Bei zwei Angriffen war sie ganz nah. Was macht das mit ihr?

Als am Nachmittag des 7. April 2018 ein Campingbus in eine Menschenmenge fährt, mitten in der Münsteraner Altstadt, feiert Lina einen Kilometer entfernt gerade diesen Tag. 

Vor zwölf Monaten überlebte sie den LKW-Anschlag in Stockholm, am 7. April 2017 raste dort ein Attentäter mit seinem Wagen in eine Fußgängerzone und tötete dabei fünf Menschen. 

Eigentlich wollte Lina an diesem Abend Lichterketten für den Balkon kaufen, zusammen mit einem Freund. Es war warm in Stockholm, sommerlich für April, die Menschen zog es raus – genau wie ein Jahr später in Münster. 


Ich kenne jede Straße in Stockholm, bin in Schweden aufgewachsen und vor einigen Jahren zum Studieren nach Münster gezogen.

Mein Freund und ich schlenderten durch die Stadt, vor einem Geschäft blieben wir stehen, ich weiß noch, dass sich am Eingang Blumentöpfe stapelten. Dann hörte ich Schreie. Ich verstand nicht, was passierte, für zwei Sekunden erstarrte ich vor diesem Geschäft.

Lina sah Menschen rennen und rufen. Sie sah, wie von Norden ein dunkelblauer Laster durch die Straße auf sie zu raste. Sie riss den Kopf herum, da überfuhr der Mann hinter dem Steuer gerade Menschen, sie blieben liegen, andere stürzten in alle Richtungen davon. Lina war 15 Meter entfernt.

Wenn sie davon erzählt, spricht sie schnell, wird immer wieder lauter, manchmal überschlägt sich ihre Stimme.

Als der Wagen zum Stehen kam, drehte ich mich um, hinter mir mein Freund, ich stieß ihn in den Laden, wir rannten los.

Wir hasteten an einer Verkäuferin vorbei, "ein Lastwagen ist ins Åhléns gefahren", sagte ich zu ihr, dann sprangen mein Freund und ich die Rolltreppe hoch. Oben wussten die Leute nicht, was unten los war, ich sagte wieder, wie ein Automat, "ein Lastwagen ist ins Åhléns gefahren". Der Freund und ich, wir ließen die Hand des anderen nicht los.

Stockholm am 7. April 2017

  • Bei dem Anschlag in der schwedischen Hauptstadt fuhr ein Attentäter mit einem LKW in der Innenstadt in eine Fußgängerzone und in ein Kaufhaus.
  • Fünf Menschen wurden getötet, 14 weitere zum Teil schwer verletzt. 
  • Noch am selben Abend nahm die Polizei den Tatverdächtigen Rakhmat A. fest.
  • Bei der Verhandlung vor dem Haftrichter gestand A. die Tat über seinen Anwalt. 
  • Nach Angaben der Polizei hegt A. Sympathien für extremistische Organisationen, unter anderem für den IS.

Wir verließen den Laden durch einen anderen Ausgang und kamen auf einen Platz, rannten durch Seitenstraßen, dann wurde es ruhiger. Zum ersten Mal sprachen wir miteinander. 

"Alles wird gut, ja?", "Ich weiß nicht?", "Doch, alles wird gut" – das war das Gespräch, wir drückten die Hände aneinander. 

Nach einer halben Stunde erreichten wir das Krankenhaus, in dem meine Mutter arbeitet. Wir setzten uns in einen Raum, stundenlang stand ich am Fenster und beobachtete die Helikopter am Himmel. 

Lina war nicht klar, wie schwierig die folgende Zeit für sie werden würde. Ihre Mutter musste beruflich nach Hamburg, der Freund kam schnell über die Tragödie hinweg. Lina kämpfte. Wie geht es weiter? Was können traumatische Erfahrungen mit einem Menschen anstellen? 

Als ich nach Münster zurückkehrte, war ich ein schreckhafter Mensch geworden. 

Wenn ein Motor neben mir aufheulte, wenn jemand laut rief oder Leute an mir vorbeirannten, war mein Standardgedanke: Es passiert wieder, ich bin in Gefahr. 

Jede Nacht rannte ich in meinen Träumen vor etwas weg, es ging Treppen rauf und runter, ich wachte plötzlich auf.

Der Anschlag prägte mein ganzes Leben, jeden Tag. Auf Partys kamen Fremde auf mich zu und fragten: "Bist du nicht die, die bei dem Terroranschlag dabei war?" Ich hatte keine Ahnung, wie ich darauf reagieren sollte.

Kaufhaus Åhléns im April 2017: "Alles wird gut"(Bild: dpa / Kenta Jönsson)

Einmal saß ich mit ein paar Leuten in meiner Küche und draußen gab es einen Knall. Ich sprang mit 300 Gedanken im Kopf auf: Wie komme ich weg, was wäre mein Fluchtweg?

In den Monaten nach Stockholm fragte ich mich oft, wie ich wohl auf andere wirke.

Ich sprach kaum über das Attentat und wie es in mir arbeitete. Eine Woche danach war es noch normal, darüber zu reden, doch je länger es zurücklag, desto komischer kam ich mir vor, es zu thematisieren. 

Aber Lina wusste, dass sie kaputt gehen würde, wenn sie sich nicht öffnete. Sie begann, Aufhänger zu suchen, über die sie Gespräche beginnen konnte, um nicht unvermittelt sagen zu müssen: Es geht mir schlecht. 

Am Anfang war es hart: Wie erzählt man jemandem von dem Schock, den das Geräusch eines über ein Blechteil fahrendes Autos auslöst? Wer würde das verstehen?

Irgendwann fing ich an, von meinen Alpträumen zu erzählen.

Polizeiaufgebot in Münster: "Wie erzählt man jemandem von dem Schock?"(Bild: dpa)

Langsam wurde es besser. Ich schaffte es sogar, meiner Familie zu sagen: "Ich glaube, ihr hättet in letzter Zeit mehr für mich da sein müssen."

Als ich ein Festival in Berlin überstand, ohne in den Menschenmassen Panik zu bekommen, war ich stolz auf mich.

Dann kam Münster. Lina hatte sich mit einer Freundin auf eine Decke an den Aasee gesetzt, es gab Süßigkeiten, Bier, hier wollte Lina feiern. Dass sie Stockholm überlebt hatte, es ihr besser ging.

Gegen 16 Uhr rief eine Freundin an. "Das ist bestimmt nichts", sagte sie, "aber ich sage es dir besser: In der Altstadt ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren." 

Es dauerte nicht lang, und Krankenwagen rauschten vorbei, am Himmel kreisten Helikopter und alles war wieder da. Wohin? Welchen Weg nehme ich? Alle anderen sitzen doch noch in aller Ruhe beisammen, muss ich wirklich fliehen, bin ich zu empfindlich? 

Münster am 7. April 2018

  • Bei der Amokfahrt fuhr ein Mann in der Münsteraner Altstadt mit einem Campingbus in eine Menschenmenge. 
  • Dabei kamen drei Menschen ums Leben, darunter der Fahrer, der sich nach Polizeiangaben im Fahrzeug erschossen hat. 20 weitere Menschen wurden verletzt.
  • Bei dem Täter handelt es sich um den 48-jährigen Jens R., der psychische Probleme gehabt und bereits einen Suizidversuch unternommen haben soll. (SPIEGEL ONLINE)

Ich fühlte einen Knoten in meinem Bauch, mein Herz raste. Es ist der Jahrestag, ging mir durch den Kopf, das kann nicht sein. 

Wir packten ein. Meine Freundin zündete sich eine Zigarette an und trabte neben mir her, sie schien ruhiger zu sein als ich.

Doch auch Lina wirkt geordneter als in den Momenten, in denen sie von Stockholm berichtet. Wenn sie beschreibt, was vor sich ging, hört sie sich an, als würde sie etwas Einstudiertes wiederholen, abrufen. 

Ich rief meine Eltern an, sagte: "Hier ist wieder jemand in eine Menge gerast und ich war in der Nähe, aber alles ist okay." Sie boten mir an, nach Münster zu kommen, sie erinnerten sich an unser Familiengespräch, ich glaube, meine Mutter fühlte sich hilflos.

Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich mir selbst hätte überlegen müssen, wie ich nach Hause komme. Eine Freundin holte uns mit dem Auto ab. Wir fuhren zu ihr, schauten Nachrichten, tranken Gin Tonic. Vom Balkon aus betrachtete ich die Helikopter, es war wie in Stockholm.

Doch etwas war auch anders. Ich war ruhiger. Ich hatte das alles schon mal erlebt. Ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn ein guter Moment zu einem furchtbaren wird, in einer Sekunde.

Tatort in Münster: "Reden rettet"(Bild: dpa / Marius Becker)

Das Jahr nach Stockholm hat mir gezeigt, dass ich nicht allein bin. Ich habe gelernt, mich damit abzufinden, dass das Leben jederzeit zu Ende sein kann. Ein Ort ist nicht gefährlicher als ein anderer, man kann überall sterben. Doch solange das nicht passiert, bin ich da, und ich will mir meine Pläne nicht wegnehmen lassen von einem Menschen, der Erfüllung darin findet, anderen Angst zu machen. 

Es gab keinen einzigen Tag seit Stockholm, an dem ich nicht daran gedacht habe. Oft frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, direkt in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Erst die Gespräche mit meinen Freunden zeigten mir, dass Reden rettet. 

Nichts wird mich daran hindern, wieder nach Stockholm zu fliegen, meine Heimat zu besuchen. Ich werde weiter durch Münster radeln, die Stadt, in der ich lebe und studiere. Ich werde Europa bereisen und erkunden und mich über seine offenen Grenzen freuen. Wenn was passiert, bin ich vorbereitet.


Aufgezeichnet von Nike Laurenz. Um Linas Persönlichkeit zu schützen, hat die Redaktion ihr einen anderen Namen gegeben.

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