Bild: Annika Krause

Mama bleibt Mama, Mutti bleibt Mutti – auch, wenn wir erwachsen sind und unseren eigenen Weg gehen. Wir sammeln eigene Erfahrungen und vertreten eigene Standpunkte, doch unsere Mütter prägen uns, wie kaum jemand anders. Und gleichzeitig lernen sie wiederum von uns, wenn wir Gesprächspartner auf Augenhöhe werden.

Vier Mütter und ihre erwachsenen Töchter erzählen davon, was sie voneinander gelernt haben und wie sie sich gegenseitig unterstützen.

(Bild: Annika Krause)

Simone, 46 Jahre

Meine Tochter ist die erste, der ich von schönen Erlebnissen erzähle: Sie ist meine erste Ansprechpartnerin. Der leibliche Vater der Kinder und ich haben uns getrennt, als sie zwei Jahre alt waren, seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen. Ich denke, das ist auch ein Grund, wieso unser Verhältnis so eng und intensiv ist. Als Julia und ihr Zwillingsbruder zehn waren, habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Er sagt, ich wäre zu locker mit ihr, aber das sehe ich anders. Wenn sie sich quer stellt, kriegt sie auch Ärger – das passiert nur nicht so oft.

Ich habe den Kindern beigebracht, für das einzustehen, was sie wollen und an ihren Zielen zu arbeiten. Julia zeigt mir, dass ich manchmal sehr stur und eingefahren bin – sie ist in der Hinsicht nicht so extrem wie ich. An ihr sehe ich, dass es manchmal besser ist, Sachen nicht so genau zu nehmen. Wir sind beide für andere da und haben immer ein offenes Ohr. Aber wenn man unaufrichtig zu uns ist, ist man für immer unten durch.

Julia, 18 Jahre

Meine Mutter ist wie eine beste Freundin für mich. Wir haben dieselben Interessen und können über alles miteinander sprechen. Ich mache gerade mein Abitur und weiß noch nicht, was ich danach machen werde. Ich möchte zunächst zu Hause wohnen bleiben, sonst würde ich meine Mutter sehr vermissen. Gestern haben wir uns ein Mutter-Tochter-Tattoo stechen lassen, es ist mein erstes Tattoo und ich wollte es unbedingt mit ihr zusammen machen. Sie ist mein Vorbild, charakterlich und optisch. Ich ziehe oft die Klamotten meiner Mutter an, ich finde sie cool.

(Bild: Annika Krause)

Obwohl ich 18 bin, soll ich zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein. Meine Mutter macht sich sonst Sorgen, vorschreiben kann sie es mir aber nicht mehr. Das ist okay für mich, ich kann sie verstehen. Vor meinen Freundinnen ist sie die „coole Mutter“: Sie geht mit uns auf Konzerte und wenn ich Besuch habe, sitzt sie oft dabei und quatscht mit uns.

(Bild: Annika Krause)

Laurita, 42 Jahre

Ich bin bei meinem Großeltern aufgewachsen, da meine Eltern aus Mazedonien nach Deutschland ausgewandert sind. Nach der Schule bin ich mit meinem jetzigen Mann ebenfalls nach Deutschland gegangen. Kurz danach wurde ich schwanger. Wir haben uns für das Kind entschieden, sodass ich ganz jung, mit 16 Jahren, Mutter wurde. Mir haben meine Eltern in der Kindheit sehr gefehlt, weshalb mein Mann und ich zu unseren vier Töchtern ein sehr enges und intensives Verhältnis pflegen.

Durch die frühe Schwangerschaft musste ich schnell erwachsen werden und hatte keine Jugend. Jetzt hole ich alles nach, was ich damals nicht machen konnte. Ich verreise viel und genieße die Zeit für mich. Gleichzeitig bin ich schon Oma, denn meine älteste Tochter hat mit 25 Jahren ihre erste Tochter bekommen. Sie fand es schön, dass wir nur kleine Altersunterschiede haben.

Laura ist für ihr Studium in die nächste Stadt gezogen – zunächst war ich sehr traurig darüber, aber nun finde ich es gut, dass sie ihren Weg geht. Ich bin stolz auf meine Töchter und liebe es, Zeit mit ihnen zu verbringen. Sie zeigen mir, wie ich mich anziehen und schminken soll. Aber auch bei Papierkram sind sie eine große Hilfe und korrigieren meine Rechtschreibung und Formulierung.

Laura, 20 Jahre

Ich kann nicht ohne meine Mama und sie liebt mich und meine Schwestern über alles. Natürlich streiten wir uns manchmal, aber unser Verhältnis ist sehr eng. Dass meine Mama so jung ist, lässt uns alle wahrscheinlich noch enger zusammenrücken – oft wird sie sogar für eine weitere Schwester gehalten. 

Unsere Eltern haben uns nie viel verboten, aber sie haben uns trotzdem so erzogen, dass wir immer sehr verantwortungsbewusst waren. Ich war zum Beispiel noch nie betrunken – obwohl meine Eltern das sicher nicht mitbekommen hätten. Sie vertrauen mir und unterstützen mich in dem, was ich tue. Von meiner Mutter habe ich Selbstbewusstsein und Stärke gelernt. Ich bin aufgeschlossen und gehe auf fremde Menschen zu, das macht meine Mama auch. Sie ist mein Vorbild, denn sie stemmt alles und nimmt jede Herausforderung an. Ich bewundere sie dafür, wie sie sich durchs Leben gekämpft und hochgearbeitet hat, ich bin stolz auf sie.

(Bild: Annika Krause)

Jenny, 50 Jahre

Vera und ich haben ein sehr inniges Verhältnis. Aber es ist ganz klar, dass wir Mutter und Tochter sind und nicht beste Freundinnen. Ich habe immer versucht, möglichst offen und transparent mit meiner Tochter zu sein. Trotzdem wollte ich sie nie mit meinen Problemen oder negativen Erlebnissen belasten, sodass ich sowas möglichst von ihr ferngehalten habe. Es gab immer eine gewisse Grenze, die zwischen uns nicht überschritten wird. Ich möchte meine Tochter beschützen und stärken, für meine Probleme habe ich Freunde.

Ich habe immer viel gearbeitet, weil ich selbstständig und unabhängig sein wollte. Das habe ich auch meiner Tochter beigebracht. Vera und ich arbeiten jedes Jahr zusammen auf der Tattoo Convention und betreuen einen Schmuckstand. Über die Wochenenden sind wir in verschiedenen Städten unterwegs und haben eine anstrengende, aber auch sehr schöne Mutter-Tochter-Zeit. 

Ich finde es phänomenal, dass Vera immer weiß, was sie möchte. Sie hatte immer einen roten Faden im Leben und wusste sehr früh, in welche Richtung sie beruflich gehen möchte. Für mich als Mutter ist das eine extreme Entlastung. Ich musste mir nie große Sorgen um sie machen, sie zieht ihr Ding durch. 

Vera, 25 Jahre

Meine Mutter ist eine wunderschöne Frau mich einem ganz besonderen Look. Ihre Tätowierungen sind eine Form von Ästhetik, mit der ich groß geworden bin. Sie macht ihr Ding und muss sich vor niemandem rechtfertigen. Oft werde ich von ihr eingekleidet, denn ich bekomme ihre aussortierten Klamotten. Sie hat einen viel extravaganteren Style als ich und ich bekomme oft Komplimente für die Kleidungsstücke, die sie mir gegeben hat. Hinter dem auffälligen Look ist meine Mutter eine sehr herzliche Frau, die immer für mich da ist und mich unterstützt. Durch ihre warme Art habe auch ich gelernt, empathisch zu sein – sodass ich nun im sozialen Bereich studiere.

Meine Eltern haben sich getrennt, als ich sechs Jahre alt war. Ich war abwechselnd bei meiner Mutter und bei meinem Vater, sodass ich zu meinen beiden Elternteilen ein gutes Verhältnis habe. Mein Vater ist eher konservativ und einzelgängerisch, während meine Mutter freaky und immer unter Leuten ist. Sie haben ganz unterschiedliche Lebensmodelle, die ich beide toll finde. Für mich ist es interessant zu sehen, welche verschiedenen Richtungen im Leben möglich sind.


(Bild: Annika Krause)

Martina, 58 Jahre

Mein Mann und ich haben immer gesagt, dass wir Alina an einer ganz langen Leine lassen wollen. Sie ist wild und hat ihren eigenen Willen, es hätte nichts gebracht, zu versuchen, sie einzuschränken. Wir vertrauen ihr, dass sie ihren Weg finden wird und unterstützen sie bei dem, was sie tut.

Alina hat nach der Schule ein soziales Praktikum in Nepal gemacht. Als sie zurückkam, erzählte sie uns von einer Familie, die ihr Haus verloren hatte. Sie wollte unbedingt helfen und mein Mann und ich fanden ihr Engagement so toll, dass wir unser Erspartes statt in ein neues Sofa in ein Haus in Nepal investiert haben. Diese Aktion war der Grundstein für unseren Verein Mukta Nepal: Alina ist die Vorsitzende und wir als Familie sind die ersten Vorstandsmitglieder. Mittlerweile zahlen wir das Schulgeld für 37 Kinder und konnten einige durch das Erdbeben zerstörte Häuser wieder aufbauen. 2016 war ich mit Alina zusammen in Nepal und ganz fasziniert davon, wie souverän und selbstbewusst sie dort unterwegs war.

Alina, 29 Jahre

Ich empfinde meine Eltern und Brüder als sehr herzliche Menschen. Wir haben immer eine offene Tür und unterstützen uns bei allem, was wir tun. Mein Elternhaus hat schon meinen Großeltern gehört, wir haben lange mit meiner Oma unter einem Dach gewohnt. Bei uns war immer viel los – ob an Weihnachten, Geburtstagen oder einfach nur so.

Meine Mutter und ich halten eng zusammen und haben einen großen Freundeskreis, sind beide gut vernetzt. Ich liebe es, Dinge zu organisieren und helfe, wo immer ich kann. Meine Mutter und ich sind uns sehr ähnlich: Wir reden viel, knüpfen Kontakte und gehen offen auf andere Menschen zu. Ich bin sehr selbstbewusst und habe keine Angst, das hat mir meine Mutter vorgelebt. Wir nehmen Dinge, wie sie sind und verstecken uns nicht. Meine Brüder und ich wurde so erzogen, dass wir einfach wir selbst sein können – ohne Wert auf materielle Dinge und Oberflächlichkeiten zu legen.


Gerechtigkeit

"Am häufigsten höre ich 'Kopftuchschlampe'" – Gibt es in Deutschland einen Rechtsruck?
Folge 1: #NachDenRechtenSehen

Menschen werden aufgrund ihres Aussehens als "fremd" abgestempelt oder wegen ihres Migrationshintergrundes beschimpft: Alltagsrassismus gibt es im Privaten, in der Politik, in der Öffentlichkeit. Dabei wird die Gesellschaft gerne aufgeteilt – in "Wir" und "Die". Das ist nicht neu.

Neu ist, dass Rassismus immer offener ausgeübt wird: im Netz, auf der Straße. Politisch scheinbar legitimiert von einer Partei, die selbst immer wieder durch rassistische und islamfeindliche Äußerungen auffällt.