Pastor Felix Padur, 28, aus Ansbach gibt sieben Tipps

Normalerweise kümmert er sich um Jugendfreizeiten und seine Gemeinde in Ansbach. Seit dem Anschlag bei einem Festival in der mittelfränkischen Kleinstadt hat Pastor Felix Padur, 28, eine zusätzliche Aufgabe: Er betreut diejenigen, die den Terroranschlag erlebt haben und leistet Seelsorge.

Wir haben mit Padur gesprochen. Hier sind seine Tipps:

Wie kann man am besten mit Leuten umgehen, die einen Anschlag hautnah erlebt haben? Wie drückt man sein Mitgefühl richtig aus – und wie besser nicht?
Felix Padur, 28(Bild: privat)
1. Hör zu.

"Nach so einem Erlebnis wollen 99 Prozent der Menschen nur eins: reden", sagt Padur. Wer ein traumatisches Erlebnis verarbeiten will, kann das nicht verschweigen. "Ich habe noch niemanden getroffen, der gesagt hat, er will das mit sich selbst ausmachen. Jeder hier hat großen Redebedarf."

Also: Erklär deinen Freunden konkret, dass sie dich nicht nerven oder belästigen, sondern dass sie jederzeit zu dir kommen können. "Mit jedem Gespräch könnt ihr euch gegenseitig helfen, denn ihr seid ja keine Steine, ihr habt auch eure Ängste", sagt Padur.

Dabei solltest du dich allerdings nie nur in der Rolle des Helfenden sehen. "Besser ist es, als Team zu arbeiten und zu versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden."


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2. Lass Angst zu.

Gegen die eigenen Ängste anzukämpfen oder sie zu ignorieren, ist keine gute Idee. Stattdessen ist es wichtig, über die eigenen Ängste zu sprechen, sagt Padur: "Viele Menschen in Ansbach, also Jugendliche und auch Eltern, sagen mir jetzt, dass sie Angst haben. Aber wovor, das wissen viele nicht. Deshalb wissen sie auch nicht, wie sie ihren Kindern ihre Ängste nehmen sollen."

Um eben das herauszufinden, müsse sich jeder Zeit nehmen, über seine Ängste zu reden. Auch der, der vielleicht nicht direkt betroffen war von einem Anschlag. "Das nimmt der Angst die Macht", sagt der Pastor.

Solche Gespräche solltest du aber nicht in Gruppen, sondern unter vier Augen führen. "Sonst kann es passieren, dass sich mehrere Leute gegenseitig in ihre Ängste hineinsteigern."

3. Denk nicht an das, was hätte sein können.

Die meisten Jugendlichen aus Padurs Gemeinde waren am Tag des Anschlags auf dem Festival. Wenn sie in Gruppen zusammensitzen gebe es meist nur ein Thema, erzählt er: "Wenn ich den späteren Bus genommen hätte, hätte es mich auch treffen können." Oder: "Wenn ich nicht gerade auf dem Klo gewesen wäre, könnte ich jetzt vielleicht tot sein."

Diese Katastrophenszenarien bringen niemanden weiter, sagt Padur: "Solche Gedanken steigern nur die Panik."

4. Verzichte auf Floskeln.

"Es tut mir leid, dass du all das erleben musstest. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie furchtbar das alles war." Wäre das nicht ein guter Anfang für ein Gespräch mit jemandem, der einen Anschlag erlebt hat?

Ganz und gar nicht, sagt Padur: "Denn niemand, der die Panik, die Hektik und die Ungewissheit bei einem Anschlag nicht persönlich mitbekommen hat, weiß, wie sich so etwas anfühlt."

Deshalb: Streich die Formulierung "das kann ich mir vorstellen" in diesem Fall aus deinem Wortschatz.

5. Setz dir Grenzen – und anderen.

Blutige Details nutzen niemandem. Weder dem, der sie erzählt, noch dem, der sie zu hören bekommt. Deshalb: Nachfragen! Aber nicht zu detailliert, wenn du bestimmte Details nicht hören möchtest oder kannst.

"Für manche Geschichten bin ich zum Beispiel nicht der richtige Mann", sagt Padur. "Mit manchen Infos kann nur ein Psychologe richtig umgehen".

Setz Grenzen, wenn du es für nötig hältst: "Nur weil ich meinen Leuten sage, dass sie immer mit mir reden können, heißt das nicht, dass ich mir alles von ihnen anhören muss. Und auch nicht Tag und Nacht."

Denn auch wer hilft, braucht seine Zeit, um abzuschalten und Abstand zu gewinnen. "Auch ich schalte irgendwann mein Handy aus", sagt Padur.

6. Sei vernünftig. Auch auf Facebook.

Kurz nach einem Anschlag entflammen oft Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Gerüchte, Fotos, Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien verbreiten sich viel zu schnell. Padur rät deshalb: "Statt alles zu teilen und weiterzuverbreiten, sollte man sich auf offizielle Quellen, also auf die Pressekonferenzen von Polizei und Feuerwehr verlassen." Und auf das, was Zeugen erzählen, denen man vertrauen kann.

Nach dem ersten großen Schock sollte jeder versuchen, Hoffnung statt Angst und Verzweiflung zu verbreiten. Denn manchmal lesen auch die Freunde, die live dabei waren, bei Facebook mit.

7. Sei da, auch wenn du es dir nicht zutraust.

Padur ist Pastor. Er ist in Seelsorge ausgebildet worden und wird voraussichtlich den Rest seines Lebens damit verbringen, für die Sorgen anderer Menschen da zu sein. Doch er sagt: "Du musst kein Pastor oder Psychologe sein, um anderen zu helfen. Du musst einfach nur zuhören."

Padur selbst hat keine Ausbildung in der Trauma-Behandlung. Die brauche aber auch niemand, um für einen Freund da zu sein, sagt er. "Wenn du deinem Freund das Gefühl gibst, dass du für ihn da bist, kannst du damit schon unglaublich viel ausrichten."

Dass aus schrecklichen Ereignissen wie dem in Ansbach auch etwas Gutes entstehen kann, zeigen die Ansbacher gerade selbst: Viele von ihnen sind nach der Attacke auf die Straßen gegangen und haben sich solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt, die derzeit in der Stadt untergebracht sind.

"Das ist ein krasses Wir-Gefühl, dass sich hier gerade entwickelt", sagt Padur.


Felix Padur hat ein Gedicht geschrieben, das er nach dem Anschlag von Ansbach auf seiner Facebook-Seite öffentlich gepostet hat.


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