagt, sie war nie schwanger – ihre Anwälte legen Beweise vor. Gegen ihren Willen wird sie vaginal untersucht. Die Regierung kann nichts nachweisen. Trotzdem lehnt das Gericht eine Berufung ab. (SPIEGEL)

Seither gibt es Proteste im Land, die ihre Freilassung fordern. Über 7.000 Marokkanerinnen haben ein Manifest für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen unterzeichnet (ZEIT). Weltweit haben Journalisten ihre Solidarität bekundet.

Das Abtreibungsgesetz abschaffen, will die Regierung nicht. Man wolle die konservative Gesellschaft und Islamisten nicht provozieren – so der marokkanische Staat. Aber sowohl Liberale als auch Konservative sind auf Hajars Seite.